Mittwoch, 26. April 2017

30. Juli 2015 00:31 Uhr

NS-Regime

Nummer 144567 kehrt zurück

Der Pole Witold Scibak erzählt von seiner Zeit als Zwangsarbeiter in Augsburg Von Julius Heinrichs

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Nein, ein Foto machen wolle er hier nicht, sagt Witold Scibak. Nicht vor den bunten Türen mit dem noch bunterem „Sheridan Park“-Aufdruck. Die seien ihm zu fröhlich. Als Jugendlicher, im Alter von 15 Jahren, arbeitete Scibak hier, in der Halle 116, als Zwangsarbeiter der Firma Messerschmitt. Zwölf Stunden in Tag- und Nachtschicht, politischer Gefangener der Nazis Nummer 144567. Dazu passen keine bunten Türen. Scibak will die Grau-Braunen daneben als Kulisse.

Jahrzehntelang hat er die Auseinandersetzung mit seiner Vergangenheit gescheut, litt er unter Albträumen und Schlaflosigkeit. Jetzt kehrte er zu den Orten seiner Vergangenheit zurück. Gegen das Vergessen, sagt er. Wobei: Nicht er vergesse seine Vergangenheit, aber die, die ihm folgen. Also kommt er wieder und erzählt denen, die nicht wissen, was ein Unrechtsregime ist, warum ein solches nie wiederkehren darf.

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Denn der Pole Scibak hat unter dem NS-Regime gelitten. Nach der Niederlegung des Wahrschauer Aufstands verschleppten die Besatzer seine Familie nach Deutschland. Schwester und Mutter kamen ins KZ Ravensbrück, Scibak und Vater ins KZ Sachsenhausen. Später, getrennt von seinem Vater, musste er in das KZ Bergen-Belsen, dann ins Dachauer KZ-Außenlager Augsburg. Er selbst hatte sich dafür gemeldet. Als einer von denen, die gesundheitlich noch nicht derart angeschlagen waren, dass sie nicht mehr auf den Beinen stehen konnten. Scibak wollte weg, raus aus dem KZ, wenn Augsburg auch harte Arbeit bedeuten mochte. Zwölf Stunden am Stück, ständig überwacht durch SS-Männer. Nicht einmal auf die Toilette gehen konnte Scibak alleine, erinnert sich der heute 87-Jährige. Schlafen musste er auf dreistöckigen Holzbetten ohne Matratzen.

All das ist heute unvorstellbar. Die Halle 116, sie liegt in Pfersee, einem der gefragten Viertel Augsburgs. Derzeit verwandelt sich die ehemalige Kaserne in ein attraktives Wohn- und Gewerbegebiet. Scibak steht vor der Halle 116. Weite graue Hose, graues Hemd, dessen oberster Knopf unter einer roten Krawatte geöffnet ist. Sein Gesicht weist tiefe Furchen auf, gezeichnet von der Vergangenheit und doch wieder nicht. Scibak ist freundlich, erzählt gerne Anekdoten. Er liebt das Lachen und steckt die Versammelten damit an. Wenn er geht, geht er elanvoll. Nicht mit dem Schwung der Jugend, aber doch energiegeladener als die meisten seines Alters.

Erblickt er die Halle 116, dauert es nicht lang, ehe die Erinnerungen zurückkommen. „Hier haben wir uns morgens aufgestellt“, sagt er. „Und hier war ein Tor, den ganzen Tag geöffnet und danach zugesperrt.“ Dann geht Scibak ins Innere . Der Augsburg-Besuch, er dreht sich ganz um ihn. Und doch hält er an, um allen Frauen den Vortritt zu lassen. Ein Charmeur, wie er ihm Buche steht. Sind alle beisammen, erzählt Scibak, wie die Nazis ihm seinen Namen nahmen und ihm stattdessen eine Nummer gaben. Wie sie ihm die Haare nahmen, am ganzen Körper. Wie sie ihm all seinen Besitz nahmen – bis auf einen Gürtel, den er bis heute sein Eigen nennt. Er erzählt von Türmen toter Menschen, von Todgeweihten und Holländern, die Glück hatten, die landestypischen Holzschuhe zu tragen: Bei Kälte stießen die Füße gegen die Schuhwand und das Blut konnte besser zirkulieren. Er erzählt von der Befreiung durch die Amerikaner. Dass er sich schwor, niemals wieder die Kruste eines Brotes übrig zu lassen. Er erzählt vom Überfluss der Amerikaner und davon, wie gut es ihm bei ihnen ging.

Scibak erzählt trotzdem nicht alles, lässt nicht jedes Thema an sich heran. Manchmal lenkt er ab, erzählt lieber eine andere Geschichte. Meistens geht es dann um die Themen, wegen denen er früher so unruhig schlief. Fast zweieinhalb Stunden redet Scibak, dann muss er weiter. Aber, sagt er dann noch, er wünscht sich, dass es an diesem Ort eine Gedenktafel gibt, die an die Vergangenheit erinnert. Kulturreferent Thomas Weitzel verweist darauf, dass ein „Lernort Frieden“ in Planung sei. Ein Konzeptentwurf liegt gerade zur Prüfung vor. Wann dieser umgesetzt wird, ist noch ungewiss.

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