Dienstag, 26. September 2017

30. Januar 2014 13:53 Uhr

„Ich bin vielen nicht jüdisch genug“

Miriam Friedmann setzt sich dafür ein, dass Juden und Deutsche wieder unbeschwert miteinander umgehen. Ihr großes Anliegen ist es, in Augsburg einen Ort zu schaffen, an dem an die NS-Opfer erinnert wird

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Miriam Friedmann ist etwa ein Jahr alt und in den USA, als sich ihre Großeltern in Augsburg das Leben nehmen. Es ist der 7. März 1943. Am nächsten Tag sollen Selma und Ludwig Friedmann deportiert werden, eine Zwangsenteignung und die Umsiedlung in ein Judenhaus haben die Augsburger Textilunternehmer bereits erleben müssen. Ihr Suizid, den sie gemeinsam mit vier anderen jüdischen Paaren begehen, ist ein Akt der Verzweiflung. Einer, der ihnen ihre Würde bewahrt. Er ist auch ein Protest gegen das Regime der Nationalsozialisten.

Über 70 Jahre später sitzt Miriam Friedmann in ihrer Augsburger Wohnung. Vor 14 Jahren ist die gebürtige Amerikanerin aus New York hierher gezogen – in die Stadt, in der ihre Wurzeln liegen. Vom Wohnzimmer aus geht der Blick zu St. Ulrich, zur Innenstadt sind es zwanzig Fußminuten. Miriam Friedmann lehnt sich zurück, trinkt eine Tasse Tee und beginnt von ihrer Vergangenheit zu erzählen.

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„Meine Eltern waren, wie viele andere, traumatisiert“

Es ist eine Geschichte von Flucht und Vertreibung, von Tod und schmerzlichen Erinnerungen. Und es ist eine Geschichte, die sich die heute 72-Jährige erarbeiten musste: „Meine Eltern haben sehr wenig von Augsburg gesprochen, weil sie, wie so viele andere in ihrer Situation, traumatisiert waren. Was ich weiß, habe ich mir weitgehend aus Dokumenten zusammengesucht.“

Vom Freitod der einen Großeltern und der Deportation der anderen, von der Flucht der Eltern über Italien, England und Kanada in die USA erfährt Friedmann erst mit zwölf. Das Wort Flucht – „ich verwende es lieber als Emigration, weil das etwas Freiwilliges gewesen wäre“ – taucht in den Erzählungen nicht auf: „Meine Eltern haben das Schlimme hinter sich gelassen, um nach vorne zu schauen.“

Dass die Friedmanns Juden sind, spielt in den Staaten nur anfangs eine Rolle: „Die USA waren im Zweiten Weltkrieg restriktiv gegenüber jüdischen Flüchtlingen. Man kam nur hinüber, wenn jemand eine Bürgschaft unterzeichnet hatte.“ Doch als die Familie drüben ist, ist ihre Herkunft kein Thema mehr. Für Miriam Friedmann ist das bis heute so geblieben: „Ich bin ein Mensch wie jeder andere, der eben zufällig Jude ist.“ Gerade diese Einstellung aber irritiere die Menschen: „Ich bin ihnen nicht jüdisch genug.“

Dass manche ihr gegenüber befangen sind, wenn sie um ihr Jüdischsein wissen, ist für Miriam Friedmann manchmal belastend. „Ich möchte, dass Deutsche und Juden wieder unbeschwert miteinander umgehen.“

In Augsburg – und nicht nur hier – ist bis dahin noch ein Stück Weg zu gehen. Dies gilt auch für die jüdische Gemeinde, die seit Ende der 1980er Jahre wieder wächst. Deutsche Juden gibt es nur noch eine Handvoll. Die meisten heutigen Augsburger Gemeindemitglieder stammen aus der ehemaligen Sowjetunion und damit aus einer völlig anderen Tradition. Das bringe, sagt Friedmann, „manche Schwierigkeiten mit sich“. Auch Miriam Friedmann kommt als Kind wenig mit jüdischen Traditionen in Berührung. „Es gab nur noch zwei andere jüdische Familien in unserer Stadt in Arkansas.“

Wenn sie heute durch die Straßen Augsburgs geht, beschleicht die zierliche Frau ein Gefühl, das sie mit einem einzigen Satz umschreibt: „Die Stille schreit.“ In den Häusern, die einst ihrer Familie gehörten, sind heute eine Bank und ein Fastfood-Restaurant untergebracht. An die ehemaligen Besitzer erinnert nichts. Lediglich die Kreissparkasse brachte vor einigen Jahren auf Friedmanns Bitte eine Gedenktafel an: Es war das Haus, in dem Selma und Ludwig Friedmann ihre Wäschefabrik unterhielten.

Ihre Enkelin wünscht sich, dass die Spuren der jüdischen Familien in Augsburg wieder sichtbar werden. „Es reicht nicht, einmal im Jahr am 9. November betroffen zu sein, wenn es um die jüdische Geschichte der Stadt geht“, sagt sie mit ihrem amerikanischen Akzent – und will dies als ebenso unüberhörbare Anregung an die Stadtspitze verstanden wissen.

„Stolpersteine“ aus Messing auf Gehwegen

Es gibt nur wenige Erinnerungsorte, dafür aber einige Initiativen, die dies ändern wollen. So gibt es Bestrebungen, die „Halle 116“ im Sheridan-Areal zu einem „Lernort Frieden“ zu machen. Miriam Friedmann und ihre Mitstreiter denken aber beispielsweise auch an „Stolpersteine“ – in Gehwege eingelassene Messingtafeln – mit den Namen jüdischer Opfer aus Augsburg. Ebenso wichtig ist es Friedmann, auch andere Opfer des NS-Regimes zu erwähnen: „Sinti, Roma, Homosexuelle, Behinderte, politisch und religiös Verfolgte waren ebenso unter den Opfern.“

Es ist ihre Offenheit, die Miriam Friedmann hilft, ein Leben zu führen, auf das nicht ständig Schatten der Vergangenheit fallen. Sie hat als Lehrerin gearbeitet und bei der UNO, sie ist in den USA zu Hause und in Augsburg. „Das Zusammenleben könnte leicht sein“, ist sie überzeugt. Und sie arbeitet daran, dass aus dem „könnte“ ein „ist“ wird.

Vortrag Miriam Friedmann berichtet heute, 30. Januar, über ihre Familie und wie es ist, als Jüdin in Augsburg zu leben. Veranstalter sind der Verein „Gegen Vergessen – Für Demokratie“, das Jüdische Kulturmuseum und das Evangelische Forum Annahof. Beginn ist um 19.30 Uhr im Annahof. Der Eintritt ist frei, um Spenden wird gebeten.

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Nicole Prestle

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