Freitag, 15. Dezember 2017

02. September 2013 07:10 Uhr

Verwackelte Videos

Smartphones beim Konzert: Viele Künstler genervt

Konzertgänger speichern ihre Eindrücke gerne auf dem Smartphone. Viele Künstler sind davon genervt – oder nutzen den Trend.

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Das Konzert spielt sich nicht vorn auf der Bühne, sondern oben im Display des Smartphones ab: Szene beim Auftritt des Rappers Cro in der Kemptener Big Box.
Foto: Ralf Lienert

Aus der hintersten Reihe ist es ein Puzzle aus leuchtenden Rechtecken. Ganz vorne die Bühne, der Künstler, die Band, vervielfältigt und herangezoomt auf hunderten blinkender Displays.

Seit auf der ganzen Welt durchschnittlich jeder Zweite zum Smartphone greift, wenn er ein neues Handy kauft, bedeutet „ein Konzert besuchen“ für viele automatisch auch: Handys zum Himmel für ein schnelles Foto, ein kurzes – meist elendig verwackeltes – Video. Selbst bei der Stimmungsband im Bierzelt vergehen heute oft nur Minuten, bis das erste Bild seinen Weg in die sozialen Netzwerke findet, aufgenommen in Lederhosen auf der Bank balancierend, Exklusiv-Eindruck mit Stimmungsgarantie. Wie viele Fotos und Videos dann erst, wenn Robbie Williams vor nahezu 70 000 Fans im Olympiastadion auf einem überdimensionalen Abbild seiner selbst herumturnt?

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Exklusiv-Eindruck mit Stimmungsgarantie

Sogar auf Klassikkonzerten ist das Phänomen zu beobachten: Der polnische Pianist Krystian Zimerman unterbrach kürzlich sein Konzert beim Klavierfestival Ruhr in der Essener Philharmonie, weil ein Zuschauer auf der Empore mit seinem Smartphone filmte. Seine Begründung: Internet-Plattformen würden die Musik vernichten.

In der Popbranche reagiert niemand so impulsiv: Seit Jahren sind leuchtende Smartphones dort fester Bestandteil der Konzert-Atmosphäre. Als Besucher ist man längst nicht mehr der unbehelligte Musikliebhaber, sondern potenzieller Statist im selbst gedrehten Musikvideo des Nebenmanns. Auf dem Künstler selbst lastet der Druck des Perfekt-Sein-Müssens. Kein falscher Ton, keine ungelenke Bewegung lässt sich mehr überspielen. Immer blinkt irgendwo der rote Recording-Button.

Eine Band bittet: „Steckt diesen Mist weg“

Fans und Künstler sind zunehmend genervt. Die New Yorker Avantgarde-Rockband Yeah Yeah Yeahs bat ihre Fans vor kurzem auf Schildern am Eingang zur Konzerthalle: „Bitte schaut euch die Show nicht über einen Bildschirm oder eure Digitalkamera an. Steckt diesen Mist weg – aus Höflichkeit gegenüber der Person, die hinter euch steht und auch gegenüber der Band.“

Bob Dylan verbietet seit mehr als zehn Jahren jegliche Foto- und Filmaufnahmen bei seinen Konzerten. Widersetzt sich jemand der Anweisung, verlässt Dylan konsequent die Bühne. Vor allem anfangs sorgte das für Empörung. 2003 rief der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) seine Mitglieder zum Dylan-Boykott auf, denn das Verbot galt auch für Pressefotografen.

Bei Foto- und Filmaufnahmen verlässt Bob Dylan die Bühne

Bob Dylan war das egal. Er kann es sich erlauben, im Netz und in den Medien nicht stattzufinden. Für Künstler aber, die ihr Publikum erst noch suchen, sind Bilder und Videos im Internet Fluch und Segen zugleich. Rein rechtlich ist ihr Stellenwert klar: Anders als Fotos, die das Landgericht München als zulässige „Momentaufnahme“ einer Darbietung einstufte, sind Konzertmitschnitte ein Verstoß gegen das Urheberrecht.

Konzertmitschnitte verstoßen gegen Urheberrecht

Grundsätzlich sei es daher nicht erlaubt, Video- und Audiomitschnitte anzufertigen, geschweige denn, diese ins Internet hochzuladen, sagt Rechtsanwalt Bernd Suchomski. Der in München tätige Jurist befasst sich regelmäßig mit Fragen des Urheberrechts. Er betont: „Künstler und Veranstalter müssen sowohl mit der Aufnahme, als auch mit dem Hochladen des Mitschnitts einverstanden sein.“ Selbst, wer sein Video nur als persönliche Erinnerung dreht, brauche streng genommen deren Zustimmung.

Pianist Krystian Zimerman hatte diese bei seinem Konzert in Essen nicht erteilt. Er habe mehrmals Plattenverträge verloren, polterte der Klassik-Star, weil Stücke schon vorab auf Youtube zu sehen gewesen seien. Die Exklusivität sei damit futsch gewesen, das Interesse der Plattenfirmen auch. Franz Xaver Ohnesorg, der Intendant des Klavierfestivals Ruhr, sprach nach Zimermans Konzert gar von „Diebstahl“.

Manche verdanken dem Internet die Karriere

In den kleinen Klubs hingegen verheißt eine blinkende Smartphone-Kamera immer auch ein Stück weit die große Karriere. Denn für einen Newcomer bedeutet jedes Filmchen im Netz ein Mehr an Publicity. „Youtube-Stars“ wie der österreichische Rapper Money Boy oder die US-amerikanische Pop-Geigerin Lindsey Stirling gründen ihren Ruhm darauf, dass sie das Netz so clever für sich nutzten. Wie könnten sie etwas dagegen haben, dass Videos von ihren Konzerten im Internet stehen, wenn allein dieses ihnen den Weg auf die große Bühne geebnet hat?

Der Smartphone-Filmer selbst aber tauscht sein mit allen Sinnen erfasstes Konzerterlebnis ein gegen den Blick aufs Display in schnödem 2-D. Erst Jahre später, wenn das auf der Festplatte abgespeicherte Video in Vergessenheit geraten ist, wird er vielleicht feststellen, was einst beim Konzert viele um ihn herum wussten: Die schönsten Erinnerungen speichert der Kopf.

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Ein Artikel von
Sarah Ritschel

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