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28. Oktober 2009 19:55 Uhr

Ein Tag im Jugendgericht Augsburg

Verbotene Springmesser, Alkohol und Morddrohungen

Ein verbotenes Springmesser, zu viel Alkohol auf dem Fahrrad und Morddrohungen gegen die Ex-Freundin: Jörg Heinzle berichtet von einem ganz normalen Tag an einem Jugendgericht in Augsburg.

Die Sache mit dem Messer dauert fünf Minuten. Bülent N.* (19) hat die Hände gefaltet, Haare und Bart sind akkurat geschnitten. Die Polizei hat ihn mit einem Springmesser erwischt. Bülent N. sagt, er habe das Messer nur gefunden und wollte es seinem Vater geben. Jugendrichter Hartmut Wätzel zeigt sich gnädig. Gegen eine Geldbuße von 200 Euro wird das Verfahren eingestellt. Die Sache ist für ihn ausgestanden, vorbestraft ist er damit nicht.

Bülent N. ist einer von zwölf jungen Menschen, die an diesem Tag auf der Anklagebank, Saal Nummer 135, Strafjustizzentrum, Platz nehmen müssen. Vorne am Richtertisch sitzt Hartmut Wätzel. Er trägt einen Vollbart und eine Brille mit runden Gläsern, seine Stimme ist ruhig und vertrauenerweckend. "Mir kannst du ruhig alles erzählen", scheint er mit seiner Erscheinung zu sagen. Jugendrichter Wätzel ist ein erfahrener Jurist. Als Jugendstaatsanwalt hat er seine Karriere begonnen, zwischendurch hat er immer wieder als Jugendrichter gearbeitet. Ob sich mit den Jahren etwas verändert hat? "Ja", sagt er. "Die Sauferei ist momentan wirklich schlimm." Bei 90 Prozent der Fälle, über die er zu richten hat, sei Alkohol im Spiel.

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Ein feuchtfröhlicher Abend auf einer Party ist auch Angela B.* (18) zum Verhängnis geworden. Die junge Frau ist aufgeregt. Sie war noch nie in einem Gerichtssaal, hat nächtelang schlecht geschlafen. Im Mai wurde sie von der Polizei angehalten, weil sie auf einem Radweg in die falsche Richtung fuhr. Das Ergebnis: Angela B. hatte fast 2,1 Promille Alkohol im Blut. Richter Wätzel legt seine Stirn in Falten. "Dieser hohe Wert gibt schon zu denken", sagt er und fragt besorgt: "Trinken Sie viel Alkohol?" Die junge Frau drückt sich um eine klare Antwort. Bald wird sie damit nicht mehr durchkommen. Sie muss damit rechnen, dass sie von der Führerscheinstelle der Stadt zur medizinisch-psychologischen Untersuchung, noch immer als Idiotentest verschrien, geschickt wird. Dagegen mutet die Strafe, die Richter Wätzel verhängt, noch angenehm an. 900 Euro muss Angela B. zahlen. Mit dem Geld soll eine Tischtennisplatte für die Jugendarrestanstalt im Stadtteil Hochfeld angeschafft werden. "Der Staat hat für so was leider kein Geld, da müssen wir eben helfen", meint Richter Wätzel.

Geldbußen sind nur ein Instrument aus einem breiten Fächer an Strafen, den das Jugendstrafrecht anbietet. Hartmut Wätzel verpflichtet seine Delinquenten zu sozialer Arbeit, er schickt sie zu Anti-Gewalt-Kursen und verhängt, wenn es nötig ist, auch Arrest. Neuerdings brummt er den Tätern öfter ein längeres Alkoholverbot auf. Weil der Suff Hauptursache für Straftaten ist. Oder er verbietet den Kontakt mit falschen Freunden. "Man muss sich in die Jugendlichen reindenken", sagt er. "Wer nichts für die Jugend übrig hat, ist hier fehl am Platz."

Auch für Ali B.* (19) bringt Wätzel noch Verständnis auf. Der junge Mann soll die Familie seiner Ex-Freundin nach der Trennung mit Morddrohungen überzogen haben. Er sei ein "stolzer Türke", soll er gesagt haben, und er werde die kleine Schwester seiner Ex-Freundin "abstechen". Auf der Anklagebank gibt er sich höflich, zurückhaltend - und streitet alles ab. Doch Richter Wätzel ist nach der Beweisaufnahme davon überzeugt, dass Ali B. lügt. Dass der 19-Jährige nichts gestehe, sei nachvollziehbar: "Das ist für ihn nicht einfach, in so einem Gerichtssaal, vor der ganzen Familie."

Wenig Einsicht zeigt auch Sammy M.* (21). Er wurde zweimal ohne Fahrschein in der Straßenbahn erwischt, deshalb steht er jetzt vor Gericht. "Es entstand ein Gesamtschaden von 2,30 Euro", steht in der Anklageschrift. Eine kleine Summe im Vergleich zur Strafe, die er bezahlen muss: 600 Euro. Sammy M. - die Mutter war heroinsüchtig, der Vater ist unbekannt - hat schon einiges angestellt in seinem jungen Leben. Wegen falscher Verdächtigung, Nötigung, Diebstahl und Drogenbesitzes ist er in den Justizakten registriert. Alles nichts Schlimmes. Es sind Fälle, wie sie Wätzel täglich auf den Tisch bekommt. Aber dennoch muss seine Strafe dieses Mal heftiger ausfallen. "Strengen Sie sich an. Ob Sie es glauben oder nicht: Es gibt Leute, die schaffen es ein Leben lang ohne Straftaten", gibt Wätzel dem jungen Mann mit auf den Weg. "Ich probier' es ja", entgegnet Sammy M. "Aber ich bin doch auch nur ein Mensch." Jörg Heinzle

*Namen geändert

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