Dienstag, 17. Oktober 2017

28. Mai 2017 08:04 Uhr

Kommentar

Warum die Diskussion um den Augsburger Fünffingerlesturm nervt

Seit zehn Jahren wird in Augsburg um den Treppenanbau an den Fünffingerlesturm gestritten. Politik und Stadtverwaltung spielen dabei keine gute Rolle.

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Die unvollendete Treppe am Fünffingerlesturm ist seit rund zehn Jahren ein Zankapfel. Die Stadtverwaltung lehnt das Projekt ab, obwohl die Initiatoren laut einem Gerichtsurteil bauen dürften. Bislang steht nur ein Teil des Projektes.
Foto: Peter Fastl

Schon seltsam: Gerade schreiten in Augsburg mit Theater und Hauptbahnhof zwei Mega-Bauprojekte nahezu problemlos voran. Ausgerechnet eines, das sich im Vergleich dazu winzig ausnimmt, sorgt dagegen für maximalen Ärger. Ja, auch über Hauptbahnhof und Theater wurde diskutiert. Wie seit Ewigkeiten über die Treppe am Fünffingerlesturm gestritten wird, ist langsam aber nicht mehr auszuhalten.

Der Clinch um den Fünffingerlesturm ist zehn Jahre alt

Seit zehn (!) Jahren liegen Stadtrat und Altaugsburg-Gesellschaft im Clinch wegen jenes Anbaus, der den Turm als Teil der ehemaligen Stadtbefestigung wieder zugänglich machen soll. Im März 2007 segnete der Stadtrat das Vorhaben ab – einstimmig wohlgemerkt. Doch bis heute ist die Treppe nicht gebaut.

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Warum, ist schwer zu sagen. Die Enttäuschungen und Verletzungen sind auf beiden Seiten so groß, dass manche Beteiligte schon empfindlich reagieren, wenn das Thema nur angedeutet wird. Eine sachliche Auseinandersetzung ist schwierig geworden, im Bauausschuss fiel jüngst das Wort „hinterfotzig“. Ist dies die Umgangsform, mit der Augsburgs Politiker zu sachorientierten Lösungen finden wollen?

Das strikte Nein einiger Stadträte und Verwaltungsleute zum Treppenbau ist aus mehreren Gründen merkwürdig. Der triftigste: Die Altaugsburg-Gesellschaft ist juristisch im Recht. Zweimal stellte ein Gericht fest, dass die Treppe am Turm zulässig ist und gebaut werden darf. Doch Bauverwaltung und Politiker suchen immer weiter nach Argumenten, um das Projekt auszuhebeln. Warum?

Ist es schlicht Pech?

Man könnte spekulieren, dass die Altaugsburg-Gesellschaft schlichtweg Pech hatte: Als der Stadtrat der Treppe 2007 zustimmte, stand Augsburg unter der Führung eines anderen Oberbürgermeisters und einer anderen Regierungskoalition: Paul Wengert und sein Regenbogen standen hinter der Idee, den alten Wehrturm für die Öffentlichkeit zu öffnen. Dann kam der Wahlkampf und die Treppe bot eine wunderbare Plattform, um auf Stimmenfang zu gehen. Denn unter den Bürgern hatte sich Widerstand gegen den Anbau gebildet, im September 2007 wurde ein Bürgerbegehren dagegen angestrengt. Unterstützt wurde es von zwei OB-Kandidaten: Kurt Gribl (CSU) und Peter Grab (damals Pro Augsburg). Der Ausgang jener Vorgänge ist bekannt: Gribl wurde Oberbürgermeister, das Bürgerbegehren für unzulässig erklärt. Für das „Treppenprojekt in Warteschleife“ änderte sich nichts: Die Stadt verhängte einen Baustopp. Seitdem scheiterte jeder Kompromiss, der von der einen Seite vorgeschlagen wurde, am Nein der anderen.

