Erst versuchte eine dubiose Firma, ans Geld einer Augsburger Rentnerin zu kommen. Dann kam auch noch Post von einem großen Inkassobüro.
Erna Nowak (88) ist schon immer eine gewissenhafte Frau. Die Rentnerin war lange Chefsekretärin, sie arbeitet gründlich. Deshalb kann sie Briefe nicht einfach wegwerfen. Wenn sie ein Schreiben bekommt, nimmt sie es ernst. Die Rentnerin litt deshalb monatelang unter Werbe-Terror. Jeden Tag lagen mehrere Briefe mit dubiosen Gewinnmitteilungen in ihrem Briefkasten, sie wurde mit Anrufen belästigt. Und zuletzt rückte ihr auch noch ein Inkassobüro auf die Pelle.
Hinter all dem steckt ein Unternehmen aus Wien, das meist unter dem Namen "Friedrich Müller" firmiert. Verbraucherschützer in ganz Deutschland warnen seit Jahren vor diesem Unternehmen. Immer geht es um falsche Gewinnversprechungen, teure Hotlines und Telefonterror. Die Werbeflut war schon eine Belastung für die Nerven der Seniorin. Doch das Schreiben der Inkassofirma machte ihr wirklich Angst. Immerhin ist auf dem Briefkopf auch das Logo von Creditreform, einem Branchenprimus im Inkassogeschäft, und ein TÜV-Siegel abgebildet. Die 88-Jährige war verzweifelt. "Ich weiß nicht, was ich tun soll."
Der Grund für die Mahnung über 95,40 Euro: Erna Nowak erhielt von Friedrich Müller nicht nur ungezählte Werbebriefe. Irgendwann kam auch ein Päckchen mit "Drachenkraft"-Tabletten, die angeblich gegen diverse Leiden helfen sollten. Kostenpunkt: 49,90 Euro. Die Frau sagt, sie habe nie etwas bestellt. Sie packte die Tabletten deshalb ein und sandte sie umgehend zurück. Sie bekam noch einige böse Briefe aus Wien, dann war Ruhe. Im November vorigen Jahres lag aber plötzlich das förmliche Inkassoschreiben im Briefkasten. Ende Mai folgte dann ein weiteres Schreiben, nun sollte sie 115,40 Euro zahlen. Als Absender fungierte die Acoreus Collection Services GmbH (ACS). Diese Firma gehört zur Creditreformgruppe, einem Schwergewicht in der Branche mit vielen namhaften Kunden - darunter auch die Augsburger Stadtwerke.
Wie kann es sein, dass man sich dort auf eine dubiose Firma wie Friedrich Müller einlässt? ACS-Geschäftsfürer Stephan Vila sagt, die Wiener Firma habe sich verpflichtet, nur "nicht offensichtlich unrechtmäßige" und "nicht unsittliche Forderungen" an ACS zu übergeben. Zudem habe die Firma versichert, das 14-tägige Rückgaberecht bei Versandgeschäften einzuhalten. Im Fall von Erna Nowak reagierte ACS gestern rasch: Das Inkassoverfahren gegen die 88-Jährige wird ohne weitere Prüfung beendet.
Doch Erna Nowak ist offenbar nicht die Einzige, die mit Mahnschreiben konfrontiert wurde. "Wir haben eine ganze Reihe Anfragen", sagt Andrea Sack vom Europäischen Verbraucherzentrum in Kiel. Sie beschäftigt sich seit Jahren mit den Geschäften von Friedrich Müller. "Opfer sind fast nur ältere Menschen", so Andrea Sack. Sie rät, auf die Mahnungen mit Widerspruch zu reagieren. "Wer nichts bestellt, muss auch nichts zahlen." Sie kennt mehrere Fälle, in denen danach nichts mehr passierte. Wie viele Betroffene aus Furcht vor Konsequenzen bezahlt haben, weiß sie nicht. "Es werden nicht wenige sein", vermutet sie. Erna Nowak blieb unbeugsam. Mit Erfolg. Von Jörg Heinzle
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