Künstler vertonen Aufnahmen von der Arbeit an Augsburger Webstühlen

So muss sich Stummfilmkino der 1920er Jahre angefühlt haben: Augenweide und Ohrenschmaus in einem. Zur Feier des Anwerbeabkommens mit der Türkei vor 50 Jahren präsentierte das Veranstaltertrio Mehr Musik!, Kresslesmühle und Kulturamt zwei Filmkonzerte.
Im stimmungsvollen Ambiente des Textil- und Industriemuseums (tim) sahen rund 200 Zuschauer zunächst Kurzfilme von Schülern des Peutinger-Gymnasiums und von Jugendlichen des Mesopotamien-Vereins. Die Schüler übertrugen die Weberaufstände aus den schlesischen Fabriken des 19. Jahrhunderts filmisch in ihre eigene Gegenwart, auf die Gassen der Altstadt. Die experimentelle Livevertonung der Stummfilme besorgte das Ensemble Mehr Musik! nach der Komposition von Volker Nickel vom Leopold-Mozart-Zentrum der Uni.
Als Top Act des Abends folgte das Filmkonzert „Migrationsmaschine“. Historische Videoaufnahmen aus den Archiven des tim zeigen: Die türkischen Weber und Arbeiterinnen trugen wesentlich dazu bei, dass die Augsburger Webstühle und Spinnereien rund um die Uhr rattern konnten. Lehrfilme, private Aufnahmen und Interviews mit ehemaligen türkischen Arbeitern verdichtete der Dresdner Medienkünstler Benjamin Schindler zu einem 60-minütigen Filmkunstwerk über 40 Jahre Textilgeschichte. Das Ensemble „shortfilmlivemusic“ und vier Augsburger Musiker vertonten die Uraufführung.
Die einstürzenden Schlote zwischen Johannes-Haag-Straße, Glaspalast und Fabrikschloss besiegelten den Niedergang dieses Industriezweigs, den auch die letzten Streiks vor der Kammgarnspinnerei 2001 nicht aufhalten konnten. Der Stummfilm ist eine Hommage an die Leistung der Arbeiter und die Perfektion der Maschinen. Die Interviews mit Nahice Kartal, Sabri Yagmur und Bekir Ayaz erden die Collage. Die drei Rentner erzählen, wie es wirklich war in dem Lärm und Staub, mit dem Akkord und dem Meister im Rücken.
Geräuschteppiche und Soundcollagen begleiteten den Film, mit röhrender Bassklarinette und rasselnder Fahrradkette. Nur ein paar Stunden hatten die zwölf Musiker Zeit, den Film zu sichten und ihr Konzert zu skizzieren. Bei einer „geführten Improvisation“ wurde der Hornist Daniel Vedres kurzfristig zum Dirigenten. Zu den Frauenhänden, die im Akkord Spulen austauschen, steigerten die Musiker ihre Lautproduktion, bis die Hektik körperlich geradezu spürbar wurde. Dem Schnitt auf Maschinen und Millionen von Fäden in ruhigem Fluss wiederum folgte auch die akustische Abkühlung. Ein einmaliges, da unwiederholbares Hörerlebnis mit Gänsehauteffekt.
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