Montag, 20. November 2017

07. April 2016 21:12 Uhr

Augsburg

Sollte das Bauen in Augsburg verboten werden?

Ständig wird an den Rändern der Städte neu gebaut. Selbst dort, wo Kommunen schrumpfen. Ein Autor fordert plakativ: "Verbietet das Bauen." Wäre das auch für Augsburg sinnvoll?

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In Augsburg wird viel gebaut. Doch ist das sinnvoll? (Symbolbild)
Foto: Anne Wall

Ständig wird gebaut. Mitten in der Stadt, aber auch am Stadtrand. Millionen neuer Wohnungen und Häuser sind in den letzten Jahrzehnten errichtet worden, obwohl im gleichen Zeitraum die Bevölkerung nicht gewachsen ist. Was geschieht da? Warum wird ständig gebaut? Ist das wirklich nötig?

Nein, findet Daniel Fuhrhop, der diesem Thema ein Buch gewidmet hat. „Verbietet das Bauen“ lautet der plakative Titel. Die allgegenwärtige Bauwut verbrauche übermäßig Ressourcen. Städte veröden dadurch in der Innenstadt, außerdem werde immer mehr Natur dadurch verbraucht. „Wir müssen die Häuser besser nutzen“, sagt Fuhrhop rund 200 Zuschauern im Kongress am Park. Dorthin haben der Bund Deutscher Architekten gemeinsam mit dem Treffpunkt Architektur Schwaben und dem Fachforum Nachhaltige Stadtentwicklung Augsburg eingeladen. Wie kann die Zukunft des Bauens aussehen?

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Fuhrhop schlägt vor, anders mit dem Bestand umzugehen. An allererster Stelle auf der Liste steht, die Leerstände zu reduzieren: Wohnungen, teilweise auch Häuser, aber auch Büroräume. Und gegebenenfalls sollte es leichter sein, sie in Wohnraum umzuwidmen. Fuhrhop regt aber auch dazu an, den bewohnten Bestand besser zu nutzen: etwa die Quadratmeter, die leerstehen, wenn die Kinder ausgezogen sind, anderen Menschen zugänglich zu machen. „Das ist schwierig, das ist auch baulich schwierig, aber neu zu bauen, ist auch schwierig“, sagt Fuhrhop.

Oberbürgermeister Gribl: 400.000 Wohnungen fehlen pro Jahr

Applaus im Auditorium, auch als Fuhrhop in Augsburg das Grandhotel Cosmopolis erwähnt: die Umwidmung eines Bestandsbau in ein völlig neues Projekt, bei dem es gelungen ist, auch von behördlicher Seite alle entstehenden Schwierigkeiten für die Mischnutzung als Hotel, als Flüchtlingsunterkunft und als Café zu lösen. Auch hierfür Applaus.

Applaus aber auch für Augsburgs Oberbürgermeister Kurt Gribl, der in seinem Grußwort schon einmal sehr deutlich die Gegenposition bezieht. Bei den vielen Bedürftigen, den sozial Schwächeren, den älteren Menschen mit geringer Rente das Bauen verbieten? „Rund 400.000 Wohnungen pro Jahr fehlen“, sagt Gribl. Da gehe es um Grundbedürfnisse des menschlichen Lebens, die sichergestellt werden müssen.

Und damit ist das gesamte Spannungsfeld umrissen, in dem diese Diskussion stattfindet. Es gibt Städte, etwa Cottbus, in denen die Einwohnerzahl gesunken ist und trotzdem munter neu gebaut worden ist. Die Folge: eine Innenstadt, in der Geschäfte aufgegeben werden müssen, weil niemand mehr dort wohnt und zum Einkaufen kommt.

Fuhrhop führt auch aus, was es grundsätzlich bedeutet, wenn die genutzte Wohnfläche je Einwohner steigt: 1970 wurden im Durchschnitt noch 25 Quadratmeter je Einwohner benötigt, im Augenblick sind es 45 Quadratmeter, Tendenz weiter steigend. Im Wohnungsbestand in den Stadtteilen heißt das aber, dass bei gleicher Fläche nur noch halb so viele Menschen leben. Und das hat wiederum Folgen für die Infrastruktur, die Geschäfte, die Ärzte, aber auch so etwas wie den öffentlichen Nahverkehr.

Welche Potenziale tatsächlich im Verborgenen schlummern, habe die Flüchtlingskrise gezeigt, wie Mark Dominik Hoppe, Geschäftsführer der Augsburger Wohnungsbaugesellschaft, in der Podiumsdiskussion ausführt. Als plötzlich 15 Euro pro Quadratmeter für Unterkünfte am Markt zu erzielen waren, sei Wohnraum zum Vorschein gekommen, der bislang niemandem bekannt war. Was wiederum heißt, dass selbst in einer Stadt wie Augsburg, die von der Einwohnerzahl in den nächsten Jahren wächst, dass also selbst dort Wohnraum zu finden ist, der einfach nicht genutzt wird.

Ist Gebührenordnung der Architekten für Bau-Boom verantwortlich?

Der Philosoph Michael Hirsch verortete das Grundproblem auf tieferer Ebene. Die Gebührenordnung der Architekten führe zwangsläufig zu einem immerwährenden Bauboom. Ein Architekt, der zu kreativen Lösungen rate, zum Bauverzicht auffordere und neue Möglichkeiten des Wohnens aufzeige, verdiene nichts. Alles sei systembedingt auf weiteres Wachstum ausgelegt; eine Wohnkultur, die sich am Bedarf orientiert oder sich dem Verzicht zuwendet, könne von denen, die sich am besten mit Räumen und mit dem Wohnen auskennen, also von den Architekten, nicht gestaltet werden, weil die Architekten damit kein Geld verdienen. „Es ist Zeit für eine dritte Moderne“, so Hirsch, einer Moderne, in der der Beruf des Architekten neu definiert werde.

Karlheinz Beer, der Landesvorsitzende des Bunds Deutscher Architekten Bayern, überkommt ein Unbehagen, wenn einfach immer nur weitergebaut wird, etwa wenn neue Einfamilienhäuser am Dorf- und Stadtrand die Landschaft zersiedeln. Und das, wie schon gesagt, in einem Zustand, in dem die Bevölkerung nicht wächst.

Die anwesenden Architekten forderte Beer in der von Roman Adrianowytsch und Jörg Heiler moderierten Diskussion dazu auf, sich stärker in die politischen Debatten einzubringen, bei großen Bauvorhaben dann Präsenz zu zeigen, wenn das Grundlegende mit der Bürgerschaft verhandelt werde. Wenn Projekte ausgeschrieben werden, könne über Rahmenbedingungen ja nicht mehr diskutiert werden, seien die Einflussmöglichkeiten, um zu guten Ergebnissen zu kommen, schon geringer. „Wir müssen selbst mehr ehrenamtlich tun“, sagte Beer.

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