Freitag, 20. Oktober 2017

13. Januar 2012 23:00 Uhr

Heimat mit Haarrissen

Caroline Mardaus verarbeitet Meringer Kindheit im Roman

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Vor Urzeiten war sie ein mächtiger, reißender Strom, der seine Kraft an ganzen Höhenzügen erprobt hatte. Längst aber ist die Paar zahm geworden. Eine gewisse urwüchsige Eigenart haben sich allerdings ihre Anwohner bewahrt, denen die Augsburger Schriftstellerin Caroline Mardaus nach „Im Tintenfischgarten“ ihren zweiten Roman ihrer „Bagalutten“-Trilogie gewidmet hat. 1958 geboren, wuchs sie in Mering auf, und unschwer erkennt der Leser in den „Paarlandschaften“ die Zeit und die Räume ihrer Kindheit.

Der Roman blendet zurück in die Epoche, als nach den ungeliebten Flüchtlingen und den Spätheimkehrern erste Gastarbeiter ankamen. Auch im Dorf besteht keine homogene Gesellschaft mehr. Dante Scalisi, der Italiener, der in der Maschinenfabrik schuftet, wird lange geschnitten, während die Dorfjugend in der Eisdiele der Giardinos schon zu Hause war. Mardaus beschreibt das allgegenwärtige Drinnen und Draußen mit scharfem analytischen Verstand und dichter Poesie.

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Haarrisse durchziehen das Zusammenleben in diesem Ort, der vorgelagert noch eine Siedlung der vom Weltkrieg Entwurzelten hat. Sei es der geistig minderbemittelte uneheliche Sohn einer Magd, der aber feinfühlig aus den Stimmen die Menschen versteht. Sei es die selbstbewusste Tochter Lore, die es sogar auf einen regelrechten Kampf mit ihrem herrischen Vater ankommen lässt, damit sie – noch nicht volljährig – mit Dante nach Italien fahren darf. Sei es Rudi Pratowiak, der Redakteur des „Anzeigers“, der vom kühlen Marmor des Vatikans träumt, während er in der öden Provinz im großen Spiel der Macht mitmischen will.

Zwischen kindlichen Phantasien und weltpolitischen Ereignissen

In dem fein gewebten Roman begegnet man diesen Figuren in prägnanten Episoden. Dazwischen schildert Mardaus die Landschaft, flicht die weltpolitischen Ereignisse ein, hängt kindlichen Phantasien nach.

Die bei weitem rätselhafteste Gestalt ist, wie im richtigen Leben, das Oberhaupt der Familie Brenner, die im Roman die zentrale Rolle einnimmt. Otto Brenner, Ingenieur, wurde in Texas geboren, musste mit den Eltern wieder nach Europa, diente bei der SA, kehrte spät aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück, hadert mit seinem Beruf – und geht fremd mit der Lehrerin. Derweil erfreut sich seine Ehefrau Hilde mit den Tragödien des Euripides, mit Hölderlin und Novalis und versteckt ihr SPD-Parteibuch im Nähkästchen. Was Biografie und was literarische Freiheit ist, lässt die Autorin offen. Sie selbst kommt nur im Plural als „die Zwillinge“ vor, die Paul, den Medizinstudenten, und Lore betrachten.

Info Caroline Mardaus: Paarland-schaften, MaroVerlag Augsburg, 318 Seiten, 15,80 Euro. Caroline Mardaus liest aus ihrem Roman am Freitag, 27. Januar, um 19.30 Uhr in der Neuen Stadtbücherei in Augsburg.

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Schlagworte

Mering | Augsburg | Italien | Texas | SPD

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Alois Knoller

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