Donnerstag, 14. Dezember 2017

02. September 2017 08:44 Uhr

Augsburg

Gewinnspiel-Masche: Betrüger versprechen Geld und verlangen Gebühren

Am Telefon versprechen sie Gewinne und wollen doch nur abzocken. Die Kripo ist Tätern auf der Spur, die Opfer mit Tricks unter Druck setzen. Hintermänner sitzen in der Türkei. Von Klaus Utzni und Jörg Heinzle

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Von einem Büro in der Türkei aus riefen die Betrüger wahllos Nummern in Deutschland an. Sie wollten an Geld kommen, was in vielen Fällen gelang.
Foto: Arno Burgi, dpa (Symbolbild)

Es ist die Gier und die Hoffnung auf schnelles Geld. Wenn dann noch Naivität und Leichtgläubigkeit hinzukommen, haben Betrüger leichtes Spiel. Mit einer ausgeklügelten Gewinnspiel-Masche hat eine internationale Bande, die von der Türkei aus operierte, Dutzende von Menschen reingelegt und sie um über 100.000 Euro abgezockt. In mühseliger Ermittlungsarbeit hat die Augsburger Kriminalpolizei die von der Bande angewandte Methode, die alle Spuren zu den Hintermännern verschleiern sollte, aufgedeckt. In Haft sitzt derzeit allerdings nur ein untergeordnetes Mitglied der kriminellen Organisation.

Vor der dritten Strafkammer des Landgerichts unter Vorsitz von Roland Christiani war jetzt ein 27-jähriger Türke aus Augsburg der Geldwäsche in 185 Einzelfällen angeklagt. Die Betrüger betrieben einigen Aufwand: Ehe sie zuschlugen, hatten sie umfangreiche Vorarbeit über das Internet geleistet.

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Betrüger verschafften sich Zugang zu vielen Packstationen

Schritt eins: Sie schlichen sich übers Netz in das Zustellsystem der Post ein, spähten Paketkonten von Postkunden aus, die jahrelang nicht benutzt worden waren. Dann tauschten sie deren persönliche Daten, E-Mail-Adressen und Telefonnummern aus. Sie legten unter frei erfundenen Namen eigene Benutzerkonten an. So waren die Betrüger in der Lage, Postsendungen an zahlreichen Paketstationen im Raum Augsburg und München anonym abzuholen.

Schritt zwei: Von einem Büro in der Türkei aus rief eine Gruppe redegewandter Mittäter wahllos Telefonnummern in Deutschland an. Die Anrufer sprachen gut deutsch. "Gratuliere, Sie haben 49.000 Euro gewonnen", gaukelten die Betrüger beispielsweise vor. Um die Summe überwiesen zu bekommen, müsse der Gewinner zuvor allerdings 900 Euro Gebühren zahlen. Bissen die Opfer auf den ausgelegten Köder an (die meisten hatten sich überhaupt nicht an einem Gewinnspiel beteiligt), dann lief eine perfekt geölte Maschinerie an. Es meldeten sich am Telefon ein angeblicher Banker, ein vermeintlicher Notar oder ein "Rechtsanwalt", die alle darauf drängten, den Gewinn endlich auszulösen. Nach und nach stiegen dabei auch die "Gebühren". Nein, es habe sich um einen Zahlendreher gehandelt, spielte man den Opfern dabei vor. Nicht 49.000 Euro hätten sie gewonnen, sondern sogar stolze 94.000 Euro. Damit seien aber auch höhere Gebühren fällig.

Gewinnspiel-Masche: Viele Menschen ließen sich übertölpeln

Zahlreiche vermeintliche Gewinner ließen sich übertölpeln. Sie zahlten die Gebühren entweder bar über die Geldtransferfirma Western Union ein. Sie schickten Bares per Postpaket an eine Packstation. Oder sie kauften Wertgutscheine beim Internethändler Amazon oder anderen Onlineplattformen und gaben die Geheimnummer dafür per Telefon an die Betrüger durch. Von der Türkei aus löste dann der Vater des nun in Augsburg angeklagten Mannes via Internet die Gutscheine ein. Er bestellte serienweise teure Mobiltelefone, Digitalkameras, Computer, sündteure Designer-Handtaschen und auch kleine Goldbarren. Auf der Bestellliste standen seltsamerweise aber auch alltägliche Dinge wie ein T-Shirt für 8,26 Euro, diverse Pillen, ein Haarshampoo und sogar – was alle Prozessbeteiligten schmunzelnd erstaunte – eine Tube Zahnpasta für gerade mal 4,91 Euro.

