Was wird erhalten, was abgerissen? Um diese Frage geht es, wenn denkmalgeschützte Fabriken neu genutzt werden sollen - so wie jetzt die Augsburger Kammgarnspinnerei. Über versäumte Chancen beim Denkmalschutz, Kompromisse und Hoffnungen sprach AZ-Redakteurin Eva Maria Knab mit Markus Weis. Er ist Referatsleiter für Schwaben beim Landesamt für Denkmalpflege.
Was war Augsburgs größter Sündenfall bei Industriedenkmälern?
Weis: In der Vergangenheit gab es kritische Fälle. Ein Beispiel ist die Schülesche Kattunfabrik an der Friedberger Straße. Sie stammt aus dem 18. Jahrhundert und war eine der ältesten Fabriken in Europa. Ein Privatinvestor bekam 1996 die Erlaubnis von der Stadt, die Seitenflügel abzureißen. Es war ein dramatischer Verlust für Augsburgs Industriegeschichte. Zwar kamen später neue Anbauten für die Hochschule in städtebaulich gleicher Lage. Aber die authentische Aussage des Denkmals ist verloren.
Ein weiteres Industriedenkmal von europäischem Rang ist der Glaspalast. Halten Sie die Sanierung für gelungen?
Weis: Auch beim Glaspalast hat es aus Sicht der Denkmalpflege schmerzliche Verluste gegeben. Die Hülle des Gebäudes ist saniert. Aber die Shedhallen daneben sind komplett weg. Mit der neuen Wohnanlage nebenan ist die historische Industrieanlage nicht mehr vollständig nachvollziehbar.
Wie werden gegensätzliche Interessen beim Denkmalschutz abgewogen?
Weis: Das ist ein schwieriger Prozess. Die Vergangenheit zu 100 Prozent zu erhalten, geht nicht. Ein Industriedenkmal muss auch genutzt werden können.
Das Thema steht in der früheren AKS-Fabrik im Textilviertel an. Für moderne Bebauung geht viel historische Substanz verloren. Zu viel?
Weis: Bei AKS ist die Lage etwas besser. Die Stadt bemüht sich um ein verträgliches Konzept. Es ist mit der Denkmalpflege abgestimmt. Grundsätzlich wäre uns natürlich ein kompletter Erhalt der historischen Anlage lieber gewesen, aber das ist bei diesen großen Flächen wirtschaftlich schwierig. Wichtig ist, dass große Komplexe der alten Bausubstanz erhalten werden können. Das neue Textilmuseum wird ein Anker für eine schonende Nachnutzung der Fabrik sein. Gute Perspektiven sehe ich auch mit der geplanten Ansiedlung des Stadtarchivs und der Archäologie.
Tut Ihnen beim Anblick der Abrissbagger nicht trotzdem das Herz weh?
Weis: Jeder Verlust schmerzt. Aber als Denkmalpfleger muss man auch zulassen können, dass sich etwas weiterentwickeln kann.
Geht man in Augsburg heute angemessen mit Industriedenkmälern um?
Weis: Das Bewusstsein hat sich gewandelt. Ein Fall wie Schüle wäre heute nicht mehr denkbar. Der Umgang mit solchen Denkmälern hat sich verbessert. Auf dem Ackermann-Gelände wurde die neue Nutzung mit Wohnungen respektabel gelöst. Auch beim Fabrikschloss sind wir froh, dass es weiter genutzt wird. Vorbildlich ist die Instandsetzung der Augsburger Wassertürme.
Andere Städte schaffen es, historische Industrieareale umfangreich zu erhalten. Warum nicht Augsburg?
Weis: Eine Chance sehe ich beim alten Gaswerk in Oberhausen. Dort bemühen sich die Stadtwerke, Interesse für das Denkmal zu wecken.
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