Ein Leben ohne die Kunst ist für Max Kaminski nicht denkbar. Täglich geht er in sein Atelier, täglich greift er zu Zeichenstift und Pinsel. Ruhestand als Stillstand, als ein Ende des eigenen Schaffens kann sich der ehemalige Professor der Kunstakademie in Karlsruhe, geboren 1938 in Königsbrunn, nicht vorstellen. Über die Malerei begegnet Kaminski der Welt, in seinen Bildern spiegelt sich das wider, was ihn beschäftigt, was ihn umtreibt, worüber er sich Gedanken macht.
In erster Linie male er für sich, sagt er. Seine Bilder zu malen und dabei schon an Betrachter und deren Reaktionen zu denken, das könne er nicht, daran würde er als Künstler zerbrechen. Und trotzdem fängt er in diesem Schaffens- und Weltbewältigungsprozess Situationen, Gedanken und Ideen ein, die sich anderen mitteilen, wie nun in zwei Ausstellungen in Augsburg in der Galerie Noah und der Stadtsparkasse (Halderstraße) zu sehen ist.
Kaminskis Bildwelt ist nicht heil, nicht einmal dann, wenn er ein Idyll präsentiert. Auf den ersten Blick erscheint der Zyklus, den er dem Garten von Anne Marie in Marseille gewidmet hat, ein Paradies auf Erden zu präsentieren. Haus und Natur, zusammengefügt zu einem Bild der Harmonie. Weil aber jeder Horizont auf den Bildern fehlt, wirken die Gartenansichten wie Inseln, wie ein von der Wirklichkeit abgeschotteter Ort, bedroht und fragil. Und gleichzeitig hat man das Gefühl, dass diese Ansichten ein Blick in die Vergangenheit sind, dass sie etwas Verlorenes widerspiegeln.
Der Gegensatz spricht ihn an
Wenn in Kaminskis Bildtiteln dann das Paradies auftaucht, muss man aufs Gegenteil gefasst sein. In der Rue Paradis in Marseille, Kaminskis Zweitwohnsitz, stieß er auf ein Geschäft, das Halloween-Masken ausstellte. Dieser Gegensatz hat ihn so angesprochen, dass er das Geschäft und seine Auslagen fotografierte, den Film aber nicht gleich entwickelte. Als er dann Monate später wieder auf den Film stieß, ihn entwickeln ließ und die Aufnahmen sah, wusste er, dass er neue Bild-Motive gefunden hatte.
Die Arbeiten, die nun aus diesem Zyklus in der Galerie Noah zu sehen sind, folgen nicht treu den Fotovorlagen. Kaminski greift ein, fügt hinzu, nimmt weg. Schließlich malt er sich auch wieder hinaus aus der Rue Paradis und diesem Geschäft für Halloween-Artikel. In einem starken und wuchtigen Großformat zitiert er seine Rue-Paradis-Arbeiten als knallroten Vorhang, den er vor eine lila Lavendelfeld-Landschaft gespannt hat.
Das Lavendelfeld findet sich nochmals in zwei Landschaftsbildern wieder. Beide Male hat er vor die sterile Landschaft ein Vogelnest gesetzt, auf dem eine diebische Elster thront – in ihrem Nest Fundstücke des zerbrochenen Lebens, Totenköpfe, aufgeschlagene Eier, skelettierte Hände.
In der Stadtsparkasse Augsburg präsentiert Kaminski Bilder, die in seiner Auseinandersetzung mit dem Festsaal des Schaezlerpalais entstanden sind. Die Gouachen, in denen er einzelne Motive des Festsaals mit anderen verknüpft hat, waren bereits in einer Sonderausstellung im Museum zu sehen gewesen. In der Stadtsparkasse, die diese Ausstellung finanziell unterstützt hatte, ist nun zu beobachten, wie Kaminski die einzelnen Motive in einen neuen Kontext überführt hat.
Den Kranich lässt er über das brennende Augsburg fliegen. Die Kriegerin, die mit Pfeil, Bogen und Faltenrock antik anmutet, lehnt sich auf eine Brüstung, im Hintergrund ist ein Kirchturm zu sehen, der an St. Ulrich erinnert. Geschichte prallt aufeinander, Römerzeit und Christentum. Dann nimmt er das Rot der Rue-Paradis-Arbeiten und platziert die Papageien, den Kranich, die Kriegerin und ein Liebespaar aus der Neuen Welt vor einem Augsburg im roten Nebel. Die Motive des Rokokokünstlers Guglielmi bringt Kaminski in die Stadt. Er schafft Kaleidoskope einer unüberschaubaren Welt – einer Welt, der Kaminski malend begegnet.