Dienstag, 21. Februar 2017

17. Juni 2016 00:34 Uhr

Comic

Mit offenen Augen ist es erträglicher

Die Chinesin Yi Luo hat das Gefühl der Fremdheit in Zeichnungen verarbeitet. Jetzt ist ein Buch daraus entstanden

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In China war Li You eine der besten im Deutschkurs, als sie jetzt zum Studium nach Augsburg kommt, versteht sie vieles nicht. Als ihr eine Kommilitonin erzählt, dass sie nach München pendelt, muss sie nachfragen, was das denn bedeutet und die erklärt ihr: „Mo... und ... als.. sh... immer Zug. Me ..ren ... w. ... n in München. Also l... in s.... Augsburg.“ Li hat nichts verstanden, aber sie tut so, als wüsste sie jetzt Bescheid, und es entsteht ein unangenehmes Schweigen. „Wenn man die Sprache nicht gut beherrscht erweckt man bei den anderen den Eindruck, man habe einen niedrigen IQ“, weiß Li.

Yi Luo ist ebenfalls Chinesin und wenn man sich am Telefon mit ihr unterhält, gibt es keine Verständnisschwierigkeiten. Das war nicht immer so, denn die Erlebnisse von Li sind auch die von Yi. In einem Comic hat die 30-Jährige ihre Erfahrungen in einem anderen Land, ihr Gefühl vom Fremdsein, ihre Einsamkeit thematisiert. Li ist die Protagonistin von „Running Girl“, ihrem ersten Buch, für das Yi Luo jetzt mit einem mit 6000 Euro dotierten Bayerischen Literaturstipendium ausgezeichnet wurde.

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„Ich hätte nicht gedacht, dass es so schwierig ist, sich hier zurechtzufinden und die Sprache zu verstehen“, erzählt sie. Als sie 2007 nach Deutschland kommt, geht sie zunächst nach Karlsruhe, um dort Bauingenieurswesen zu studieren. Ein Jahr später orientiert sie sich neu und belegt an der Hochschule in Augsburg Kommunikationsdesign mit Schwerpunkt Werbung. Erst da beginnt sie mit dem Comic-Zeichnen, weil sie feststellt, dass sie damit am besten ausdrücken kann, wie sich das Zurechtkommen in einer fremden Kultur anfühlt. Ein Skizzenbuch, das ihr eine Mitbewohnerin schenkt, ist der erste Anstoß, ihre Erlebnisse in Zeichnungen darzustellen. Der Band „Heldentage“ des Zeichners Flix, der seinen Alltag in täglichen Zeichnungen festhielt, ein weiterer. „Ich war begeistert von dieser einfachen Form, die er dafür gefunden hatte und die gleichzeitig eine so starke Aussage machte“, erzählt Yi Luo.

Also zeichnet sie: Szenen aus dem Sushi-Restaurant, in dem sie arbeitet, von den Telefonaten mit dem Freund in China, die sie wegen der Zeitverschiebung so wenig schlafen lassen; vom Umgang mit den Studenten; auch, wie sie als Ausländerin beschimpft wird oder wie ihr die Dozentin nahelegt, ihre Arbeiten von deutschen Kommilitonen gegenlesen zu lassen. „Vieles ist selbst erlebt, manches stammt aus Erzählungen von befreundeten Chinesen und etwa zehn Prozent habe ich mir wegen der Dramaturgie ausgedacht“, erklärt Yi Luo.

Sie wirft Schlaglichter auf ein Leben, das geprägt ist durch Verlorenheit und die Unsicherheit, das Richtige zu tun. Selbst der Umgang mit anderen Studenten wird zum Problem. „Soll ich sie umarmen oder die Hand schütteln oder überhaupt etwas machen? Aber wenn ich nichts mache, denken sie dann nicht, dass ich verschlossen bin?“, beschreibt Luo ihre Schwierigkeiten, als sie nach Deutschland kam.

Der Titel „Running Girl“ ist nicht nur eine Anspielung auf den Job im Sushi-Restaurant, sondern auch ein Bild für den inneren Zustand der Protagonistin. „Sie ist immer in Bewegung, weil sie nicht genau weiß, was sie machen möchte.“ Die Schwebe, in der sich die Heldin befindet, drückt sich auch in den zarten, aquarellierten Bildern aus, in deren zurückhaltender Farbigkeit. Trotz einer traurigen Grundstimmung fehlt es nicht an Witz. Und zum Schluss Zuversicht: Als Li deprimiert im Bus sitzt, klopft ein Junge an die Scheibe und bedeutet ihr zu lächeln. Und Li erinnert sich an den Zahnarzt, der ihr geraten hatte, die Augen aufzumachen beim Bohren, dann sei der Schmerz erträglicher. „Er hatte recht.“

Auch das hat Yi Luo erlebt. „Ich musste mich selbst erst einmal öffnen für meine neue Umgebung. Aber ich hatte auch Glück, dass mir die Menschen um mich herum die Möglichkeit dazu gegeben haben.“ Ihr Studium an der FH hat Yi Luo abgeschlossen, nun studiert sie an der Filmakademie Ludwigsburg Animation. Erfolgreich ist sie nicht nur als Buchautorin, sondern auch als Illustratorin. Unter ihrem Künstlernamen Yinfinity veröffentlicht sie unter anderem in der Süddeutschen Zeitung und in Comic-Anthologien. Sie ist in Deutschland angekommen.

Yi Luo: Running Girl. Reprodukt, 32 Seiten, 10 Euro

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Ein Artikel von
Birgit Müller-Bardorff

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