Montag, 24. Juli 2017

17. Juli 2017 06:43 Uhr

Augsburg

So groß ist die Not der Retter in der Notaufnahme

So viele wie nie strömen in die Notaufnahmen – auch in Augsburg. Die Wartezeiten sind oft lang, Patienten unzufrieden. Und manche Mitarbeiter sagen: So kann es nicht weitergehen.

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Als die Mutter um sechs Uhr morgens nicht ans Telefon geht, steht für Brigitte Baumgartl fest: Da ist etwas passiert. Denn sie ruft mehrmals täglich bei der 77-Jährigen an. Also macht sie sich, weil sie kein Auto hat, mit dem Taxi auf den gut 25 Kilometer langen Weg zu ihrer Mutter nach Augsburg. Ihr Gefühl hat sie nicht getrogen. Die ältere Frau ist gestürzt. Brigitte Baumgartl ruft einen Rettungswagen. Kurze Zeit später liegt ihre Mutter auf einer fahrbaren Liege in der Notaufnahme des Klinikums Augsburg. Die Tochter sitzt neben ihr. Ganz nah. In ihren Augen sammeln sich Tränen: „Hoffentlich ist ihr nichts Schlimmes passiert.“

Bis Brigitte Baumgartl Gewissheit hat, wird es etwas dauern. Denn sie und ihre Mutter sind nicht die Einzigen an diesem Morgen in der Notaufnahme. Es ist Montag, einer der Tage, an denen Ärzte und Pfleger hier noch mehr leisten müssen, als sie es ohnehin rund um die Uhr tun. Denn die Zahl der Patienten in der Notaufnahme steigt und steigt. Waren es in Augsburg 2009 noch 63.000 im Jahr, sind es heute rund 90.000.

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Längst ist vom Notstand in der Notaufnahme die Rede. Ärzte und Pfleger arbeiten oft am Rande der Erschöpfung. Doch warum werden die Notaufnahmen so überrannt? Sind deutlich mehr Menschen ernsthaft krank? Kommen so viele, die sich das Warten auf den Facharzttermin sparen wollen? Dass etwas getan werden muss, darin sind sich alle einig. Nur was?

Notaufnahmen machen Verlust

Die Kassenärztliche Vereinigung, kurz KVB, hat daher ab April eine Abklärungspauschale eingeführt. Sie sieht vor, dass der Arzt in der Notaufnahme erst einmal schnell klärt, ob der Patient eine Notfallbehandlung braucht. Umgerechnet etwa zwei Minuten bleiben ihm dafür. Dann erhält die Klinik eine kleine Pauschale, bisweilen nicht mehr als ein paar Euro. Werden die Patienten in der Notaufnahme jetzt erst einmal alle kurz gecheckt? Und werden viele wieder weggeschickt?

Dr. Markus Wehler, 55, leitet die Notaufnahme des Klinikums Augsburg. Er kennt all die Klagen über die Wartezeit ebenso wie die Appelle, die vielen „Schnupfen-Husten-Heiserkeit-Patienten“ jetzt schneller zum Hausarzt oder nach Hause zu schicken. Letztere sind seiner Einschätzung nach aber nicht der Grund für den rasanten Patientenanstieg. Und im Übrigen auch nicht die Migranten, betont Wehler.

Also beginnt er zu erklären. Anschaulich. Gestenreich. Ausführlich. Hier sitzt und spricht einer, der nicht nur auf seine Abteilung blickt, sondern auch beobachtet, wie in anderen Ländern die Patientenströme gelenkt werden. Denn genau darauf kommt es seiner Meinung nach an. Und diese Lenkung, sagt er, laufe in Deutschland und damit im Einzugsgebiet des Klinikums nicht gut. Weil zwischen dem stationären Sektor, also der Behandlung im Krankenhaus, und dem ambulanten Sektor, also der Behandlung in der Arztpraxis, strikt getrennt wird. Vor allem finanziell. Dazwischen liegen die Notaufnahmen. „Die Millionengräber für die Krankenhäuser“, sagt Wehler.

In Augsburg fährt die Notaufnahme am Klinikum im Schnitt 3,5 bis vier Millionen Euro Verluste jährlich ein. Trotz Hochleistung. Daher plädiert Wehler für einen dritten Sektor. Bei dem nicht der Patient selbst entscheidet, wo er im Notfall hingeht, sondern eine dafür ausgebildete medizinische Fachkraft ihm sagt, was im Notfall zu tun ist. Diskutiert wurde der dritte Sektor von Politikern schon. „Aber man hat sich nicht einigen können.“ Des Geldes wegen. Wie so oft.

