Die mutmaßlichen Polizistenmörder von Augsburg hatten ein Waffenarsenal angesammelt, als ob sie in den Krieg ziehen wollten. Die Polizei fand in Verstecken der Brüder Rudi R., 56, und Raimund M., 58, rund drei Dutzend Waffen, darunter Sturmgewehre, Maschinenpistolen, Handgranaten. Doch eine wichtige Frage ist drei Monate nach der Verhaftung der Brüder weiter offen: Nach Informationen unserer Zeitung wissen die Ermittler nach wie vor nicht, ob sie auch die Tatwaffen entdeckt haben.
Frage der Tatwaffen
Der Mord am Augsburger Polizisten Mathias Vieth
Der Augsburger Polizeibeamte Mathias Vieth wird am frühen Morgen des 28. Oktober 2011 im Augsburger Siebentischwald von unbekannten Tätern erschossen.
Der Streifenbeamte und seine Kollegin wollen an diesem Freitagmorgen gegen drei Uhr auf einem Parkplatz am Augsburger Kuhsee ein Motorrad mit zwei Männern kontrollieren.
Die beiden Verdächtigen flüchten sofort in den nahen Siebentischwald, die Beamten nehmen mit ihrem Streifenwagen die Verfolgung auf.
Im Wald stürzen die Motorradfahrer. Dann kommt es zu einem Schusswechsel zwischen Beamten und Tätern. Der 41-jährige Polizeibeamte wird trotz Schutzweste tödlich am Hals getroffen, seine Kollegin durch einen Schuss an der Hüfte verletzt.
Die Täter flüchten. Eine anschließende Großfahndung, an der sich mehrere hundert Polizeibeamte beteiligen, bleibt ohne Erfolg.
Die Augsburger Polizei richtet noch am gleichen Tag eine Sonderkommission ein. Der Soko "Spickel", benannt nach dem Augsburger Stadtteil, in dem die Tat geschah, gehören zunächst 40 Beamte an.
Zwei Tage nach dem Polizistenmord geben die Ermittler bekannt, dass das Motorrad der beiden Täter in der Nacht vom 10. auf den 11. Oktober 2011 im Stadtgebiet von Ingolstadt gestohlen worden war. Dabei wurde die rund 15 Jahre alte Honda kurzgeschlossen.
Drei Tage nach dem tödlichen Schusswechsel rückt die Polizei erneut mit einem Großaufgebot im Augsburger Spickel an. Taucher von Polizei und Feuerwehr suchen in den Kanustrecken des Eiskanals nach Gegenständen.
Am 3. November wird Mathias Vieth bestattet. Am gleichen Tag stockt die Polizei die Soko "Spickel" auf 50 Beamte auf. Zugleich wird die Belohnung, die zur Aufklärung des Polizistenmordes ausgesetzt ist, auf 10.000 Euro erhöht.
Ein Abgleich von DNA-Spuren, die am Tatort gesichert werden konnten, mit der bundesweiten DNA-Datenbank ergibt laut Polizei keinen Treffer.
Am 7. November findet im Augsburger Dom die offizielle Trauerfeier für Mathias Vieth statt. Auch Bayerns Innenminister Joachim Herrmann nimmt an ihr teilt.
Zehn Tage nach dem Augsburger Polizistenmord greift die Sendung "Aktenzeichen XY" den Fall auf. Zwar gehen daraufhin mehrere Hinweise ein, eine heiße Spur ist aber nicht darunter.
Dezember 2011: Die Belohnung für Hinweise, die zur Ergreifung der Täter führen, wird auf insgesamt 100.000 Euro erhöht.
Am 29. Dezember 2011 nimmt die Polizei in Augsburg und Friedberg zwei Verdächtige fest. Es handelt sich um die Brüder Rudi R. (56) und Raimund M. (58). Schnell wird bekannt: Der Jüngere hat bereits 1975 einen Augsburger Polizisten erschossen.
Nach der Festnahme entdecken die Fahnder etliche Waffen und auch Sprengstoff. Belastet wird einer der Verdächtigen durch DNA-Spuren, die am Tatort gefunden wurden.
Auf die Spur der beiden Männer kamen die Ermittler über ein Fahrzeug. Der Wagen war in Tatortnähe beobachtet worden. Im Zuge der Ermittlungen stellte sich heraus, dass die beiden Brüder des Öfteren mit diesem Wagen unterwegs waren.
Mitte Januar ergeht auch Haftbefehl gegen die Tochter von Raimund M.. Bei ihr wurden Anfang Januar drei Schnellfeuergewehre und acht Handgranaten gefunden, die ihr Vater und dessen Bruder Rudi R. versteckt haben sollen.
