Freitag, 24. November 2017

01. Februar 2015 11:25 Uhr

Brechtfestival

Lange Brechtnacht: Und plötzlich spricht Bertolt Brecht selbst

Mia und PeterLicht setzen im Theater zwei Ausrufezeichen. Sogar zwischen den Sitzreihen fangen die Zuschauer an zu tanzen. Das Spektrum reicht von Pop-Poesie bis zu Sprechgesang. Von Richard Mayr, Nicole Prestle, Michael Schreiner, Matthias Zimmermann und Miriam Zissler

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Manchmal kann ein Versprecher auch der Beginn für etwas Neues sein: Oberbürgermeister Kurt Gribl begrüßte die Besucher beim Auftakt zum „Brechtival“ – und musste selbst darüber lachen. Wir finden: Dieser Versprecher könnte Karriere machen. Da Augsburg derzeit ohnehin über seinen Umgang mit Brecht nachdenkt, wäre auch ein neuer Name fürs Brechtfestival drin. Kurz, prägnant, im Sinne BBs verfremdet und doch ist alles gesagt – „Brechtival“. Fast schon genial!

Reibungsloser Ablauf im Eingangsbereich

„Die roten Bändchen nicht vergessen“ – das sagten schon die Stelzenläufer vor dem Großen Haus, an dem sich kurz vor 19 Uhr die Besucher vor den noch geschlossenen Türen drängten. Viele wollten rein. Das große Chaos im Eingangsbereich blieb im Anschluss aber aus. Das mit den Eintrittskarten und den Bändchen funktionierte reibungsloser als im Vorjahr. Bühne frei also für die Lange Brechtnacht.

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Wer weiß, ob es dem Pop-Poeten PeterLicht nicht noch gelungen wäre, sein Publikum im Großen Haus vom Kapitalismus wirklich zu entfremden. Er hätte einfach mehr Zeit haben müssen, dieser dadaistische, raffinierte Therapeut. Eine ganze Nacht und einen ganzen Tag... Eine Stunde aber war zu kurz dafür in der Langen Brechtnacht.

Peter Licht: Sprachspieler braucht Anlauf

Denn es brauchte einen längeren Anlauf, bis der unglamouröse Sprachspieler („Ich wüsste niemanden, der sich selbst gehörte“) den absurd-versponnenen Ton fand, mit dem er unsere real existierenden Lebensumstände entlarvt. Wenn dann mit diesem PeterLicht, wie ein Yogi auf einem Teppich sitzend die Sitar spielend, ein ganzes Theater „Wir machen uns eben Sorgen über unsere Chancen auf dem Arbeitsmarkt“ im Refrain singt, ist das eine Art kollektive Erleichterung, ein Exorzismus in der Angestelltenwelt... Anschließend ging der Licht-Klassiker vom „Ende des Kapitalismus“ runter wie Öl: „Vorbei, vorbei, jetzt ist er endlich vorbei.“ PeterLicht aber war schon bitterböser als in dieser Brechtnacht, wo er eher den sanftmütig-ironischen Bühnenclown und Sprachakrobaten gab. Die eine oder andere Kleingruppe aus dem Publikum wanderte zwischendurch ab. Sie verpasste so schöne Merksätze wie „Die große Sonne verbrennt dein ganzes Geld“ oder diesen: „Erst morgen werden wir wissen, wie glücklich wir heute waren.“ Vorbei, vorbei.

Brecht-Ausgabe der "Nachtlinie": Wie eine Nachtwanderung ohne Taschenlampe

Draußen drehte währenddessen der Bayerische Rundfunk in der Tram – für eine Brecht-Ausgabe der „Nachtlinie“. Auf der Brechtbühne trafen Musiker auf Spoken-Word-Poeten. Die „kühneren Wesen“ und die Abenteurer waren in diesem Format zweifellos die vier Instrumentalisten aus der Berliner Jazz-Szene. Als kreative Klang-Quertreiber überzeugten Philipp Gropper (Saxofon), Daniel Schröteler (Drums), Antonio Borghini (Kontrabass) und Olaf Rupp (Gitarre).

Ihre Improvisationen und Exkursionen waren wie eine aufregende Nachtwanderung ohne Taschenlampe. Da vermochten die jungen Wortperformer nicht immer mitzuhalten, sie blieben lieber auf sicheren Trampelpfaden und waren ansonsten auf der Bühne viel mit Rauchen beschäftigt. So wird vor allem die Lyrik, die Olaf Rupp seiner E-Gitarre entlockte, im Gedächtnis bleiben.

Mia: Zuschauer tanzen zwischen den Sitzreihen

Nur weil man etwas noch nicht getan hat, muss es nicht schlecht sein. Mia hatte es noch nie getan, ein Konzert in einem Theater zu geben, in dem das Publikum sitzt statt tanzt. Das musste für Sängerin Mieze Katz anfangs befremdlich gewesen sein. „Ihr könnt auch im Sitzen tanzen“, stellte sie fest und musste selber nach unzähligen Sprüngen, Verrenkungen, Schlagzeug-Einlagen, harten Beats, frechen Tönen und Outfit-Wechseln feststellen: Es funktioniert auch so. Mit Songs, wie „Mausen“, „Fallschirm“ oder „Tanz der Moleküle“ riss die Berliner Band das Publikum mit und letztlich auch von den Sitzen. Am Ende tanzten alle – für das erste Mal überhaupt nicht schlecht.

Berlin, schon wieder: In der Brechtbühne stand Robin Haefs von der Initiative Rapucation. Auch er aus der Hauptstadt – so wie Mia im Großen Haus, die Avantgarde-Jazzer bei den „Abenteurern mit kühnen Wesen“ und DJ Sofa Queen (na gut: Potsdam). Aber das passte ja zu Brecht. Und was auch passte, waren die Punchlines des Hip-Hoppers Haefs. Die hatte er zwar nicht selber geschrieben, aber wie er mit viel Rhythmus und ordentlichem Rumms im Bass die Zeilen aus „Dreigroschenoper“ und „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ in die Köpfe seiner Zuhörer rammte, verdiente großen Respekt. Groß auch die raumhohen Projektionen, die die Bühne auf drei Seiten einfassten und öffneten.

Bertolt Brecht spricht selbst zum Publikum

Weiter in die Nacht, an ihre tiefste Stelle: Zakedy Music waren abgetaucht in Brechts Umfeld während der Zeit im Exil. In der Soho-Stage mischten Walter Bittner (Drums), Uli Fiedler (Bass), Daniel Eberhard (Orgel) und Stephan Holstein (Sax, Klarinette) ihre jazzigen Improvisationen mit Soundschnipseln aus Stücken und Interviews von und zu Brecht. Und dann passierte es. Plötzlich steht ER selber im Raum: BB sprach auf die Musik, mit dieser leicht näselnden Stimme und dem rollenden „R“, das er auch nach so langer Zeit im Exil nicht losgeworden war. Ein großer Moment vor kleinem Publikum.

Im Theater rann noch um Mitternacht der Schweiß. Lamuzgueule aus Frankreich baten zum Swing. Mittendrin und sichtlich begeistert: Festival-Organisator Joachim Lang. Von hinten, von der Wand des Foyers, sah sich Kulturreferent Thomas Weitzel das Spektakel an. Er nickte den Kopf leicht im Takt. Es sah aus wie ein Ja. Allerdings tanzten sich die Gäste dieses Mal im Theater nicht durch die Nacht. Es war früher Schluss.

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