"Wir haben hier jeden Tag Menschen, die kommen oft noch zu Fuß zu uns, obwohl sie sterbenskrank sind"

Das Problem sieht Wehler oft beim Patienten selbst. Er muss im Notfall entscheiden: Geht es mir oder dem Menschen neben mir so schlecht, dass die Telefonnummer 112 für den Rettungsdienst richtig ist? Oder reicht der Bereitschaftsdienst mit der Nummer 116117? Eine Nummer, die nach dem Ergebnis großer Patientenumfragen nur die wenigsten kennen. Oder schaffe ich es noch zur nächsten KVB-Praxis? Sehr oft eine schwierige Abwägung. Eine, die manchen überfordert. „Ich verstehe die Menschen, die ja alle in einer persönlichen Notsituation stecken, dass sie dann die 112 anrufen oder zur Notaufnahme fahren“, sagt Wehler. Schließlich ist hier eine Maximalversorgung gewährleistet. Schließlich können die Ärzte hier einschätzen, wie ernst die Beschwerden sind.

So gehen die Mediziner in der Notaufnahme seit Jahren vor. „Wir haben Leute schon fortgeschickt, bevor eine Abklärungspauschale eingeführt wurde“, betont er. „Alle großen Häuser in Deutschland machen das seit langem. Daher hilft diese Pauschale auch keinem.“ Denn auf die Selbsteinweiser zu zeigen und zu sagen, sie tragen die Schuld an den überfüllten Notaufnahmen, sie hätten dort nichts verloren, hält Wehler nicht nur für falsch, sondern für gefährlich: „Wir haben hier jeden Tag Menschen, die kommen oft noch zu Fuß zu uns, obwohl sie sterbenskrank sind. Würden sie sich nicht selbst einweisen, wären sie tot.“

Den „Knackpunkt“ nennt der Chefarzt einen Großteil der Patienten, die mit „Wischiwaschi“-Symptomen kommen – „mit einer allgemeinen Symptomatik, die ich schwer einschätzen kann“. Schwindel, Übelkeit, Kopfschmerzen etwa. Symptome, die alles bedeuten können. Diese Patienten seien für viele niedergelassene Ärzte schwierig, aufwendig und immer weniger kostendeckend zu behandeln. Durch die veränderte Abrechnungspraxis müssten Haus- und Fachärzte darauf schauen, dass sie möglichst viele Patienten pro Stunde sehen. Menschen mit aufwendiger Diagnostik würden da oft weitergeschickt.

Wird die Belastung weiter zunehmen?

Was sagt die Kassenärztliche Vereinigung dazu? Dr. Jakob Berger ist im regionalen KVB-Vorstand – und ein erfahrener Allgemeinmediziner. Er kennt die Vorwürfe gegen die niedergelassenen Ärzte. Gerechtfertigt sind sie nicht, sagt er. Berger sieht das Problem vor allem im gewachsenen Anspruchsdenken vieler Patienten. Viele kämen und forderten sofort eine bestimmte Untersuchung. Klappe das nicht, marschierten sie zum Facharzt – oder in die Notaufnahme. Tatsächlich sind die Wartezeiten beim Facharzt oft sehr lang. „Auch da sitzen viele, die selbst glauben, sie müssten da hin, obwohl es oft unnötig ist.“ Dr. Google sei Dank. Zum Hausarzt, der als Lotse dient und alle Untersuchungen koordiniert, gehen viele gar nicht mehr. Obwohl es in Schwaben noch keinen Hausarztmangel gebe.

Nachfrage bei denen, die direkt bei den Notfällen ankommen. Thomas Winter leitet den Rettungsdienst des Bayerischen Roten Kreuzes in Aichach-Friedberg. Er beobachtet, dass die Patienten zunehmend hilfloser werden. Selbst einfache gesundheitliche Probleme könnten oft nicht mehr gelöst werden, führten zu Panik und dazu, dass der Rettungsdienst gerufen wird. Dr. Renate Demharter, ärztliche Leiterin im Rettungszweckverband Augsburg, fordert die Einführung des Fachs Gesundheitslehre. Doch sie warnt mit Blick auf die Notaufnahmen auch, „dass das System viel zu sehr auf Kante genäht ist“. Seit 21 Jahren arbeitet Demharter in der Notaufnahme. Sie sagt: „Es ist fünf vor zwölf.“ Die Notaufnahme arbeite längst „auf höchstem Massenanfall-Niveau – dabei besteht zum Glück noch gar kein Massenanfall, wie er etwa bei einem katastrophalen Unfall kommen könnte“. Die Arbeitsbelastung der Ärzte und Pfleger in Notaufnahmen wachse extrem. Und sie erhöht im schlimmsten Fall die Fehlerquote.