Die Opfer sahen von ihren angeblichen Gewinnen keinen Cent. Einige erstatteten Anzeige, viele schämten sich und hielten ihren Reinfall geheim. Ein Mann verlor fast 11.000 Euro. Bei der Kripo weiß man, dass die Betrüger ein Opfer, das sie erst mal an der Angel haben, so lange wie möglich ausnehmen – ohne Skrupel. Oft treffe es ältere, auch einsame Menschen. Sie hätten den Psychotricks der Kriminellen wenig entgegenzusetzen.

Eine Frau hatte versucht, 5800 Euro "Gebühren" per Western Union an die Betrüger zu transferieren. Doch das Unternehmen hatte den Empfänger in Bulgarien bereits gesperrt. So schickte die Frau das Geld per Postpaket an eine der Paketstationen, bekam dann doch Zweifel und schaltete die Polizei ein. Daraufhin wurde die Paketstation in Augsburg überwacht und der Angeklagte beim Abholen des Geldpäckchens erwischt. In seiner Hosentasche befanden sich 2100 Euro und acht kleine Goldbarren.

Wie der 27-jährige Türke, verteidigt von Florian Engert nun einräumte, hatte er die ausgelieferten Waren zunächst in seiner Wohnung gelagert. Sein Vater suchte via Internet Käufer, denen der Sohn dann die gewünschten Artikel zuschickte. Abkassiert hatte der Vater in der Türkei, gegen den ein Haftbefehl besteht. Der Nachweis der 185 Straftaten entpuppte sich als Mammutaufgabe für eine kleine Ermittlungsgruppe der Kripo. Der Angeklagte hatte sich für seine Aktivitäten an den Paketstationen sieben Aliasnamen und gefälschte Identitätsausweise zugelegt. Aus Datenspuren, Telefonnummern, E-Mail-Adressen, Postnummern und Sendungsverfolgungen gelang es der Kripo, aus dem Wirrwarr von Daten einzelne Fälle herauszuarbeiten. Zum Verlesen der Anklage benötigte Staatsanwalt Benjamin Junghans im Prozess satte drei Stunden.

Die federführende Kripobeamtin vermutet hinter der Abzocke eine "große Organisation". Nur so sei das ausgefeilte Vorgehen möglich gewesen. Ermittler stoßen bei ihrer Spurensuche in solchen Fällen immer wieder auf große Telefon-Center in der Türkei, von denen aus die betrügerischen Anrufe getätigt werden. Es ist offensichtlich recht einfach, an Personal zu kommen.

Betrüger geben sich als Mitarbeiter der Lotterie aus

Das Magazin Der Spiegel hatte vor einiger Zeit berichtet, dass auch junge Deutschtürken, die längere Zeit in der Bundesrepublik gelebt haben oder sogar hier geboren sind, solche Jobs übernehmen. Mit unterschiedlichsten Maschen und dem Einsatz spezieller Computersoftware telefonieren sich demnach Dutzende Betrügernetzwerke mit Sitz in der Türkei quer durch die Republik. Mal geben sie sich als Mitarbeiter einer Lotterie aus, mal als Staatsanwalt oder als Polizist. Das Bundeskriminalamt schätzte die jährliche Schadenssumme schon einmal auf einen dreistelligen Millionenbetrag. Vor Haftbefehlen der deutschen Justiz seien die Täter in der Türkei in aller Regel sicher.

Der jetzt in Augsburg angeklagte 27-Jährige sei eher als letztes Glied in der Kette zu sehen, lautet die Einschätzung der Kripo. Ein Kanonenfutter, einer, der dem größten Risiko der Entdeckung ausgesetzt gewesen sei. So sah es auch das Gericht, das eine Haftstrafe von zwei Jahren und elf Monaten festsetzte. Richter Roland Christiani: "Der Angeklagte hat kritiklos das gemacht, was sein Vater gesagt hat."

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