Freitag, 15. Dezember 2017

19. Mai 2017 06:04 Uhr

Augsburg

Sie helfen, wenn alles aussichtslos erscheint

Der Kriseninterventionsdienst kümmert sich nach Unfällen, Suiziden und Schicksalschlägen um Hinterbliebene und betroffene Menschen. Zwei Freiwillige berichten. Von Alexander Rupflin

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Sonja Hirschmann und Dieter Lenzenhuber arbeiten für das Augsburger Kriseninterventionsteam.
Foto: Sabrina Schatz

Dieter Lenzenhuber erzählt von einem Tag aus dem Jahr 2001: Eine Familie fährt mit ihrem Auto über die A8. Es ist 6.30 Uhr. Sie kommen aus dem Urlaub in Kroatien, sind auf dem Weg zurück nach Hause. Plötzlich kommt der Wagen von der Straße ab, prallt gegen einen Baum und fängt Feuer. Beinahe unverletzt rettet sich die elfjährige Tochter aus dem Wrack. Die 43 Jahre alten Eltern können sich nicht befreien. Sie verbrennen vor den Augen ihrer Tochter. Als Lenzenhuber am Unfallort anlangt, nimmt er sich des Kindes an und bringt es ins Krankenhaus. Im Gespräch erfährt er, dass das Mädchen von dem Unfall selbst nicht viel mitbekommen hat. Es habe gelesen.

Bevor Dieter Lenzenhuber das Mädchen am Nachmittag wieder besucht, kaufte er ein Harry-Potter-Buch. Als das Mädchen das Buch auspackt, sagt es: „Wow, das hab ich gelesen, als es passiert ist.“ Es war das Buch, das in den Flammen verbrannte.

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„Grenzerlebnisse des menschlichen Seins“, nennt Lenzenhuber solche für ihn unvergesslichen Momente. Der Mitarbeiter eines Chemieunternehmens ist einer von knapp 50 Freiwilligen und einer der Initiatoren des Augsburger Kriseninterventionsdienstes. Ein ehrenamtlicher Dienst, der gerade sein 20-jähriges Bestehen feierte.

Sie überbringen auch Todesnachrichten

Die Helfer überbringen Angehörigen Todesnachrichten, betreuen die Witwe, deren Mann im Wohnzimmer einen plötzlichen Herztod erleidet hat, kümmern sich um Kinder, die auf einmal ohne Eltern dastehen. Erst am Dienstag waren sie nach dem Suizid im Augsburger Justizzentrum im Einsatz. Sie wollen Menschen in schier ausweglosen Situationen eine Zeit lang Stütze sein. Sie wollen Perspektiven schaffen, wo scheinbar keine mehr zu sehen sind, und bauen Brücken, die über den Abgrund führen. Aber, betont der 54-jährige Lenzenhuber, „über die Brücke gehen, müssen die Betroffenen selbst, wir tragen sie nicht“. Hilfe zur Selbsthilfe.

Lenzenhuber erkannte die Notwendigkeit eines solchen Dienstes schon 1996, zu seiner Zeit bei der Freiwilligen Feuerwehr. „Du kommst zu einem Einsatz und machst deine Arbeit. Aber wer hilft den Hinterbliebenen unmittelbar nach dem Unglück?“ Die Opfer befänden sich oft in einem schwarzen Trichter und rutschen beim Versuch da herauszukommen, immer wieder ab. Als Lenzenhuber das beobachtete, beschloss er mit einigen Kollegen, den ersten Kriseninterventionsdienst in Schwaben zu gründen.

Die Organisation teilen sich heute Malteser, die Notfallseelsorge und das Bayrische Rote Kreuz (BRK). Die Teams wechseln sich wöchentlich ab, sind 24 Stunden pro Tag, 365 Tage im Jahr einsatzbereit. Die ehrenamtlichen Mitglieder sind hauptberuflich Ärzte, Psychologen, aber genauso Ingenieure, Handwerker und Hausfrauen. Sie rücken aus zu Eltern, die vom Suizid ihres Sohnes erfahren haben, oder auch zu Großeinsätzen wie dem Amoklauf im Münchener Olympia-Einkaufszentrum. In der Regel beschränkt sich ihr Zuständigkeitsgebiet aber auf Augsburg und den Landkreis Aichach-Friedberg.

