Vier Familien müssen sich in einer Augsburger Flüchtlingsunterkunft eine Wohnung teilen. Mittendrin Kinder und eine verwirrte 80-Jährige. Sie leiden unter den beengten Zuständen. Von Ute Krogull

Fragt man Ahmed Akbarzade aus Herat in Afghanistan, warum er nach Deutschland floh, antwortet er mit einer Geste. Die Geste, die man macht, wenn man symbolisch jemanden erschießt. Er zielt dabei auf seine drei Kinder. Um ihr Leben hatte er Angst in dem vom Krieg gebeutelten Land, signalisiert er. Mehr kann er noch nicht ausdrücken: Die Familie kam erst vor gut einem Monat in Augsburg an.
Die Kurdin Silvana Setrat floh mit ihrer Familie vor zehn Jahren aus Syrien. Seitdem lebt sie in Flüchtlingsunterkünften, jetzt in der Schülestraße. Ihr Sohn hat es dort herausgeschafft, machte einen Schulabschluss und eine Mechanikerlehre. Doch der Verdienst reicht nicht, Mutter und Großmutter zu sich zu holen. Die Großmutter, Sara Ibrahim, ist 80. Mit ihrer Tochter teilt sie sich einen Raum der Vier-Zimmer-Wohnung. Insgesamt wohnen dort vier Familien, 13 Personen. Tagsüber tollen Kinder durchs Haus, denn draußen gibt es keinen Platz zum Spielen. Nachts ist lange Lärm. Manchmal von Besuchern, manchmal von Menschen, die in Albträumen schreien. Für Sara Ibrahim ist das schlimm. Sie ist verwirrt, hat Angstzustände und Herzprobleme, wie ein Arzt bestätigt.
Junge und alte Menschen, Schwangere, Kranke, Behinderte und Traumatisierte: Sie leiden besonders unter den beengten Zuständen in den Unterkünften. Daher sollen sie so schnell wie möglich dort heraus. Das fordern alle Parteien des Landtags - bis auf die CSU. Am Donnerstag ist die entscheidende Sitzung des Sozialausschusses. Vorsitzende ist die Merchinger FDP-Abgeordnete Brigitte Meyer. Sie gibt zu, dass die Regierungskoalition von CSU und FDP bei diesem Thema keine gemeinsame Linie gefunden hat. Man strebe sie aber bis Donnerstag an. Verbesserungen in den Flüchtlingsunterkünften sind laut Meyer ein Muss, denn: "Da geht es um Menschlichkeit." Meyer fordert keine völlige Auflösung der Heime. Manche seien in Ordnung, so die Familienunterkunft in der Windprechtstraße.
Die Augsburger Grünen-Abgeordnete Christine Kamm holte unlängst eine Familie mit Baby in der Schülestraße aus einem Zimmer heraus, das von Flöhen verseucht war. Sie befürchtet, dass alles darauf hinausläuft, dass die Zustände nur ein bisschen weniger schlecht werden. Dass man Mindeststandards festlegt wie: ein Hausaufgabenzimmer, damit Kinder ihre Schularbeit nicht am Boden kauernd erledigen müssen. Oder ein Ablagebrett für jede Familie in der Küche. Schon jetzt seien die Unterkünfte schäbiger als ein Gefängnis. Kamm belegt das: Im offenen Vollzug der Justizvollzugsanstalt Aichach habe eine Mutter zehn Quadratmeter Platz für sich, für jedes Kind nochmals 4,8 Quadratmeter. Davon können Familien in Asyllagern nur träumen.
Krankheiten nehmen zu
Acht Quadratmeter streben Hilfsorganisationen hier als Standard an, vier bis fünf sind es nach Schätzung von Matthias Schopf-Emrich, Flüchtlingsberater der Diakonie. "Seit dem Herbst gibt es enorme Zuwächse. Die Häuser sind voll. In der Schülestraße leben jetzt 200 Menschen in zwei Häusern. Früher hatte eine Familie zwei Zimmer, jetzt nur noch eines." Stress, Konflikte und Krankheiten nehmen dadurch laut Schopf-Emrich zu.
Fast 600 Flüchtlinge leben in Augsburg - die Hälfte des schwäbischen Kontingents. Weitere stünden vor der Tür und man wisse nicht, wohin mit ihnen. Die Regierung von Schwaben als zuständige Behörde schreibt auf AZ-Anfrage: "Derzeit können wir noch alle uns vom Landesbeauftragten zugewiesenen Personen in den zur Verfügung stehenden Unterkünften verteilen."
Die meisten Parteien und Sozialverbände sehen die Lösung darin, die Flüchtlinge nach einem Jahr in Wohnungen unterzubringen. Dass das billiger ist, belegen Beispiele in anderen Bundesländern. Die SPD rechnet vor, dass ein Flüchtling im Monat 600 Euro kostet, davon 400 für die Unterbringung. Davon lasse sich locker eine Wohnung finanzieren. In Augsburg lagen die Gesamtbetriebskosten für die vier Unterkünfte 2008 bei 1,61 Millionen Euro. Von Ute Krogull
Jetzt bestellen! Das neue iPad inkl. e-Paper.|
|
Artikel kommentieren
| Artikel bewerten: