Montag, 11. Dezember 2017

12. Juli 2014 11:00 Uhr

Kadiatou Camara kämpft um ihren Sohn Santy

Der 32-jährige Physiker hat das Locked-In-Syndrom: Er ist bei Bewusstsein, aber gefangen im eigenen Körper. Seit seine Mutter aus Westafrika kam, geht es ihm viel besser. Doch die Frau braucht selber Hilfe

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Santy Camara ist in seinem Körper gefangen. Seine Mutter Kadiatou kam aus Guinea, um sich um ihn zu kümmern.
Foto: Arbeiterwohlfahrt

Das ist die Geschichte von Santy Camara, 32 Jahre, zweifacher Vater, geliebter Sohn, politischer Flüchtling, Physikstudent, Pflegefall. Es ist eine ergreifende Geschichte. Santy Camara muss mutig sein, intelligent, kämpferisch. Er kann seine Geschichte aber nicht selber erzählen. Seine Mutter Kadiatou tut es für ihn. Denn der 32-Jährige hat das Locked-In-Syndrom: Er ist bei Bewusstsein, kann sich aber nicht bewegen, nicht äußern – gefangen im eigenen Körper.

Seine Mutter hat trotzdem Hoffnung: Wenn sie mit ihm redet, sieht sie, wie sein Blick sich verändert, sogar sein Gesichtsausdruck. Sie will für ihn da sein, ihm helfen. Aber das ist schwer. Santy Camara ist deutscher Staatsbürger, stammt allerdings aus dem westafrikanischen Guinea. Seine Familie hat kaum Geld.

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Wenn die Mutter die Geschichte ihres Sohnes erzählt wird ihre Stimme manchmal ganz leise. Sie ringt mit den Tränen. Dabei ist sie eine starke Frau. Fünf Kinder hat sie, doch Santy ist etwas Besonderes: ihr Ältester. Obwohl er aus einfachen Verhältnissen stammt, in einem Vorort der Hauptstadt Conakry aufgewachsen ist, schaffte er es an die Universität, studiert Mathematik und Physik. Allein das ist eine Leistung in Guinea, einem bitterarmen Land, in dem die Analphabetenquote bei fast 60 Prozent liegt. An der Uni setzte er sich mit Kommilitonen für bessere Studienbedingungen ein, protestierte gegen das Bildungssystem. Guinea aber ist eine Militärdiktatur, die Menschenrechtsorganisation Amnesty International berichtet von Folter, willkürlichen Festnahmen und Misshandlungen durch das Militär. Auch der Student fürchtete um sein Leben.

Er floh über die Grenze nach Bamako in Mali, wo seine Frau lebt. Von dort kam er nach Deutschland, erhielt politisches Asyl. Das war 2005. Nie hatte er eine Wort Deutsch gesprochen, aber er absolvierte Sprachkurse, nahm sein Studium an der Uni in Ulm wieder auf, wurde deutscher Staatsbürger. Dann, kurz vor dem Studienabschluss 2012, brach er zusammen, erlitt schwere Hirnschädigungen, lag wochenlang im Koma. Was keiner wusste: Santy Camara litt an Diabetes. War es das, war es der Stress? Wer kann das noch sagen? Seine Mutter nicht, die monatelang nicht wusste, was mit ihrem Sohn passiert war. Die Familie war außer sich, als er nicht mehr ans Telefon ging, keine Antwort auf E-Mails kam. Sie hatte zwar Kontakt mit einem Freund, doch der verschwieg ihnen, was passiert war. Offenbar wollte er Santys Frau schonen, die in Bamako das zweite Kind erwartete. Schließlich brachte einer seiner Brüder den Freund zum Sprechen; eine Freundin der Familie, die in Mannheim lebt, besuchte Santy.

Als Kadiatou Camara hörte und auf Fotos sah, wie es ihrem Sohn geht, brach sie fast zusammen. Doch sie gab nicht auf. Es war klar: Jemand aus der Familie musste zu ihm. Er war allein, wie tot, in einem fernen Land. Die Familie kratzte das Geld für ein Flugticket zusammen, die Mutter flog 2013 hierher.

Mittlerweile ist Camara nach Stationen an der Uniklinik Ulm und dem Therapiezentrum Burgau Patient im Sozialzentrum Hammerschmiede der Arbeiterwohlfahrt, eine Pflegeeinrichtung für Patienten mit schweren hirnorganischen Erkrankungen. Ziel ist, mit aktivierender Pflege Verbesserungen zu erreichen. Diese traten aber erst ein, als 2013 die Mutter zu dem 32-Jährigen kam. Sie spricht mit ihm in der Muttersprache Malinke, singt Lieder aus der Kindheit, tanzt sogar. Sie massiert seine erstarrten Hände und Gliedmaßen. Sie ist für ihn da. Und langsam, ganz langsam, tut sich etwas. Die Glieder entkrampfen sich ein wenig, der Gesichtsaudruck verändert sich, die Augen leuchten wieder. „Er ist zu hundert Prozent anwesend, aber er kann sich nicht äußern“, ist seine Mutter überzeugt. Ärzte bestätigen das. Peter Luibl, Leiter des Sozialzentrums sagt: „Santy ist aufgeblüht. Seine Mutter ist wie ein Engel. Er braucht sie wie ein Kleinkind.“ Mitarbeiter und Ehrenamtliche können das nicht leisten.

Sie will bei ihm bleiben, solange er sie braucht – wie lange das sein, wird, kann keiner prognostizieren. Und jeder Tag in Deutschland ist eine Herausforderung. Sie hat kein Geld, lebt von der Großherzigkeit anderer. So hat ihr das Grandhotel Cosmopolis ein Zimmer zur Verfügung gestellt, auch der Verein Tür an Tür hilft. Zurzeit macht sie einen Deutschkurs, würde gerne arbeiten, um für sich aufkommen zu können.

Freundschaft hat sie bei ihrer Zimmernachbarin im Grandhotel gefunden, der Berliner Performance-Künstlerin Frauke Frech. Diese hat einen ganz eigenen Weg der Unterstützung gefunden. Im Rahmen des Friedensfest-Programms ermöglicht sie Menschen die Begegnung mit ihrer Freundin, in deren Zimmer im 4. Stock des Grandhotels. Eine Begegnung zwischen Menschen mit unterschiedlichen Sprachen (Frech dolmetscht), unterschiedlichen Kulturen und Schicksalen. Für den Gast – immer nur eine Person – geht es auch darum auszuloten, inwieweit er bereit ist, trotz all dieser Unterschiede jemanden willkommen zu heißen, der Hilfe braucht. Der Titel der Performance: „Ce n’est pas facile!“ Es ist nicht einfach.

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