Heißt der Mann Karl Valentin? Seine Bühnenperformance macht dem Münchner Komiker alle Ehre: Zuletzt stößt er beim Aufspannen seines Regenschirms den Mikrofonständer um. Im Gesicht trägt er teilweise dick aufgetragen weißen Quark. "Ich habe meine Identität verwischt", behauptet Lienus Nguyen, der vierte Kandidat im studentischen Philosophy Slam, auf der kleinen Bühne im Café Viktor. Von Alois Knoller



Pathetisch führt Lienus zu dezenter Klavierbegleitung von Ruta Hermann Klage darüber, dass er nicht einmal wie einst Sokrates wisse, dass er nichts weiß. Sein oder Mein seien ihm abhandengekommen. Deshalb schlägt er dem Publikum vor: "Stellen Sie sich vor, ich bin René Magritte!" Die Zuschauer - beileibe nicht nur Studierende, sondern auch ältere Semester - amüsiert solch eine Nummer durchaus. Die Jury dieses "Ringens um die Wahrheit", so der Untertitel des philosophischen Wortgefechts, hinterlässt Lienus ratlos. "Mit Philosophie hat das nichts zu tun", urteilt Gerhard Hofweber streng. Privatdozentin Katharina Ceming meistert die Situation kabarettistisch: Sie schmiert sich kurzerhand selbst Quark ins Gesicht und betont: "René Magritte bin ich!"
Fast alle Spielarten des öffentlichen Auftritts erlebt man an diesem Samstagabend bei den philosophischen Slammern in dem drückend vollen Lokal. Vom perfekt formulierten Essay ("Öfter, als man gemeinhin denkt, hat man Angst, aber meistens spürt man sie gar nicht"), feierlich abgelesen von Thomas Jörg aus Bamberg, bis zur frei vorgetragenen, verschmitzten Disputation über den "Träger der Eigenschaften" von dem Physikstudenten Johannes Dreher, reicht das Spektrum. Prof. Manfred Negele als Juror wird dem 23-jährigen Dreher hinterher bescheinigen, dass er hintersinnig über die "höchst brisante Frage" nach dem Nichts gesprochen habe. "Die Darbietung war genial", schwärmt Katharina Ceming.
Die Sorglosigkeit der Physiker
Johannes Dreher, der am Ende den Schierlingsbecher als Siegestrophäe erhalten wird, zeigt ironisch die philosophische Sorglosigkeit der Physiker auf. Sie reden von Teilchen und meinen die Summe von Eigenschaften, die nur deshalb erkennbar sind, weil sie Wechselwirkungen zeigen. Aber was das wirklich ist, was Masse oder Ladung zeigt, weiß kein Physiker. Dreher erheitert - auch wegen seines altbayerischen Akzents.
Wesentlich fassbarer ist das Thema des Philosophiestudenten Wolfgang Schütz: Ist die Todesstrafe erlaubt? Er argumentiert mit der unantastbaren Würde des Menschen, die ihm zukommt, einfach weil er Mensch ist, ein Wesen mit Vernunft und Willen, das sich Ziele setzt. Sagt nun ein Mörder, er habe nicht anders handeln können, weil Erziehung und Umwelt ihn so geprägt hätten, leugne er die eigene Freiheit. Schütz aber hält fest daran, dass der Mensch niemals nur Mittel zum Zweck ist, seine Existenz also auch nicht für die Sicherheit der Menschheit vernichtet werden dürfe. "Der Menschenrechtspreis 2009 ist Ihnen sicher", lobt Katharina Ceming die schlüssige Darbietung.
Aufgeregt sind alle, wenn Moderatorin Isabela Zerebjatjew sie aufruft, vor Publikum und Jury ihr Bestes zu geben. Starten darf der Titelverteidiger, der Lehrer Hellmut Bölling. Er hat beim ersten Philosophy Slam die Jury überzeugt. Diesmal tut er sich mit einem weit ausholenden Referat über die Notwendigkeit, den Menschen in seine Göttlichkeit zu erheben, deutlich schwerer. "Ich misstraue dem ganzen Programm", meint Juror Gerhard Hofweber kritisch. Zu nahe liege es an der Selbstvergötzung.
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