Seit Kurzem im Team des Roten Kreuzes ist Sonja Hirschmann. Sie hatte sich schon während ihres BWL-Studiums vorgenommen, irgendwann „etwas Anspruchsvolles zu machen, was einen aber auch persönlich weiterbringt“. Wenn es zu einer Katastrophe kommt, müssen Sonja Hirschmann und ihre Kollegen schnell sein. Die ersten Stunden nach einem Unglück sind entscheidend, um die Betroffenen vor einem möglichen Trauma zu bewahren. So wie bei der Frau vor ein paar Tagen. Ihr Ehemann ist in der Nacht umgefallen und war tot. Die Frau fand ihn am Morgen. Für die Hinterbliebenen entstehen in diesen Momenten wahnsinnig viele Fragen. Sonja Hirschmann versucht, diese zu beantworten, vermittelt einen Leitfaden. Das gibt den Angehörigen einen ersten Halt. Die wichtigste Aufgabe aber ist das Zuhören. Auf die Ängste der Betroffenen eingehen. Und auch gemeinsames Schweigen muss man aushalten.

Dann brauchen die Betroffenen vor allem Zeit, um mit dem Leid umzugehen. Viele aber geben sich diese Zeit heute nicht, beobachtet Dieter Lenzenhuber. Sie setzen sich zu sehr unter Druck, um wieder Leistung zu bringen. Und sie scheuen sich, von außen Hilfe anzunehmen. „Bei technischen Schwierigkeiten mit dem Handy hat niemand ein Problem, um Hilfe zu fragen. Aber bei psychischer Belastung wollen die Leute stark sein. Sie trauen sich nicht, Hilfe einzufordern.“

Wie werden Erlebnisse verarbeitet?

Woher aber nehmen die ehrenamtlichen Helfer die Energie, das Erleben solcher Schicksalsschläge immer wieder zu verarbeiten? Sonja Hirschmann hört nach einem Einsatz immer laut Musik im Einsatzfahrzeug. „Das ist schon ein richtiges Ritual geworden.“ Außerdem treibt sie viel Sport, macht Yoga und meditiert. Aber sie betont auch, dass man schon „mit mehr als zwei Füßen auf dem Boden stehen muss, um damit klarzukommen“. Nur dann kann man, wie Dieter Lenzenhuber, auch nach über 1000 Einsätzen noch ruhig schlafen. Ob die eigenen Verarbeitungsstrategien erfolgreich sind, wird einmal im Monat in einer Supervision untersucht. Hier kontrolliert jemand von außen, ob die Helfer mit den seelischen Belastungen fertig werden.

Lenzenhuber erklärt, wer ein solches Ehrenamt ausführen will, sollte am besten zu einem „distanzierten Einfühlungsvermögen“ in der Lage sein. Auch „ein gewisser Intellekt“ sei zweckdienlich, aber natürlich muss niemand vorher ein Studium abgeschlossen haben. Dafür aber eine Ausbildung zur Einsatzkraft. Die braucht 120 Stunden.

Es sind vor allem zwei Elemente, die einen motivieren, ein solch beanspruchendes Ehrenamt aufzuführen. Da ist zum einen die Dankbarkeit. Die Helfer erfahren direkt, wie die Hilfe ankommt. Man bekommt das Gefühl, einen Menschen weitergebracht zu haben. Man spürt: „Ich kann wirklich etwas machen und nicht nur auf Facebook dumme Kommentare posten“, sagt Lenzenhuber. Zum anderen erfährt man auch viel über das eigene Leben.

Seine Kollegin Sonja Hirschmann fügt hinzu: „Man erkennt außerdem, wie gut es einem selbst geht. Man lebt intensiver und lernt die einfachen Dinge wertschätzen. Man sieht wieder das Glück, dass Kind und Partner gesund sind.“

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