Donnerwetter! Jetzt hat Augsburg also tatsächlich ein Schauspielhaus. Das ist, nach jahrelangem Tauziehen zwischen Wünschen und Können geradezu ein Befreiungsschlag, und der gibt Anlass zu dreierlei: zur Freude, zum Schmunzeln, aber auch ein wenig zur Traurigkeit.
Weil Schmunzeln ja immer gut ist, fangen wir damit an: Muss man es nicht als Ausbund von Schlauheit bezeichnen, wie Theater und Stadt das aus Kostengründen nie in den Bereich des Möglichen geratene Schauspielhaus lanciert haben? Man schuf mit der Aufgabe der Komödie eine objektive Notsituation, und da war der Bau einer Ersatzspielstätte kaum mehr abzuwehren. Sicherheitshalber wurde die kleingeredet – „ist ja nur ein Container“. Regularien wie Architektenwettbewerb fielen damit weg, die Kosten blieben mit 6,2 Millionen (inklusive Bühnentechnik) unschlagbar niedrig.
Und so steht sie nun nach nur sieben (!) Monaten Bauzeit da, diese „Brechtbühne“, die zwar offiziell immer noch „Interimsspielstätte“ genannt wird, von der der gesunde Menschenverstand aber annehmen darf, dass sie nicht 15, sondern eher 30 Jahre lang Dienst tun wird. So hat Augsburg also unter der Hand ein Schauspielhaus bekommen, und man kann vor so viel Cleverness nur schmunzelnd den Hut ziehen.
Grund zur Freude gibt das allemal, denn das Haus bietet eine Raumbühne mit insgesamt 365 Quadratmetern. Fast die Hälfte gehört der eigentlichen Bühne, davor liegen ansteigende Sitzreihen, darüber spannt sich die flache Decke mit Bühnenzügen und Scheinwerfern, die von einer fahrbaren Brücke aus und von Arbeitsgalerien bedient werden können.
Das Haus bietet weiter Künstlergarderoben und Toiletten in ausreichender Zahl (in der Komödie bestand da eklatanter Mangel), eine kleine Hinterbühne und Räume für Requisite, Maske und Technik. Und es bietet drittens eine 160 Quadratmeter große Probebühne mit separatem Zugang.
Sind also alle Wünsche erfüllt? Sagen wir’ s mal so: Man kann in diesem Haus Theater spielen und Theater anschauen, zweifellos. Der Augsburger Architekt Gerhard Bestler hat, in enger Absprache mit der Theaterleitung, alles höchst funktional geplant, sogar an die „Not-Toilette“ direkt neben der Bühne gedacht, hat für Lüftung und Akustikwandverkleidung im Bühnenraum gesorgt, ansonsten sich finanziell nach der Decke gestreckt.
So viel wie möglich verwendete er vorgefertigte Platten für Wände und Dach, und der Innenausbau besteht vorwiegend aus Gipskarton. Bestler nutzte seine Erfahrungen aus dem Industriebau, und tatsächlich ist die Ausstattung so anspruchslos und sparsam, wie man es in einem beliebigen Gewerbebau am Stadtrand erwartet, nicht aber bei einem Kulturbau in der Innenstadt. Das macht schon traurig, dass hier eine Architektur mit eigenständiger Sprache, mit Ausdruck und Leuchtkraft keine Chance erhalten hat.
Rote Sitzpolster, rote Treppenstufen
Die Augsburger Brechtbühne ist ein Theater in Sparversion, und das wird auch den Theaterbesuchern nicht verborgen bleiben: Im Foyer liegt nur ein PVC-Boden unter den schlichten Einbauten für Garderobe, Kasse und Bar; die Toiletten haben einfachsten Standard, die Lochpaneele an Wänden und Decken oder die Türen würden auch für einen Autovermieter- oder einen PC-Laden passen. Der Verzicht auf hochwertige Materialien ist sicher anfälliger für Verschleiß, aber fürs Erste funktioniert alles. Das Wertvollste in der Ausstattung sind vermutlich die rot gepolsterten Sitze im Zuschauerraum, in denen man – anders als einst in der Komödie und auch jetzt im großen Haus – richtig gut sitzen kann, und der Bühnenboden aus amerikanischer Pinie.
Hochwertig ist auch die rote Außenfassade, die die Brechtbühne kenntlich macht. Hier hat Bestler speziell angefertigte, unterschiedlich gewölbte und rot beschichtete Blechplatten zu einem andeutungsweise gefalteten „Bühnenvorhang“ gefügt – ein schönes Bild, das auf eine Anregung des Stadtheimatpflegers Hubert Schulz zurückgeht und ein wenig Poesie ins Spiel bringt.
Eine bisschen Theaterpracht versprechen – leider beeinträchtigt durch den großflächigen Auftritt des Hauptsponsors Stadtsparkasse auf der Wand – auch die beschichteten Treppenstufen, die als „roter Teppich“ die Besucher unterm weit auskragenden Dach zum gläsernen Eingang hinaufführen. Ansonsten hat Gerhard Bestler den Bau, den er geschickt in die Bebauungslücke neben dem großen Haus einfügte, bescheiden mit Wellblech ummantelt – ist doch bloß ein Container, scheint er damit sagen zu wollen.