Donnerstag, 29. Juni 2017

25. November 2013 07:00 Uhr

Augsburg

"Geile Freier vor spielenden Kindern": Protest gegen Bordell

Das Geschäft mit dem Sex in Augsburg boomt. Seit der Straßenstrich verboten ist, arbeiten noch mehr Frauen in Wohnungen. In der Morellstraße schreckt eine Warnung die Anwohner auf.

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Wer hier läutet, will vermutlich zu einer Prostituierten – dieses Klingelbrett befindet sich am Eingang eines Hauses in Haunstetten, in der immer wieder Frauen ihren Körper verkaufen. Seit der Straßenstrich in Augsburg verboten wurde, geht der Trend erst recht zu Wohnungsbordellen. Die Stadt wollte das regulieren, doch die Pläne liegen derzeit auf Eis.
Foto: Silvio Wyszengrad

Die Zettel liegen eines Tages plötzlich in den Briefkästen in der Morellstraße. Keiner weiß, wer sie verteilt hat. Der anonyme Verfasser macht Stimmung gegen eine Bordellwohnung. Er warnt vor „geilen Freiern“, die an spielenden Kindern vorbeigehen, vor Drogen und Zuhälterei. Die meisten Anwohner sind überrascht. Sie wussten nicht, dass Frauen in ihrer Nachbarschaft ihren Körper verkaufen. Das ruhige Antonsviertel – eine Rotlichtmeile?

Wer an einem regnerischen Novembernachmittag durch die Straße geht, der spürt nichts von einem angeblichen Problem mit Prostitution. Es ist vollkommen ruhig. So schätzt auch die Polizei die Situation in der Straße ein. Dort vermutet man, dass ein Bordellbetreiber, der in Augsburg gut im Geschäft ist, die Zettel verteilen ließ, um Konkurrenten das Leben schwer zu machen.

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„Die Rotlichtbranche boomt weiterhin enorm“, sagt Augsburgs Kripo-Chef Klaus Bayerl. „Entsprechend groß ist eben auch der Konkurrenzkampf im Milieu.“

Die Bordellwohnungen sind meist unauffällig

Prostituierte arbeiten inzwischen fast überall in der Stadt. Große Bordelle wie das „Colosseum“ stehen zwar in den Gewerbegebieten. Aber es gibt kein Stadtviertel, in dem nicht irgendwo eine Bordellwohnung zu finden ist. Die Wohnungen sind von außen meist unauffällig. Selbst am Klingelschild steht oft nur ein ganz normaler Familienname.

Doch die Freier wissen, wo sie hin müssen. Im Internet gibt es auf diversen Seiten ganze Sammlungen von Adressen. Seit die Stadt Anfang des Jahres den Straßenstrich verboten hat, hat sich das Geschäft noch weiter in die Wohnungen verlagert. Offiziell spricht die Polizei von derzeit rund 130 Bordellwohnungen im Stadtgebiet. Doch es gibt auch Beamte, die inzwischen von einer Zahl jenseits der 200 ausgehen.

Genaue Zahlen über das Ausmaß der Prostitution in der Stadt gibt es nicht. Nach Schätzungen der Kripo bieten rund 700 Frauen ihre Dienste an – viele davon hinter den Fassaden von ganz normalen Wohnhäusern, die meisten kontrolliert von Zuhältern. Es sei schwierig, den Überblick zu bewahren, heißt es bei der Stadt. Schließlich seien die meisten Wohnungsbordelle nicht gemeldet.

„Es ist ein Hase-und-Igel-Spiel, das schwer zu gewinnen ist"

Schließt die Stadt eine Bordellwohnung, entsteht in der Regel sofort anderswo eine neue. „Es ist ein Hase-und-Igel-Spiel, das schwer zu gewinnen ist“, sagt ein Insider bei der Stadtverwaltung. Die Stadt versucht zu verhindern, dass sich Bordellwohnungen in einem Viertel oder Straßenzug konzentrieren. Immer wieder geht sie deshalb gegen Rotlicht-Wohnungen vor – etwa in Oberhausen oder Rechts der Wertach. In reinen Wohnvierteln kann Prostitution verboten werden, weil Wohnungen dort nicht gewerblich genutzt werden dürfen.

Ordnungsreferent Volker Ullrich plante, neben dem bestehenden Rotlicht-Sperrbezirk in der Innenstadt weitere Zonen einzurichten, in denen Prostitution komplett verboten ist. Er dachte vor allem daran, die Zentren der Stadtteile zu schützen. Doch Ullrich ist inzwischen CSU-Bundestagsabgeordneter in Berlin – und das Amt des städtischen Ordnungsreferenten derzeit unbesetzt. Aus den Plänen wird deshalb wohl vorläufig nichts mehr.

Dabei können Bordellwohnungen durchaus unangenehm sein für die Nachbarschaft – vor allem, wenn sie in einem Bereich geballt sind. Anwohner in der Mittelstraße im Wertachviertel erzählen etwa immer wieder, das sich Freier nachts in der Tür irren und Sturm klingeln. In der Morellstraße hängt jetzt neben einer Haustür ein Zettel mit einem großen Stopp-Schild – er verweist Freier darauf, dass die „Massagepraxis“ nicht hier, sondern in einem Nebengebäude ist. Und leidet der Ruf eines Viertels erst einmal, dann leidet automatisch auch der Wert der Immobilien dort.

Augsburger Kripo-Chef fordert schärfere Gesetze

Kripo-Chef Klaus Bayerl sieht nur eine Möglichkeit, den Wildwuchs in der Sexbranche zu stoppen: Die Gesetze, die vor einem Jahrzehnt gelockert wurden, müssten wieder verschärft werden. Er fordert, dass Frauen erst mit 21 Jahren im Rotlichtmilieu arbeiten dürfen – und wünscht sich Meldepflichten für Prostituierte. Womöglich kann sich Klaus Bayerl schon bald über Fortschritte freuen. Bei den Koalitionsverhandlungen in Berlin arbeiten Union und SPD an neuen Regeln. Im Hintergrund mischt auch Volker Ullrich mit. Er sagt: „Es sieht so aus, als ob sich endlich etwas bewegt.“

TV-Tipp Der Augsburger Hauptkommissar Helmut Sporer ist am Dienstagabend zu Gast in der Sendung „Menschen bei Maischberger“ (Das Erste, 22.45 Uhr). Es geht um die Frage, ob Prostitution verboten werden soll. Sporer leitet das für das Rotlichtmilieu zuständige Kommissariat bei der Kripo.

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Jörg Heinzle

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Ressort: Lokalnachrichten Augsburg


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