Freitag, 20. Oktober 2017

16. Juni 2017 00:31 Uhr

Theater

Es braucht nur eine Hand, schon lebt der Kopf

Bei der Inszenierung „Unruhe im Paradies“ auf der Brechtbühne wirken drei Puppenspieler mit. Bis sie die Figuren richtig bewegen können, mussten sie Jahre studieren. Ist das ein künstlerischer Beruf mit Zukunft?

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Die Puppenspieler (von links) Emilia Giertler, Karin Herrmann und Kaspar Friedrich Weith wirken in der Augsburger Inszenierung „Unruhe im Paradies“ mit. Hier erklären sie, wie das Puppenspiel funktioniert.
Foto: Ulrich Wagner

Diese drei Berliner trauen sich was: kommen nach Augsburg, in die Marionetten-Metropole, um den Menschen das Puppenspiel zu erklären. Denn die Puppenkiste sei ja nur eine Facette von vielen. Karin Herrmann, Emilia Giertler und Kaspar Friedrich Weith studieren zeitgenössische Puppenspielkunst an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch. Dieser Tage wirken sie bei „Unruhe im Paradies“ mit, einer Inszenierung des Theaters Augsburg (wir berichteten). Dabei erwecken sie teils lebensgroße und mehrere Kilo schwere Puppen zum Leben. Zwischen Schminktisch und Kleiderstangen verrät das Trio rund 20 Gästen des Vereins Freunde des Theaters Augsburg, was dahinter steckt.

Eine Reihe Knautschköpfe beobachtet das Treiben von einem Servierwagen aus. Ihre Haut ist bleich, die Münder sind verzerrt, die Augen aufgerissen, als staunten sie über etwas. Auch Furcht und Ekel geben die Gesichter preis. „Die sind aus Schaumstoff“, sagt Herrmann, 29. Sie greift nach einem Kopf mit Halbglatze und steckt ihre Hand dort hinein, wo eigentlich ein Hals beginnen müsste. Der Kiefer und die Augenbrauen des Knautschkopfs beginnen, sich zu regen. Ob das Gesicht eine reale Vorlage habe, fragt ein Gast. Herrmann schüttelt den Kopf: „In diesem Fall nicht.“

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Rund 400 Puppen sind im Fundus der Ernst-Busch-Hochschule aufbewahrt. Manche lassen sich mit Stäben, andere mit Händen führen. Auch Marionetten an Fäden gehören zur Sammlung. Der Wert einer Puppe beträgt oft tausende Euro. Die Studenten haben die Option, auch selbst Puppen zu bauen. Weith, 24, macht das ab und zu. Er hat vor dem Studium eine Zeit lang als Tischler gearbeitet.

Bei „Unruhe im Paradies“ sind verschiedene Puppentypen eingesetzt. Schwester Amanda – eine Nonne mit Kutte und tiefen Furchen im Gummigesicht – wurde extra angefertigt. Sie ist eine Ganzkörperpuppe, deren Mund sich öffnen und schließen lässt. Puppenspieler nennen das Klappmaul. Die Nonne sei eine der beliebtesten Puppen im Stück: Ihre Mimik wirke realistisch, nicht abstrakt. Ein Mann, der die Aufführung aus der Ferne verfolgt hat, habe sogar gesagt: „Was Sie dieser alten Frau zumuten…“ Die zwei Puppenspieler dahinter sind ihm gar nicht aufgefallen.

Nur 40 Studenten lernen auf der Ernst-Busch-Hochschule die Puppenspielkunst. Vergleichbare Akademien sind rar, die nächsten befinden sich in Stuttgart, Krakau und Charleville-Mézières. Vier Jahre lang trainieren die Studenten, Puppen zu führen sowie zu sprechen, tanzen, singen. Auch Pantomime, Fechten und Yoga stehen auf dem Stundenplan. Bewegung, ob in Theorie oder Praxis, ist ein zentrales Element. Um mehr über Motorik zu erfahren, hat Herrmann sogar einen Prothesen-Bauer besucht.

Jetzt sollen die Gäste eine Übung versuchen. Sie heben ihren rechten Arm, bis die Ellenbogen auf Augenhöhe liegen. „Jetzt schwenkt ihr nur den Ellenbogen, die Hand bleibt ruhig. Das trainiert die Gelenke“, weist Weith an. Die Männer und Frauen tun es ihm gleich, bald stöhnen sie auf und lassen die Arme sacken. Puppenspieler halten die Übung stundenlang durch.

Um die Puppe schließlich zum Sprechen zu bringen, imitieren sie zuerst Lippenbewegungen. Bei Vokalen, etwa dem A, klappen sie den Puppenmund auf. Später kommt Ton dazu. Herrmann sagt: „Wir dürfen, anders als Schauspieler, mit der Stimme übertreiben und auch mal die Sau rauslassen.“

In Augsburg stellt die Figur des Sinn-Finders die größte Herausforderung dar: ein Skelett aus Holz und Schrauben, umhüllt von Drahtgitter. Die Puppe hat Gelenke, kann Hüfte und Knie einknicken und mit den Händen kreisen wie bei einem orientalischen Tanz. „Wir haben Bewegungsstudien gemacht: Wie geht ein Mensch in die Hocke, wie erhebt er sich?“, sagt Herrmann.

Wie die Zukunft eines Puppenspielers mit Diplom aussieht, fragt ein Gast. „Rosiger als bei Schauspielern. Von uns gibt es viel weniger“, sagt Giertler, 24. Kindertheater sei ein sicherer Pol, ob auf der Bühne oder bei der Sesamstraße im Fernsehen. Viele wirkten zudem bei Theaterprojekten mit. Weiht findet auch neue Möglichkeiten spannend: Im Studium experimentiert er mit Roboterpuppen und digitalen Masken.

von „Unruhe im Paradies“ am heutigen Freitag und am 25. Juni auf der Brechtbühne.

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Sabrina Schatz

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