Mittwoch, 16. August 2017

23. März 2013 14:58 Uhr

NS-Zeit in Augsburg

Ermordet, aber nicht vergessen

Der Augsburger Ernst Lossa wurde totgespritzt. Jetzt besuchte seine Schwester die nach ihm benannte Straße in Pfersee

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„Hallo Ernst, deine Mali ist da. Jetzt habe ich es doch noch geschafft, dich hier zu besuchen, bevor ich sterbe. Du bist nicht vergessen.“

Amalie Speidel zittert und kämpft mit den Tränen. Minutenlang starrt die alte Dame auf den Namen ihres Bruders Ernst Lossa. Die Erinnerungen sind wieder da: Zwei Morphiumspritzen waren es, die Ernst Lossa 1944 töteten. Mit nur 14 Jahren. Umgebracht von den Nationalsozialisten im Zuge des Euthanasieprogramms – weil der junge Augsburger zu der Volksgruppe der Jenischen gehörte.

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Nun steht seine Schwester Amalie an dem Ort, der seit 2007 den Namen ihres toten Bruders trägt, der Ernst-Lossa-Straße auf dem Sheridan-Areal in Pfersee. Kalter Wind weht. Wenigstens einmal, sagt die 82-Jährige, wollte sie diese Widmung selbst sehen. Dabei lächelt sie und freut sich, dass ihres Bruders nach so vielen Jahren in seiner Heimatstadt gedacht wird – an einem Ort, an dem viele Straßen nach Widerstandskämpfern und Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft benannt sind.

Ernst sei kein einfaches Kind gewesen, sagt Speidel. Umtriebig, aber so, „wie normale Buben eben sind“. Nicht für die Nationalsozialisten. Ernst Lossa gehörte zu jenen, die als „lebensunwert“ eingestuft wurden – weil er „Zigeuner“ war und damit im Sinne der Rassenlehre ein Untermensch. Das ist sein Todesurteil.

Am 1. November 1929 wird Ernst in Augsburg geboren. Er wächst in ärmlichen Verhältnissen auf, sein Vater verdient den Lebensunterhalt der Familie als fahrender Händler. Mehrmals wird der Vater inhaftiert, mit anderen Verwandten ins Konzentrationslager Dachau gebracht. Später stirbt er im KZ Flossenbürg.

Mit vier Jahren wird Ernst den Eltern weggenommen und kommt mit seinen beiden Schwestern Anna und Amalie ins Kinderheim nach Hochzoll. Dort bescheinigt man ihm 1940 „Unerziehbarkeit“, weil er kleinere Diebstähle begangen haben soll. Ernst muss in das Jugenderziehungsheim Indersdorf bei Dachau, die Schwestern bleiben zurück.

Ein psychiatrisches Gutachten dort besagt, dass es sich bei dem Jungen „zweifellos um einen an sich gutmütigen, aber völlig willenlosen, haltlosen, fast durchschnittlich begabten, triebhaften Psychopathen“ handle: triebhaft, diebisch, schwer auffällig. Er kommt 1942 in die Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren, später dann in die Zweigstelle Irsee, wo zu dieser Zeit systematisch getötet wird. 209 Kinder werden dort in den Kriegsjahren umgebracht, insgesamt sterben 2300 Patienten – nachdem sie in Vernichtungslager transportiert wurden, nichts zu essen bekamen oder ihnen Medikamente verabreicht wurden.

Auch Ernst Lossa überlebt Irsee nicht. Drei Pfleger der Anstalt geben ihm am 8. August 1944 zwei Spritzen mit Morphium. Fast einen Tag dauert der Todeskampf: Die Lungen füllen sich mit Wasser, Lossa hat Schaum vor dem Mund, stirbt qualvoll. Mit 14 Jahren. In den Akten heißt es später, er sei an einer Lungenentzündung gestorben.

Sein Schicksal als Euthanasie-Opfer gilt in den NS-Strafprozessen der Amerikaner als exemplarisch. Bei der Verhandlung 1949 vor dem Schwurgericht Augsburg sagt der Direktor der Heil- und Pflegeanstalt, Dr. Valentin Faltlhauser, der die Ermordung Lossas angeordnet hatte: „Wenn ich ihn nicht euthanasiert hätte, dann wäre er halt in eine andere Anstalt gekommen.“ Doch Ärzte und Pfleger werden nur zu milden Strafen verurteilt und teilweise freigesprochen.

Was von Ernst Lossa bleibt, ist vor allem ein Bild. Es zeigt den Jungen mit kahl geschorenem Kopf und einem durchdringenden Blick. Aufgenommen wurde es im April 1942 – Ernst war 12 Jahre alt – in der Heil- und Pflegeanstalt Irsee. Genau dieses Bild ist es, das den Journalisten und langjährigen Redakteur unserer Zeitung, Robert Domes nicht mehr losgelassen hat. 2003 bekam er vom damaligen ärztlichen Direktor der Heilanstalt Irsee, Michael von Cranach, die Akte des Jungen. Domes recherchierte, fünf Jahre lang, und schrieb ein Buch: In dem biografischen Roman „Nebel im August“ erzählt er das ergreifende Schicksal des Jungen.

Amalie Speidel blättert oft darin. Dann erinnert sie sich, wie er nachts aus dem Schlafsaal des Hochzoller Kinderheims abgeholt wurde. „Die Männer haben gesagt, dass er es ganz schön haben wird“, sagt Speidel. Bis auf eine Postkarte hat sie nie mehr etwas von ihrem Bruder gehört. Doch hier in Augsburg fühlt sie sich mit ihm verbunden. „Es ist wichtig, dass er nicht vergessen wird“, sagt sie und blickt noch einmal auf das Straßenschild.

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Augsburg | Pfersee | Irsee | Hochzoll | Kaufbeuren

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