Samstag, 23. September 2017

11. Juli 2016 00:35 Uhr

Wissenschaftspreis

Ihre Kinder sind doppelt im Nachteil

Was sich Migrantenfamilien mit einem behinderten Sprössling wünschen

i

Ihr Thema war zuvor ein absolut blinder Fleck der Sozialforschung. Mit Behinderten in Migrantenfamilien hat sich erstmals Donja Amirpur auseinandergesetzt. Denn sie spürte als interkulturelle Pädagogin in einer Kindertagesstätte eine tiefe Unsicherheit der Erzieherinnen im Umgang mit solchen Kindern. Für ihre Doktorarbeit „Migrationsbedingt behindert?“ erhielt sie nun im Goldenen Saal den Augsburger Wissenschaftspreis für interkulturelle Studien. Er ist 5000 Euro dotiert und wird seit 1998 verliehen. Gestiftet hat ihn der Unternehmer Helmut Hartmann, der auch das Forum für Interkulturelles Leben und Lernen (FILL) gründete und 2003 den Augsburger Friedenspreis erhielt.

„Die Eigenständigkeit der Fragestellung hat die Jury besonders intensiv beschäftigt“, sagte deren Vorsitzender Prof. Eckhard Nagel in seiner Laudatio. Entgegen der Annahme, die Religionszugehörigkeit und die kulturelle Herkunft verursache Benachteiligung, zeigte sich in ihren Interviews mit betroffenen Familien: Es sind vor allem Vorbehalte in den Behörden und Sprachprobleme, die eine volle Teilhabe an Angeboten der Behindertenhilfe erschweren. In ihrer unmittelbaren Umgebung indes erfahren die Familien Unterstützung. „Die Institutionen müssen sich darauf einstellen und sich weiter öffnen“, folgerte Nagel daraus. Schließlich gelte das Leitbild der Inklusion auch für die migrationspolitische Wirklichkeit in Deutschland.

ANZEIGE

Donja Amirpur, 1980 in Köln geboren, hatte für ihre Studie Interviews mit türkischen und iranischen Familien geführt, die unterschiedlich religiös sind und unterschiedlichen Bildungsgrad haben. Ihr Vater diente als Übersetzer, „ich habe diese Ressource pragmatisch genutzt“. Darüber gewann sie das Vertrauen der Gesprächspartner in dieser heiklen Angelegenheit. Sie traf auf Familien, die unter großem Druck stehen. „Die Gespräche haben sie emotional aufgewühlt, aber sie führten sie vielleicht auch in der Hoffnung, dass ihnen Gehör geschenkt wird“, berichtete die Preisträgerin. In der Literatur, so Amirpur, habe sie ein sehr diffuses Bild vorgefunden, wie islamische Familien mit ihrem behinderten Kind umgehen.

Überlebte Bilder des schwarzen Kontinents fand Romy Schulze in aktuellen Berichten über Freiwilligeneinsätze vor. Die Kommunikationswissenschaftlerin aus Freiburg erhielt für ihre Analyse den mit 1500 Euro dotierten Förderpreis. „Was sie festgestellt hat, hat uns erschrocken“, meinte Juryvorsitzender Nagel. Es handle sich um ähnlich diskriminierende Vorstellungen wie in der Kolonialzeit: „Afrika wird häufig romantisiert, die Menschen aber als defizitär dargestellt“.

Die 28-Jährige weiß, wovon hier geredet wird. Sie leistete selbst Freiwilligendienst, allerdings in Peru. Den unkritischen Umgang junger Freiwilliger mit ihren Erfahrungen in Ländern der Dritten Welt führt Schulze darauf zurück, dass die weißen Helfer während ihres Aufenthaltes ohne berufliche Ausbildung pädagogisch eingesetzt und dadurch gegenüber den afrikanischen Fachkräften aufgewertet werden. Ihr naseweises vorgebliches Expertenwissen, oft im Internet verbreitet, präge das gesellschaftliche Bild einer ganzen Generation und setze koloniale Perspektiven auf Afrika fort.

Trotz ihrer brisanten Ergebnisse tat sich Schulze an der Uni Köln schwer. „Ich stieß auf viel Skepsis, das Thema sei doch irrelevant, hieß es“, erzählte sie im Goldenen Saal. Sie könne nur jedem jungen Menschen raten, die Bilder zu hinterfragen und das scheinbar so Plausible nicht einfach für wahr zu halten. An der Hochschule Magdeburg-Stendal betreut Romy Schulze jetzt ein Projekt zur Prävention von Rechtsextremismus im Kindesalter.

Der Augsburger FILL-Wissenschaftspreis, den Bürgermeisterin Eva Weber als „zentralen Baustein unserer Friedensaktivitäten“ einschätzte, bringt voran. Yasemin Karakasoglu-Aydin (2000) ist mittlerweile Professorin in Bremen – und Doktormutter der neuen Preisträgerin. Riem Spielfeld (2010) erhielt eine Professur in Göttingen. Christine Langenfeld (2001) schließlich ist am Freitag zur Bundesverfassungsrichterin gewählt worden, wie Jurorin Angela Bachmair namens FILL im Rathaus stolz ergänzte.

i

Ihr Wetter in Augsburg-Stadt
23.09.1723.09.1724.09.1725.09.17
Wetter Unwetter
                                                Wetter
                                                wolkig
	                                            Wetter
	                                            Regenschauer
                                                Wetter
                                                wolkig
Unwetter7 C | 18 C
7 C | 16 C
7 C | 16 C
Das Wetter aus Ihrer Region
Nachrichten in Ihrer Region
Augsburger Allgemeine Aichacher Nachrichten Augsburger Allgemeine Donau Zeitung Donauwörther Zeitung Friedberger Allgemeine Günzburger Zeitung Illertisser Zeitung Landsberger Tagblatt Mindelheimer Zeitung Mittewlschwäbische Nachrichten Neu-Ulmer Zeitung Neuburger Rundschau Rieser Nachrichten Schwabmünchner Allgemeine Wertinger Zeitung
Ein Artikel von
Alois Knoller

Augsburger Allgemeine
Ressort: Kultur und Journal


Augsburger Geschichte

Jobs in Augsburg



Alle Infos zum Messenger-Dienst
Beilage: Ferien Journal

Bauen + Wohnen

JGA in der Stadt
Finden Sie Junggesellenabschiede nervig?

Unternehmen aus der Region