Laut einer Studie sind vor allem Türken schlecht integriert. Wie sieht es in Augsburg mit Türken und Aussiedlern aus? Ute Krogull ist der Frage nachgegangen. Von Ute Krogull

In Augsburg kommt man klar, ohne Deutsch zu sprechen. Russisch reicht. Außer Supermärkten und Autowerkstätten gibt es Ärzte, Apotheker, Rechtsanwälte. Mit Türkisch ist es schwieriger. Schneider und Gemüsehändler sind da, Anwälte auch. Doch insgesamt sind Akademiker nicht stark vertreten.
Das belegt, was die neue Integrationsstudie des Berlin-Instituts sagt: Aussiedler haben durchschnittlich bessere Abschlüsse als Türken. Doch sind sie deshalb auch besser integriert? So mancher, der in der Tram sitzt, umgeben von russisch, türkisch oder ein Mischmasch palavernden Jugendlichen, fühlt sich überfremdet. Wollen diese Leute sich überhaupt in die Mehrheitsgesellschaft integrieren?
Krass gesagt: Wozu? Und in welche Mehrheitsgesellschaft? Menschen mit Migrationshintergrund stellen 40 Prozent der Stadtbevölkerung. Das sind 110.000 Bürger. Über 20.000 davon sind Türken (5000 mit deutscher Staatsangehörigkeit), 33.000 kommen aus dem russischsprachigen Raum (fast alle mit deutscher Staatsangehörigkeit). Tendenz steigend. Schon jetzt hat die Hälfte aller Grundschulkinder nichtdeutsche Wurzeln, es gibt mehr Muslime in den Grundschulklassen als Protestanten.
Matthias Garte kann die türkischen und russischen Viertel im Schlaf aufzählen: Oberhausen, Links der Wertach, Herrenbach, Textilviertel, Haunstetten West: Türken. Univiertel, Hochfeld, Kriegshaber (Kasernenflächen): Aussiedler und Russen. Stadtmitte: beide. Getto: keines. "Alle Stadtteile sind vielkulturell, es gibt keine extremen Parallelwelten, kein Klein-Istanbul wie in Kreuzberg", sagt der Koordinator der städtischen Fachstelle für Integration. Und wer aufsteigt, zieht weg. "Es kommen junge türkische Paare und sagen: bloß keine Wohnung in einem Türkenblock", erzählt ein Makler. Doch rauszukommen, ist schwer: Aus Unsicherheit klammert man sich an die "eigenen Leute" - Sicherheit gewinnt man so nicht, weder als Türke noch als Aussiedler.
Trotzdem macht Garte Unterschiede aus: "Aussiedler und Russen erbringen teilweise eine sehr hohe Integrationsleistung." Viele bringen gute Abschlüsse mit. Selbst wenn sie nicht gut deutsch können, wissen sie, wie man Bildung fördert.
Doch die Schere klafft auseinander: Andere, gerade von denen, die später kamen, schaffen es nicht. Jugendliche, von ihren Eltern zum Umzug gezwungen, verweigern sich völlig. Türken kamen aus anderen Gründen: um zu arbeiten, und zwar in der Textil- oder Metallindustrie. Man muss auch auf Augsburgs Vergangenheit schauen, um zu verstehen, warum hier bestimmte Menschen wohnen. Das gilt für Gesamt-Augsburg, das eine verhältnismäßig große Unterschicht hat und einkommensschwach ist.
"Bei den Türken haben wir eine Arbeitsmigration bildungsferner Schichten. Das setzt sich fort", sagt Garte. Natürlich wollen die Eltern, dass ihre Kinder in der Schule erfolgreich sind. Sie wollen helfen, wissen aber nicht wie. Folge: Sie geben exorbitant viel Geld für Nachhilfe aus. Türkische Akademikereliten (ja, die gibt es auch!) wie der Förderkreis Frohsinn haben das Vertrauen ins deutsche Bildungssystem derart verloren, dass sie nach einem Nachhilfeinstitut sogar eine Schule gründen wollen.
Das System hat zu lange gezögert, auf die Einwanderer zuzugehen, da sind sich alle einig. In Schulen wird allerdings mittlerweile viel getan. "Umgerechnet werden in Augsburgs Grund- und Hauptschulen 40 Lehrer für Sprachförderung eingesetzt", rechnet Schulreferent Hermann Köhler vor. Es gibt Sprachlernklassen und Sprachkurse im Kindergarten. Deutsche Eltern wurden da schon eifersüchtig.
Sprache gilt als Schlüssel zum Erfolg, aber nicht als einziger. Zweites Manko: leistungsorientiertes Denken. "Manche Türken bleiben am Rückkehrgedanken hängen", sagt Köhler. Dieses Bild setzt sich in der Familie fort. Die Folge: Zwei Drittel der Hauptschüler sind Migranten. Viele junge Türken haben keinen Abschluss. Es gibt oft schulbeste Aussiedler-Kinder, aber kaum Türken mit solchen Erfolgen.
Köhler will bei den Eltern ansetzen. Will vor allem Mütter da abholen, wo sie mit ihren Kindern sind: in den Tagesstätten. Hier setzt er auf Zusammenarbeit mit den türkischen Vereinen und den Stadtteilmüttern, einem Projekt zum Spracherwerb, getragen vom Kinderschutzbund, geleitet von der Sozialpädagogin Hamdiye Cakmak. Außerdem plädiert er für Schulungen von Lehrern, ebenso für Ganztagsklassen, um Bildungserfolg vom Elternhaus abzukoppeln.
Lehrer wissen nicht, wie sie an Schüler und Eltern herankommen
Die 50 Stadtteilmütter genießen Vertrauen und können Vorbild sein. Können zeigen, dass man es schafft. Das hält auch Nurdan Kaya für wichtig. Sie hat es geschafft, ist heilkundliche Psychotherapeutin, arbeitet ehrenamtlich beim türkischen Sorgentelefon und will ein Institut gründen, in dem Pädagogen interkulturell geschult werden. Ihre Überzeugung: Lehrer wollen fördern, doch wissen sie oft nicht, wie sie mit Unterschieden und eigenen Hemmungen umgehen sollen. Das sei im Umgang mit Türken besonders stark, da hier außer der Kultur die Religion trennt.
Nazir Maris hatte das Glück, weltoffene Eltern zu haben, die mitihren Kindern neben türkisch auch deutsch und arabisch sprachen. Seitmehr als zehn Jahren hat die jetzt 33-Jährige in Gersthofen ihreneigenen Friseursalon. Schon mit 21 - als Jüngste in ganz Bayern - legtesie die Meisterprüfung ab. Vor ein paar Jahren ließ sie sicheinbürgern, denn sie habe nie das Gefühl gehabt, als Ausländerindiskriminiert zu werden.
Es gibt also auch Beispiele für gelungene Integration, die als Vorbilder dienen können. Deshalb überlegt Schulreferent Köhler, junge erfolgreiche Türken in die Schulen zu holen, um Mut zu machen. "Inder Fremde, wo die Jugendlichen einen Spagat zwischen den Kulturenmachen müssen, sind Vorbilder wichtiger als in der Heimat", sagt auchKaya. Wobei die Frage nach Heimat ein weiteres Kapitel ist ...
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