Kann es tatsächlich sein, dass ein Sportler, der Bälle in ein Tor kickt, hundertmal mehr wert ist als ein Chirurg, der Leben rettet? Dies ist eine Frage, die Rabbiner Henry Brandt, den jüdischen Präsidenten des Deutschen Koordinierungsrates (DKR, siehe Info), beschäftigt. Und die, so sagt er, die ganze Gesellschaft beschäftigen sollte. Nach welchen Maßstäben leben wir? Haben wir überhaupt noch Maßstäbe? Von Nicole Prestle


Buber-Rosenzweig-Medaille wird im Theater verliehen
Dieser Frage widmet sich die Woche der Brüderlichkeit, die am Sonntag im Theater Augsburg eröffnet wird. Es ist die zentrale Eröffnungsfeier für ganz Deutschland.
In diesem Rahmen wird auch die Buber-Rosenzweig-Medaille verliehen. Sie geht an den amerikanischen Star-Architekten Daniel Libeskind, der unter anderem das Jüdische Museum Berlin geplant hat. "Dass unsere Stadt für die Eröffnung ausgewählt wurde, macht uns stolz", sagt Oberbürgermeister Kurt Gribl. Historisch betrachtet sei Augsburg ein sehr passender Ort: Die Stadt des Religionsfriedens steht einmal mehr im Mittelpunkt des interreligiösen Dialogs. Auch ein gehöriges Maß an Aufmerksamkeit erhofft Gribl sich: Die Feier wird am Sonntag (23.40 Uhr) in einer Zusammenfassung im ZDF übertragen.
Die Veranstalter bereiten sich auf viel Prominenz vor. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer wird zur Eröffnung in Augsburg erwartet, zudem Katrin Göring-Eckardt, Bundestagsvizepräsidentin und Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Libeskind kommt bereits am Samstag und wird um 15 Uhr im Rathaus über Architektur und die jüdische Identität sprechen.
Als besonderes Zeichen der Annäherung zwischen Juden und Christen bezeichnen der Augsburger Rabbiner Brandt und Rudolf W. Siersch (Generalsekretär des DKR) die christlich-jüdische Gemeinschaftsfeier in der Synagoge. Brandt, Landesbischof Johannes Friedrich und Bischof Walter Mixa werden um 17.30 Uhr eine gemeinsame Liturgie zelebrieren. "Seit 1967 gibt es diese Gemeinschaftsfeier. In einer Synagoge findet sie jedoch zum ersten Mal statt."
Veranstaltungen sind beim Publikum begehrt
Das Interesse der Augsburger an den Veranstaltungen des Wochenendes ist laut Siersch überwältigend: Für die Eröffnungsfeier im Theater (930 Plätze) stehen bereits jetzt 200 Besucher auf der Warteliste. Für den Vortrag von Libeskind im Goldenen Saal wurden 485 Karten vergeben, weitere 100 Menschen stehen auf der Warteliste. Für die Gemeinschaftsfeier meldet Siersch 500 Anmeldungen - "so viele wie noch nie". Weitere Besucher sind willkommen. Allerdings: Wer keine Karte hat, muss seinen Personalausweis mitbringen.
Das Motto "Verlorene Maßstäbe" der Woche der Brüderlichkeit wird im Lauf der nächsten Tage in verschiedenen Veranstaltungen aufgegriffen. Mehr dazu auf »Seite 39
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