Samstag, 30. Juli 2016

17. Januar 2016 19:10 Uhr

Kommentar

Flüchtlinge in Augsburg: Es wird hart

Schon vor einem Jahr herrschte das Gefühl, beim Thema Asyl am Limit zu sein. Jetzt erwartet die Stadt 6000 Flüchtlinge. Welche Instrumente hat sie überhaupt?

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In Vorbereitung: Erstaufnahmestätte an der Berliner Allee.
Foto: Anne Wall

Diese Woche ruft eine Frau in der Lokalredaktion an, sie ist 61. „Dreckige deutsche Hure“ hatten zwei Afrikaner sie im Vorbeigehen beschimpft. Sie war sprachlos und wütend. „Ich verstehe, dass Menschen aus ihrer Heimat fliehen“, sagt sie. „Aber so etwas macht mir Angst für die Frauen, die jetzt jung sind. Vor allem nach Köln.“ Ein Asylberater erzählt einen Tag später, dass Flüchtlinge zu ihm kommen, um über Köln zu reden, dass sie entsetzt über die Geschehnisse sind, aber auch Angst haben, dass die Deutschen sie jetzt hassen. Im Internet gründet sich eine Gruppe besorgter Bürger. Nachbarn beschweren sich über Müll im Garten einer Unterkunft. Schüler planen einen Stadtrundgang für Flüchtlinge. Umweltschützer schlagen Alarm, weil ein ökologisches wertvolles Grundstück mit Flüchtlingswohnungen bebaut werden soll. Momentaufnahmen zum Thema Asyl.

Aber es gibt nur Momentaufnahmen dazu, sagt Regierungspräsident Karl Michael Scheufele. Augsburg ist abhängig von Entwicklungen, auf die es keinen Einfluss hat und die sich jeden Tag ändern können. Bis jetzt ist es ganz gut gelungen, damit umzugehen, es gab enorme Hilfsbereitschaft. Wer hätte sich vor einem Jahr vorstellen können, dass sich die Zahl der Asylbewerber in der Stadt verdreifacht, wo man doch damals schon das Gefühl hatte, am Limit zu sein? Aber wird es auch so weitergehen?

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Keine riesigen Unterkünfte

6000 Plätze für Asylbewerber prognostizieren Fachleute bis Ende des Jahres. Vorteil ist, dass 2500 Plätze für die Erstaufnahme neu Angekommener vorgesehen sind und bei den minderjährigen Flüchtlingen viele nur vorübergehend in Obhut genommen werden. Für sie muss die Stadt keine Schulklassen einrichten, sich nicht überlegen, wo sie mittel- und langfristig wohnen, wie sie Deutsch lernen und Arbeit finden sollen. Für die Integration der Übrigen, die schwierig genug werden dürfte, besteht eine gute Basis. Augsburg mit seinem hohen Migrantenanteil hat bereits Netzwerke, die andere erst mühsam aufbauen müssen. Die Zusammenarbeit von Tür an Tür, Arbeitsagentur, Stadtverwaltung, Wohlfahrtsverbänden und Wirtschaft ist etabliert, daraus sind pragmatische Programme entstanden, zum Beispiel Deutschkurse für Asylbewerber aus Afghanistan, die sonst keine bekommen. Die überschaubare Größe der Stadt ist ein Faktor, Probleme rechtzeitig erkennen und in den Griff zu bekommen. Ebenso die übereinstimmende Linie von Stadt und Regierung, keine riesigen Unterkünfte einzurichten, wo es schnell zu Aggressionen und Gruppenbildungen kommen kann. Die Berliner Allee mit 500 Personen soll das Maximum sein; auf diese Einrichtung muss man ein besonderes Auge haben.

Die Augsburger sind Menschen mit ausländischen Wurzeln gewohnt, das Gefühl der Überfremdung stellt sich nicht so schnell ein wie in einem Dorf, das auf einen Schlag 100 Asylbewerber aufnehmen muss. Trotzdem ist die Situation schwierig, weil die Großstadt ohnehin schon eine Vielzahl von Randgruppen auffängt und dadurch sozial und finanziell stark belastet ist.

Interessenkonflikte werden sich verstärken

Es gibt bereits Interessenkonflikte und wird sie verstärkt geben: um Jobs und Wohnraum, an Schulen und Kitas, um Fördermittel, um die Art zu leben. Zumal davon auszugehen ist, dass es Flüchtlinge, die sich selber Wohnungen suchen dürfen, eher in die Großstadt zieht als aufs Land. Die Universität wird für die Stadt eine Untersuchung zum Thema Wohnraum erstellen, sie wird sich auch mit diesem Punkt befassen.

In der aufgeheizten Stimmung ist es schwer, einen kühlen Kopf zu bewahren. Objektiver ist die Wissenschaft. Das Berliner Institut für vergleichende Sozialforschung hat in einer Studie herausgearbeitet, wie eng der Spielraum von Kommunen ist. Dennoch gebe es Werkzeuge, mit denen sie Einfluss nehmen können. Um sie effektiv zu handhaben rät das Institut zu einer Steuerungsgruppe. Es rät unter anderem zu einer großzügigen Ausschöpfung von Ermessensspielräumen seitens der Ausländerbehörde, wenn es um berufliche Qualifizierung geht. Außerdem setzt es auf stabile Projekte, frühzeitigen Zugang zu Deutschkursen und Integrationsmaßnahmen, die Einbindung von ehrenamtlichen Mentoren und Migrantenorganisationen, offensive soziale Begleitung und Gesundheitsvorsorge. Wichtig ist auch, dass Polizei und Ordnungsbehörde für Sicherheit sorgen. Es braucht staatliche Finanzmittel – und Geduld. Denn egal wie sich die Zahlen entwickeln: Schon jetzt ist es ein Thema auf Jahrzehnte.

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Ein Artikel von
Ute Krogull

Augsburger Allgemeine
Ressort: Lokalnachrichten Augsburg


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