Samstag, 28. Mai 2016

21. Juli 2014 10:00 Uhr

Augsburg-Stadt

Flüchtlinge haben im Landtag das Wort

Augsburger Schüler besuchen das Parlament in München. Sie haben zwei Herzenswünsche: eine Lehrstelle und eine Aufenthaltsgenehmigung

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Evans Adeny aus Uganda trat im Bayerischen Landtag ans Rednerpult. Der 19-Jährige hat gerade seinen Hauptschulabschluss bestanden.
Foto: Cynthia Matuszewski

Im Plenarsaal des Bayerischen Landtages nahm eine bunte Gruppe von Jugendlichen Platz. Nach mehrmaliger Aufforderung trauten sie sich sogar auf das Podium. Drei Abschlussklassen der Berufsschulen zwei und sechs aus Augsburg waren zu Gast bei der Grünen-Landtagsabgeordneten Christine Kamm. Rund die Hälfte der 45 Jugendlichen lebt allein in Deutschland. Sie sind ohne ihre Familien aus Äthiopien, Afghanistan, Somalia, dem Kongo, Uganda, Sierra Leone, Guinea, dem Jemen oder Libyen geflohen. Heuer haben sie das Berufsintegrationsjahr gemeistert und werden demnächst ihren Hauptschulabschluss in den Händen halten.

Während im Plenarsaal noch kurz zuvor der Bayerische Landtag zu seiner letzten Sitzung vor der Sommerpause tagte, saßen nun zwei junge Afghanen auf den Stühlen von Horst Seehofer und Christine Haderthauer. Von Ilse Aigners Platz erhob sich der schlaksige Evans Adeny aus Uganda und trat ans Rednerpult. „Heute sollen hier, im Herzen der bayerischen Demokratie, einmal nicht die Politiker, sondern junge Flüchtlinge zu Wort kommen“, hatte es sich die asylpolitische Sprecherin der Grünen, Christine Kamm, ausdrücklich gewünscht.

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Der 19-jährige Evans ist seit zwei Jahren in Deutschland und stolz auf seinen Schulabschluss. Von einem Augsburger Modegeschäft hat der kommunikative junge Mann bereits die Zusage für eine zweijährige Lehre zum Verkäufer bekommen. „Ich glaube, ich bin sehr fleißig“, sagte er und grinste über den Applaus seiner Mitschüler. „Trotzdem kann ich nicht schlafen, denn ich weiß nicht, wie es weiter geht“, berichtete Evans und wurde ernst. Noch würden die Zustimmungen der Ausländerbehörde und der Arbeitsagentur zu seinem Ausbildungsplatz fehlen. Außerdem ist Evans volljährig und habe keine langfristige Aufenthaltsgenehmigung. Theoretisch könnte er also abgeschoben werden. Derzeit muss er sich alle drei bis vier Monate bei den Behörden melden. Da er schon 19 ist, darf er wahrscheinlich auch nicht mehr sehr lange in dem SOS-Kinderdorf bleiben, in dem er sich so wohl fühlt, sondern muss in eine Gemeinschaftsunterkunft umziehen.

Was das bedeutet, weiß er von seinem Mitschüler Hassan Ahmadi. Der junge Mann aus Afghanistan wohnt bereits in der Gemeinschaftsunterkunft Calmbergstraße in Augsburg. Trotz engem Vierbettzimmer, trotz Lärm und Schmutz hat er seinen Hauptschulabschluss geschafft und ist auf der Suche nach einer Lehrstelle als Fliesenleger. „Bei den Jugendlichen ist sehr viel starker Wille vorhanden“, sagte Lehrerin Darja Schneider von der Berufsschule sechs. Trotzdem seien die Umstände belastend. „Wir haben mehrere Jugendliche, die einen Ausbildungsplatz haben. Aber das Warten auf den positiven Bescheid vonseiten der Behörden ist quälend“, so Schneider.

Die Geschichten der Jugendlichen ähneln sich. Zahara Kider Aman ist mit 16 nach Fischach gekommen. Ihre Mutter ist tot, sie hat keine Familie mehr in Äthiopien. Sie möchte gerne Bäckerin werden, eine Lehrstelle ist bereits in Aussicht, aber ihr Aufenthaltsstatus ist noch ungeklärt. Auch Anita Odoki aus Uganda ist Waise. Sie ist noch auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz. „Ich möchte einmal eine große Köchin werden, so wie Nelson Müller“, sagte sie – der ZDF-Fernsehkoch aus Ghana ist ihr Vorbild. „Es wäre super, wenn ich meinen Aufenthalt bekommen würde.“

So aufgeschlossen und mitteilsam die Jugendlichen sind, wenn es um ihre Wünsche und Träume für die Zukunft geht, so ruhig werden sie, wenn sie nach ihrer Flucht oder Vergangenheit befragt werden. Darüber möchten sie lieber nicht sprechen.

Viele haben in ihrer Heimat keine Familie mehr. Sie hoffen auf eine Zukunft in Deutschland. „Wir sind junge Leute und wir wünschen uns die Hilfe der Regierung. Wir möchten hier einen Beruf lernen und selbstständig sein“, fasste Achmed Bilal Naziv aus Afghanistan die Wünsche aller zusammen.

Christine Kamm saß während des Besuchs der Augsburger Schüler auf ihrem Platz im Plenum, stellte Zwischenfragen und hörte sich alles in Ruhe an. Sie lobte die jungen Leute und ihre Lehrer: „Als ich vor einem halben Jahr die Berufsschule zwei in Augsburg besuchte, konnten Sie alle noch nicht so gut Deutsch sprechen.“

Stolz meldeten sich einige Jugendliche, die schon Lehrstellen haben – darunter Friseure, Verkäufer, Zerspanungsmechaniker, Lageristen, Altenpflegehelfer, Gärtner, Bäcker und Kinderpfleger. „Ich setze mich dafür ein, dass jugendliche Flüchtlinge während ihrer gesamten Schul- und Berufsausbildung Schutz vor Abschiebung bekommen. Wir wollen Flüchtlinge in Bayern willkommen heißen“, sagte Christine Kamm abschließend und stellte sich für das obligatorische Erinnerungsfoto im Plenarsaal zu Verfügung.

Und dann strömte die bunte Menge übermütig, quirlig und quasselnd die Freitreppe des Landtages hinunter. „Toll war’s“, sagte Sammie Sandro. Der junge Mann aus dem Kongo wird einmal Altenpflegehelfer. „Schade nur, dass keine Zeit mehr war für ein Foto vor der deutschen Flagge.“   

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