Demharter ist sich sicher, dass die Belastung in Augsburg weiter steigen wird. Sie verweist auf die Sparauflagen vonseiten des Freistaates, die mit der Aufwertung zur Uniklinik einhergehen. Der Auftrag sei klar: „Die Personalkosten sind zu hoch.“ So werde die Notaufnahme zwar beispielsweise räumlich erweitert, aber es würden nicht ausreichend Pflegekräfte eingestellt. Ohnehin seien die inzwischen schwer zu finden. „Damit wir uns richtig verstehen“, sagt die 57-Jährige. „Wir sind begeistert, dass wir endlich die Anerkennung bekommen, die wir längst verdienen. Wenn wir aber auf die Einsparungen blicken, ist es doch ein Pyrrhussieg“, also ein zu teuer erkaufter Erfolg. Demharter sieht die Kommunalpolitik in der Pflicht: „Die Stadt Augsburg hat kein alternatives Haus, in dem die Grundversorgung gewährleistet wird. Die Stadt bleibt für diese Sicherstellung verantwortlich.“

Fünf Schlaganfälle in ein paar Minuten

Wie wichtig das ist, zeigt allein dieser Montag. Wann immer man die Runde durch die Notaufnahme dreht, nimmt die Zahl der Wartenden zu. Etwa 50 Ärzte gehören zum Team der Notaufnahme und circa 90 Pflegekräfte. Wie sehen sie die Situation? In einem kleinen Raum der Notaufnahme sitzen Klaus Bürger, der den Bereich Pflege leitet, und Tobias Förster, sein Stellvertreter. „So kann es nicht weitergehen“, sagt Bürger, der seit 37 Jahren hier arbeitet. Und dass die Pflegekräfte den Stress längst spüren. „Auch gesundheitlich“, sagt Förster. Nicht nur der Patientenansturm mache dem Team zu schaffen. „Es muss auch immer schneller gehen.“

Allein heute Vormittag haben sie fünf Schlaganfälle innerhalb von ein paar Minuten versorgt. Hinzu kamen unter anderem zwei Patienten mit Herzstillstand, die wiederbelebt werden mussten. „Heute ist so ein 300er-Tag“, sagt Förster. Einer, an dem es statt 250 etwa 300 Patienten am Tag sein werden, die in die Notaufnahme kommen. Beschwerden über Wartezeiten nehmen dann zu.

Doch die kommen nicht nur von Patienten, sondern vor allem von Angehörigen. „Sie sehen ja nicht, was sich bei uns hinter den Kulissen, sprich in den einzelnen Kabinen, abspielt“, sagt Förster. Und dass es noch einen eigenen Eingang gibt, der direkt zu Schockräumen, zur Intensivmedizin, führt. Dass dort das Team oft um das Leben von Menschen kämpft. „Die Taktung bei uns ist extrem hoch.“ Der Bildschirm, der auf dem Tisch der Pfleger steht, zeigt die Dringlichkeit jedes Patienten, unterteilt nach Farben. Wer am schnellsten behandelt werden muss, legt ein Kriterienkatalog fest. Da kann es sein, dass ein Patient schon lange wartet. Zeigt ein anderer aber lebensbedrohliche Symptome, behandeln ihn Ärzte und Pfleger zuerst. Nachvollziehbar.

An diesem Montag scheinen viele Patienten das Warten geduldig hinzunehmen. Wer nachfragt, hört kein Murren, sondern viel Lob. Viel Anerkennung für das enorme Engagement der Ärzte und Pflegekräfte. Der 44-Jährige, den seine Frau und seine dreieinhalbjährige Tochter begleiten, bekam am Wochenende Schmerzen. Er hat Hodenkrebs. Doch der Mann weiß, dass es dringendere Fälle gibt. Er sagt: „Die geben hier ihr Bestes.“

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Ein Artikel von
Daniela Hungbaur

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