Liwanzen. Nie gehört? Wer sie nicht kennt, hat etwas verpasst. Das steht nach dem Lokaltermin bei den Woppowas in Lechhausen fest. Christa Woppowa, die fröhliche Gastgeberin, bereitet die Pfannküchlein der Sudetendeutschen in ihrer modernen Küche zu. Gerade rührt sie mit der Routine einer guten Köchin den Teig. „Schauen Sie, jetzt bilden sich die Blasen“, wendet sie sich an die Testesser und legt den elektrischen Mixer zur Seite.
Kochtermin bei Christa und Horst Woppowa in ihrem gemütlichen Zuhause in der Robert-Bosch-Straße: Es ist ein Ausflug in die böhmische Küche, die Sudetendeutsche nach dem Krieg in ihre neue schwäbische Heimat gebracht haben.
„Die Mama brauchte kein Rezept“
„Das Kochen hab’ ich als junge Frau angefangen“, erzählt die 60-Jährige, während sie beginnt, die Kartoffelsuppe vorzubereiten, die es heute Mittag als Hauptgang geben wird. So viel sei schon verraten: Die Pfannküchlein, die zu salzigen und süßen Gerichten passen, werden später von den Gästen bereits zur Suppe verspeist. Und dann noch einmal zum Nachtisch.
Doch vor dem Vergnügen kommt die Küchenarbeit: Der Teig für die Liwanzen ist fertig. Er muss eine Zeitlang ruhen und aufgehen, denn er ist mit Hefe versetzt. Der Schwabe stutzt: Hefe im Pfannkuchen? Die Köchin klärt auf: „In der böhmischen Küche wird viel mit Hefe gemacht – sogar die Knödel.“ Die Zubereitung der Liwanzen hat sie von ihrer Mutter gelernt. „Ich hab’s abgeschaut. Die Mama brauchte kein Rezept.“ Die Tochter hat sich ein Rezept aufgeschrieben, als sie sich nach anfänglichem Zögern herantraute an den Hefeteig. Und: „Zu Gerichten mit Soßen gehören für uns Hefeknödel dazu“, erklärt Christa Woppowa die Tradition der angestammten Küche.
Die gelernte Einzelhandelskauffrau ist seit 40 Jahren mit Horst Woppowa verheiratet. Auch er stammt aus dem Sudetenland. Mit ihrer Familie kam sie als Spätaussiedlerin 1967 nach Bayern. Er war zu diesem Zeitpunkt bereits ein Jahr in Augsburg. Noch im Jahr ihrer Ankunft lernten sich die beiden kennen. Sie wohnten im selben Häuserblock in der Stadtberger Straße. Aufs Essen freut sich Horst Woppawa an diesem Wintertag so sehr wie die beiden neugierigen AZ-Reporter. Zu Liwanzen, mit Zimt und Zucker bestreut oder mit Marmelade versehen, würde er niemals nein sagen.
Das harmonische Ehepaar hat den Kontakt zur alten Heimat nie ganz abreißen lassen. Beide sprechen fließend Tschechisch. Sie fuhren schon regelmäßig in die Gegend von Pilsen und Neudeck, als der Eiserne Vorhang Europa noch in zwei gegensätzliche Welten trennte. Nach dem Ende des Kommunismus wurden die Reisen intensiviert, viele neue Freundschaften entstanden.
Als langjähriger Organisationsleiter beim Verein Kanu-Schwaben-Augsburg, den er seit 1978 führt, hat Horst Woppowa noch viel mehr gesehen von der Welt. Momentan bereitet der 63-Jährige die Kanu-Europameisterschaft vor, die im Mai in Augsburg stattfinden wird. Der vor vier Jahren pensionierte Berufsfeuerwehrmann hat sozusagen einen ehrenamtlichen Vollzeitjob. Bei großen Sportveranstaltungen im Kanu-Leistungszentrum am Eiskanal bringt Christa Woppowa ihre Küchenerfahrung für die Verköstigung von täglich hunderten Menschen ein – allerdings ohne die böhmische Note.
Die gibt es zu Hause zwingend an Weihnachten. Denn der Nachwuchs (zwei Töchter, fünf Enkelkinder) ist der Küche aus der alten Heimat zugetan. Zu Weihnachten wird die Ente nicht gefüllt, sondern mit Kümmel, Salz und Pfeffer gebraten. Dazu gibt es süß-saures Kraut und – man vermutet es schon – natürlich böhmische Hefeknödel. Ein paar alte Küchengeräte wurden aus der sudetendeutschen Heimat mitgebracht: Die antiquierte Küchenwaage mit den Gewichten, die ein Wandregal ziert, stammt von der Oma. Aus dem Schrank holt Horst Woppowa eine alte Handmühle, mit der er den Mohn für Mohnnudeln mahlt. Das sind süße Nudeln mit Zimt, Zucker, Mohn und Butter.
Die Kartoffelsuppe mit Pilzen, Karotten, Sellerie und Kümmel hat über eine halbe Stunde vor sich hin geköchelt. Der Teig für die Pfannküchlein ist aufgegangen. Christa Woppowa zaubert die Liwanzen aus der heißen Pfanne – eins ums andere – Essen ist fertig.
Und wie es schmeckt. „Du müsstest eigentlich auf dem Christkindlesmarkt einen Stand aufmachen“, sagten Freunde, die Woppowas Liwanzen gekostet haben. Die beiden Gäste von der AZ, die sich gerade mit Wonne den Bauch vollschlagen, würde man an diesem Stand jedenfalls häufig antreffen.