Donnerstag, 29. September 2016

09. Januar 2016 12:26 Uhr

Augsburg

Frau steckt Haus in Brand, um zu sterben

Eine 27-Jährige war psychisch am Ende, legte Feuer und wurde gerettet. Jetzt musste sie sich in Augsburg vor Gericht verantworten. Das Urteil soll ihr Hoffnung machen. Von Klaus Utzni

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Am 16. August brannte es in der Schißlerstraße. Eine junge Frau hatte Feuer gelegt. Sie wollte sterben.
Foto: Anne Wall (Archiv)

Claudia M. (Name geändert) hat nun 27 Jahre ihres Lebens gelebt. Ein Leben voller enttäuschter Hoffnungen, voller Einsamkeit, voller Traurigkeit, Ängsten und Depressionen. Ein Leben, bei dem so ziemlich alles schief gelaufen ist. Ein Leben, das vor fünf Monaten, am Abend des 16. August, einem dramatischen Tiefpunkt entgegen steuert: Claudia M. betrinkt sich, beschließt, ihrem Leben ein Ende zu setzten, verschüttet Spiritus und steckt ihre Dachgeschoss-Wohnung in der Schißlerstraße in Oberhausen in Brand. Wenigstens in diesem schlimmen Minuten hat sie Glück im Unglück: Der Hausbesitzer rettet sie ins Freie. Niemand kommt zu Schaden. Nun musste sich Claudia M. wegen schwerer Brandstiftung vor einem Schöffengericht unter Vorsitz von Stefan Lenzenhuber verantworten. Es endete mit einem Urteil, dass der jungen Frau eine neue Lebensperspektive eröffnet.

Claudia M. lernt Vater erst spät kennen

Claudia M. wird von ihrer Mutter allein groß gezogen. Ihren Vater – bis heute die einzige echte Bezugsperson – lernt sie erst mit 13 Jahren kennen. Als Kind schwänzt sie die Schule, reißt mehrmals von zu Hause aus, hat große Probleme mit ihrer Mutter. Sie kommt in eine Wohngemeinschaft, gerät früh in Kontakt mit allerlei Drogen, hat Freitodgedanken, fügt sich selbst durch Ritzen Schmerzen zu, muss mehrmals in die Psychiatrie. Sie schlägt schließlich Wurzeln in Heidelberg, hat dort einen guten Job als Bedienung, aber nie eine feste Beziehung. Weil sie näher an ihrem in München lebenden Vater sein will, zieht sie schließlich im vergangenen Jahr nach Augsburg, lebt mit einem jungen Mann in einer Zweier-WG in der Schißlerstraße. Dort türmen sich die Probleme erneut.

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Die Job-Suche geht schief, ihr Mitbewohner erwidert ihre Gefühle nicht, zieht schließlich aus. Claudia fühlt sich einsam und verlassen, hat keine Freunde, ist am Ende. Zu ihrem Vater kann sie nicht, der ist im Urlaub. Da ruft sie an jenem Sonntag, 16. August, in ihrer Verzweiflung ihre Mutter an. Doch die reagiert ablehnend, will mit ihrer Tochter offenbar nichts mehr zu tun haben. Claudia M. betrinkt sich, will sterben. Sie nimmt den Spiritus und zündet die Dachgeschosswohnung in dem Mehrfamilienhaus, in dem sieben Menschen leben, an Brand.

Brand in Oberhausen: Hausbesitzer greift ein

Ein Glück, dass der Hausbesitzer, 40, sich zu diesem Zeitpunkt in einer Garage in der Nähe aufhält. Er hört Schreie von der Straße: „Das Haus brennt!“ Daraufhin rennt er sofort zum Brandort, wo bereits dichter Qualm aus einem Dachfenster dringt, Flammen meterhoch herausschlagen. Der Mann trommelt an allen Wohnungstüren, alarmiert die Bewohner und stürmt zum Dachgeschoss hinauf. „

Sie stand in der offenen Tür, Rauch drang heraus, alles war schwarz. Ich zog sie weg, aber sie wehrte sich“, schilderte der Vermieter vor Gericht die dramatischen Sekunden der Rettung. Ein anderer Mann sei ihm zu Hilfe gekommen. „Sie hat sich fest am Geländer geklammert, wollte immer wieder in die brennende Wohnung zurück. Ich musste ihr richtig auf die Finger klopfen, sie hart anpacken“.

Beide Helfer brachten die Frau ins Freie, übergaben sie der Polizei. Die Beamten hatten alle Mühe mit ihr. Ein Polizist erinnerte sich als Zeuge: „Wir mussten sie festhalten, schließlich zu Boden ringen und fixieren, sie dann wegtragen. Sie war total neben der Spur, in einer anderen Welt“. Claudia M. biss den Notarzt, bekam schließlich eine Beruhigungsspritze.

Claudia M.: "Ich war im Ausnahmezustand"

„Mir ging es schlecht, ich war in einem Ausnahmezustand, wollte nicht mehr leben. Ich habe nicht an die anderen im Haus gedacht. Das tut mir leid“, bedauerte die 27-Jährige (Verteidigerin: Cornelia McCready) im Prozess. Sie wisse nur noch, „dass da Flammen waren“. „Ich bin froh, dass ich noch am Leben bin. Solche Gedanken möchte ich nie mehr haben“, wünschte sie sich. „Ich möchte wieder selbstbewusster, stärker werden, will nach Heidelberg zurück.“ Staatsanwalt Maximilian Klein, Verteidigerin McCready und das Gericht sind sich am Ende einig, dass Claudia M. in einer Ausnahmesituation einen „hoch gefährlichen Brand“ gelegt hat und dafür bestraft werden muss. Doch das Urteil soll ihr aber Hoffnung machen.

Eine zweijährige Bewährungsstrafe macht es möglich, dass Claudia M. nach fünf Monaten Untersuchungshaft wieder frei kommt. Sie bekommt einen Bewährungshelfer zur Seite und muss, wie es auch der Gutachter, der Psychologe Dr. Johannes Vietz, empfohlen hat, eine Therapie machen. Ihr künftiges Leben wird nicht leicht werden: Nach dem Feuer musste das Haus saniert werden. Der Eigentümer bezifferte die Kosten auf 600000 Euro. Die Brandversicherung zahlt den Schaden, wird aber, soweit möglich, die Brandstifterin in Regress nehmen.

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