Mittwoch, 13. Dezember 2017

22. Juni 2013 00:34 Uhr

Wissenschaft

Lebensmotor und Killer

Eine Ausstellung widmet sich dem Stickstoff: Er hilft als Dünger, die Menschen satt zu machen, und wird zugleich zum Umweltproblem. Und er dient als Sprengstoff

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Stickstoff ist ein besonderes Zeug. Er ist ein Lebensstoff. Nur weil Stickstoff Pflanzen düngt und wachsen lässt, können sieben Milliarden Menschen auf der Welt leben. Er ist aber auch ein Killer. Überschüssiger Dünger lässt Meere absterben. Millionen Menschen sind gestorben, weil ihnen der Stickstoff in Form von Sprengstoff (TNT) das Leben nahm. Und Stickstoff ist überall – er macht 80 Prozent der Luft aus, die wir atmen.

Dr. Jens Soentgen vom Wissenschaftszentrum Umwelt der Universität Augsburg (WZU) könnte noch viele Gründe nennen, warum das Element mit dem Zeichen N das Interesse der Menschen verdient hätte. Damit nicht mehr nur Sauerstoff und Kohlenstoffdioxid in aller Munde sind, hat das WZU mit dem Carl-Bosch-Museum in Heidelberg dem Stickstoff eine Ausstellung gewidmet. „Grüner Klee und Dynamit“ ist erstmals im Naturmuseum in Augsburg zu sehen. Danach geht die Schau auf Reisen.

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Der Zeitpunkt ist kein Zufall, denn vor 100 Jahren verhalfen Fritz Haber und Carl Bosch dem Stickstoff zum Durchbruch. Sie lösten ein altes Problem: Die Welt ist voll von Stickstoff, nicht nur in der Luft. Auch in der menschlichen Erbsubstanz ist er enthalten. „Überall, wo Moleküle im Leben etwas Besonderes machen, ist Stickstoff dabei“, sagt Soentgen. Der Haken war lange Zeit aber, dass der Stickstoff in der Luft keine Wirkung etwa als Dünger entfalten kann. Er muss erst in reaktiven Stickstoff verwandelt werden. Das schaffen nur wenige Pflanzen mit Hilfe von Bakterien sowie Gewitter. Der Wissenschaftler stellt in der Ausstellung mit Hilfe einer Mikrowelle und Carbonfasern eines nach. Es blitzt und hinterher steigt der typische Duft auf.

Haber und Bosch haben vor 100 Jahren ein Verfahren entwickelt, den Stickstoff im großen Rahmen in Ammoniak umzuwandeln. Ein Modell davon ist im Museum zu sehen. „Ein amerikanischer Professor nennt das Haber-Bosch-Verfahren die wichtigste Erfindung, weil: Andere ändern die Art, wie wir leben, dass so viele Menschen leben, ist aber nur durch diesen Stoff möglich“, sagt Soentgen.

Mit Hilfe von Stickstoffdünger war es möglich, die Ernten gewaltig zu steigern und immer mehr Menschen satt zu machen. Die Ausstellung zeigt das anhand von Grafiken, die Stickstoffproduktion und Weltbevölkerung nebeneinander stellen. Nur ein paar Schritte weiter sind die Schattenseiten zu sehen. Links steht reines Wasser, in dem praktisch keine Algen wachsen, rechts steht Wasser mit Stickstoff, in dem Algen blühen. Im großen Maßstab ist das unter anderem im Golf von Mexiko zu beobachten. Über Flüsse landet dort überschüssiger Dünger. „Das führt zu Algenwachstum und toten Zonen im Meer“, sagt Jens Soentgen.

Er ist überzeugt, dass das zu einer Herausforderung für die Menschheit wird: „Das wird ein Thema von einer ähnlichen Größe wie das Klima.“ Daher wollen die Ausstellungsmacher, unterstützt von der Klaus Tschira Stiftung, den Stickstoff den Menschen – und vor allem Schülern – näherbringen.

Salpeter für die Revolution

Sie sehen Modelle der Moleküle in 3-D-Druck und am Bildschirm. Sie können Stickstoff riechen, einen Airbag auslösen (Stickstoff bläht ihn auf) und der Geschichte des Sprengstoffs nachspüren. Einst kochten Salpeterer dafür Tierkot aus und während der Französischen Revolution verdonnerten die Revolutionäre die Franzosen zur Salpeterherstellung. Originaldokumente blättern dieses Kapitel der Stickstoff-Geschichte auf und zeigen: Er ist ein besonderes Zeug.

Die Ausstellung ist von Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr im Naturmuseum Augsburg (Ludwigstraße 2).

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Marcus Bürzle

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