Man darf sich schon fragen, warum die aktuelle Stadtregierung so strikt gegen das Vorhaben der Altaugsburg-Gesellschaft ist. Gibt es Befindlichkeiten, weil der Treppenarchitekt einst wegen eines anderen Projekts gegen die Stadt klagte? Will man den Beschluss der Vorgängerregierung kassieren, die der Altaugsburg-Gesellschaft den Turm bis 2032 überlassen hat, weil es andere Pläne für die Wehranlagen gibt? Oder will man einfach Recht bekommen? Das Bild, das sich durch dieses Hickhack für die Bürger ergibt, ist jedenfalls verheerend: Das Ja der einen Regierungskoalition kann schon nach deren Abwahl keinen Pfifferling mehr wert sein, wenn es der neuen Regierung nicht gefällt. Auch so entsteht die heutzutage viel beklagte Politikverdrossenheit.

Gegenseitige Vorwürfe bringen nichts

Es ist höchste Zeit, dass man beim Fünffingerlesturm auf die Sache zurückkommt, anstatt sich gegenseitig mit Vorwürfen zu überziehen. Man kann von dieser Treppe halten, was man will. Man kann sie als zu wuchtig, als zu modern empfinden. Man kann infrage stellen, ob es Sinn macht, einen Wehrturm zu erschließen, der höchstens Platz für 20 Personen bietet. Die Gegner des Projekts sollten realisieren, dass es für diese Argumente zu spät ist: Die Gegebenheiten am Turm sind heute die selben wie 2007 – und damals wurde das Projekt nun einmal genehmigt.

Die Altaugsburg-Gesellschaft ging bislang nicht auf Konfrontationskurs: Obwohl sie die Treppe laut Urteil hätte bauen dürfen, verzichtete sie auf deren Vollendung. Man wolle, sagt der neue Vorsitzende Sebastian Berz, keine vollendeten Tatsachen schaffen. Man suche eher nach einer Lösung, mit der sich eine Mehrheit anfreunden kann.

Anderswo sind die Bürger aufgeschlossener gegenüber moderner Architektur

Die historischen Wehranlagen und Stadtmauern stoßen bei vielen Bürgern auf großes Interesse. Vor einigen Jahren gründete sich ein Stadtmauerverein, der den Erhalt der alten Befestigungsanlage unterstützt. Und auch die Stadtverwaltung will ja eine Untersuchung zur Nutzung der historischen Befestigung anstrengen – das Konzept soll 2018 vorliegen. Da wäre es doch sinnvoll, man ließe die Erkenntnisse der Altaugsburg-Gesellschaft einfließen. Sie hat ihre Pläne für den Fünffingerlesturm schließlich von Anfang an wissenschaftlich gestützt und will die Stadt nun auch bei deren Konzept unterstützen.

Vielleicht hilft bei den anstehenden Entscheidungen, den Blick etwas zu weiten: Nicht weit entfernt von Augsburg, in Ulm, sind Bürger und Politiker sehr aufgeschlossen, wenn es darum geht, alte Bausubstanz mit moderner Architektur zu kombinieren– und dort geht es um weit imposantere Projekte als einen Wehrturm am Rand der Innenstadt. Augsburgs Entscheider sollten zudem nicht vergessen, was die Altaugsburg-Gesellschaft in den vergangenen Jahrzehnten geleistet hat. Ohne das Engagement ihrer Mitglieder – im Übrigen lauter Bürger, die sich für ihre Stadt einsetzen – hätten sich einige Kulturprojekte nicht realisieren lassen, weil im städtischen Etat das Geld fehlt. So war der Verein beispielsweise bei der Sanierung des Schaezlerpalais ein verlässlicher Partner der Stadt. Leider ist dieses Verhältnis durch den Treppenstreit inzwischen ziemlich zerrüttet.

Es gibt andere Probleme als den Turm

Augsburg Politiker sollten endlich wieder andere Probleme diskutieren als das, ob ein Kleinprojekt – wir reden von einer Bausumme von 200000 Euro – die Optik unserer schönen Stadt verschandelt. Diese Gedanken wären bei anderen, größeren Bauprojekten und den damit verbundenen Abrissen historischer Substanz ohnehin angebrachter gewesen!

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