Augsburg Ein neues Jahr gibt Anlass, sich auf seine Geschichte zu besinnen. Beim Neujahrsempfang des Mesopotamien Vereins am vergangenen Sonntag hielt Festredner Abdulmehsi Bar Abraham genau darüber eine Ansprache - "Aspekte der Identität und Integration in der Diaspora". Wir fragten bei drei Mitgliedern des Vereins nach, was Identität für sie bedeutet:

vanessa Duldner
Obwohl Benjamin Candemir in Deutschland geboren ist und Midyat, den Geburtsort seines Vaters nicht kennt, fühlt er sich der assyrischen Kultur sehr verbunden. Mit seinen zwölf Jahren steht für ihn bereits fest, seine Herkunft niemals zu verleugnen und das Wissen über seine Kultur weiterzugeben, wenn er eigene Kinder hat. "Ich bin mit assyrischen Kinderliedern aufgewachsen", erzählt der Sechstklässler, dessen Muttersprache Assyrisch ist. Die Musik sei für ihn eine Form der Erinnerung, weshalb er es liebt, in der alten Kassettensammlung seiner Mutter zu wühlen. Trotzdem erscheint das Wort "Identität" Benjamin in dem Zusammenhang ein wenig befremdlich. "Ich bin ich", sagt er entschieden. In der Öffentlichkeit sieht er sich jedoch mehr als Deutscher, zu Hause als Assyrer. Gut findet er, dass die Herkunft in seinem Freundeskreis keine große Rolle spielt. Schließlich kommen viele seiner Freunde ursprünglich aus einem anderen Land.
Sehnsucht nach der Heimat
Assyrisch hat Loris Loreans Kourie erst im Mesopotamien Verein gelernt. Als fast Dreizehnjährige fand sie mit ihrer Familie Zuflucht in Augsburg. Seither war sie nicht mehr in ihrer alten Heimat. Wieder an den Ort ihrer Kindheit zu reisen, sei trotzdem ihr innigster Wunsch. Doch auch in Deutschland fühlt sich Loris Loreans Kourie rundum wohl: "Ich vermisse meine Heimat, aber ich bin an meinem Zielort angekommen", so die 43-Jährige. "Eingedeutscht" sei möglicherweise das richtige Wort, um ihre Identität zu beschreiben. Über 31 Jahre ehrenamtliche Mitarbeit im Mesopotamien Verein zeigen dennoch Ausdruck ihrer Liebe zur assyrischen Kultur, die sie mitsamt Ehemann und drei Kindern lebt. Die assyrische Theatergruppe, Frauengruppe, Folkloregruppe - all dies hilft ihr dabei, die Erinnerung am Leben zu halten. Was ihr neben ihrer eigenen Geschichte am Herzen liegt, ist die Anerkennung der assyrischen Kultur und Religion in der Türkei, damit ihre Landsleute dort in Frieden leben können.
Gerade als Gründungsmitglied des Mesopotamien Vereins bedeutet es Gebro Aydin viel, die assyrische Kultur zu pflegen. Gleichzeitig möchte er den Verein als "geöffnet für alle Volksgruppen" verstanden wissen. Für seine ehrenamtliche Tätigkeit sowie sein Engagement für die Integration bekam er sogar die Verdienstmedaille der Stadt Augsburg überreicht. Seine Identität möchte er sich bewahren, aber sie sollte niemals ein Hindernis sein, wie der 55-Jährige es ausdrückt. Als Gastarbeiter kam er 1972 nach Augsburg, ist mittlerweile deutscher Staatsbürger und hat sich 1991 selbstständig gemacht. "Ich bin ein zufriedener Mensch und möchte das auch ausstrahlen", so Aydin. In Augsburg hat er seine Wurzeln geschlagen und fühlt sich fest verankert.
Zahlreiche seiner deutschen Freunde kamen auch zum Neujahrsempfang und feierten mit den Assyrern bei kulinarischen Spezialitäten und Folklore der Jugend- und Erwachsenengruppe. Darüber hinaus läutete erster Vorsitzender Suleymann Ögünc den Beginn einer "fruchtbaren Zeit, voller Lebenslust und ambitionierter Pläne für das neue Jahr" ein. Bürgermeister Peter Grab lobte den Mesopotamien Verein in seiner Ansprache als "Erfolgsmodell einer gelungenen Integration".
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