Im Juli 2012 wird die Tochter von Raimund M. verurteilt. Das Gericht spricht sie wegen Verstößen gegen das Waffen- und Kriegswaffengesetz, wegen Geldwäsche, Hehlerei und Diebstahl schuldig.
August 2012 Die Augsburger Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen die Brüder Raimund M., 60, und Rudi R., 58, wegen Mordes am Polizisten Mathias Vieth. Außerdem listet die Anklage fünf Raubüberfälle auf.
Es zeichnet sich ein Mammutprozess ab. Das Landgericht Augsburg setzt mehr als 49 Verhandlungstage an.
21. Februar 2013: Der Mordprozess gegen die Brüder beginnt unter großen Sicherheitsvorkehrungen - und mit einem Eklat. Rudi R. beschimpft den Staatsanwalt als "Drecksack".
August 2013: Das Gericht hat den Mordkomplex abgearbeitet und beginnt mit der Beweisaufnahme zu den Raubüberfällen. Viele Beobachter rechnen mit einem Mordurteil.
September 2013: Ein Gutachter stellt fest, dass sich M.s Gesundheitszustand nach 15-monatiger Isolationshaft so verschlechtert hat, dass er verhandlungsunfähig ist.
November 2013: Das Gericht setzt den Prozess gegen M. aus. Er bleibt vorerst in Haft. Gegen seinen Bruder Rudi R. wird normal weiterverhandelt.
Februar 2014: Rudi R. wird zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt. Das Gericht sieht bei ihm eine besondere Schwere der Schuld und ordnet die anschließende Sicherungsverwahrung an.
September 2014: Der neue Prozess gegen Raimund M. beginnt.
Februar 2015: Der Bundesgerichtshof bestätigt das Augsburger Urteil gegen Rudolf R.
Die gefundenen Waffen werden seit Monaten von Spezialisten der Polizei untersucht. Doch die Untersuchung gestaltet sich offenbar sehr schwierig. Es liege noch immer kein abschließender Bericht der Experten vor, verlautet aus dem Umfeld der Soko „Spickel“. Die Augsburger Staatsanwaltschaft bestätigte auf Anfrage unserer Zeitung, dass zur Frage der Tatwaffen derzeit noch nichts mitgeteilt werden könne.
Einige der Fundstücke waren von Anfang an in der engeren Auswahl: Neun-Millimeter-Pistolen und Kalaschnikow-Sturmgewehre, Kaliber 7,62 Millimeter. Denn mit Munition, die zu diesen beiden Waffentypen passt, wurde der Polizist Mathias Vieth, 41, im Oktober vorigen Jahres erschossen. Das belegen Patronen, die von den Spurensicherern am Tatort im Augsburger Siebentischwald gefunden wurden. Doch die Patronen lassen sich offenbar nicht ganz eindeutig den Waffen zuordnen. Der Polizeihauptmeister Vieth, ein zweifacher Vater, starb nach einer Verfolgungsjagd im Kugelhagel. Seine Kollegin, 30, kam mit einem Streifschuss davon. Die Ermittler gehen noch immer davon aus, dass beide Brüder eine Waffe in der Hand hielten und auch beide auf den Beamten schossen. Raimund M. soll die Pistole bei sich gehabt haben, Rudi R. hätte demnach mit der Kalaschnikow gefeuert.
Nach wie vor geht die Polizei davon aus, dass die Brüder einen Raubüberfall geplant hatten und dabei von der Polizeistreife gestört wurden. Auch in der Vergangenheit sollen sie schon Überfalle begangen haben. Weiterhin sitzen auch drei Personen aus dem Umfeld der Brüder in Haft, weil sie Geld und Waffen versteckt haben sollen – darunter sind Raimund M.s Tochter und seine langjährige Geliebte.
Prozess gegen die Brüder könnte im Herbst beginnen
In Justizkreisen geht man davon aus, dass der Prozess gegen die Brüder im Herbst beginnen könnte. Die Tatwaffen werden dafür nicht zwingend gebraucht. Ein wichtiges Indiz ist unter anderem eine DNA-Spur von Raimund M., die am Tatort auf einem Handschuh gesichert wurde. Möglich ist, dass den drei Inhaftierten aus dem Umfeld der mutmaßlichen Mörder schon früher der Prozess gemacht wird. Ihnen wird keine direkte Beteiligung am Polizistenmord vorgeworfen. In dieser Woche tagte die Sonderkommission zwei Tage lang intensiv. Es wurde, wie es heißt, auch das weitere Vorgehen in dem Fall besprochen.