Was ist, wenn einem Menschen die Worte fehlen? Wenn er nicht mehr über die Sprache verfügen kann, um sich mitzuteilen? Das kann etwa bei Autisten der Fall sein, bei Schlaganfall-Patienten oder bei Senioren, die an einer Form von Demenz erkrankt sind. Mit der Sprache der Musik kommt Andrea Geis Menschen wie diesen entgegen. Sie hilft ihnen, ihre Gefühle auszudrücken und gibt ihnen somit wieder ein Stück Lebensfreude zurück.
"Musik emotionalisiert sofort", weiß Andrea Geis, "sie landet im Gemüt und bewirkt dadurch unmittelbar etwas in uns Menschen." Diese Erkenntnis liegt der Arbeit von Andrea Geis zugrunde. Die 45-Jährige wirkt als Musiktherapeutin unter anderem in der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Josefinum, in der Geriatrischen Reha-Klinik der Hessing-Stiftung und bei "Pikasso", dem Zentrum für seelische Gesundheit im Alter. Außerdem ist sie Dozentin für musikalische Liedbegleitung am Freien Musikzentrum in München und für das Fach "Geriatrie" beim berufsbegleitenden Master-Studiengang am Augsburger Leopold-Mozart-Zentrum. Die Arbeit mit Senioren, sei es in Einrichtungen, sei es bei ihnen zu Hause, gehört zu ihren Schwerpunkten.
Wenn sich Andrea Geis aufmacht zu ihren Patienten, nimmt sie ein ganzes "Wagerl" voller Instrumente mit: ein Akkordeon, eine Gitarre, verschiedene andere, leicht zu spielende Saiteninstrumente, Hand-trommeln, Zimbeln, kleine Becken - und vor allem den "Frosch". Wenn man mit einem Stab über den geriffelten Rücken des hölzernen Frosches streichelt, klingt das wie ein Quaken.
Die meisten dieser Instrumente können die Patienten sofort spielen. Sie brauchen keine Noten kennen. "Ich biete ja keine Musikstunde an", erklärt Andrea Geis, die auch viel mit Gruppen arbeitet, "die Senioren sollen neue Fähigkeiten an sich entdecken." Das wichtigste "Instrument" von Andrea Geis ist ihre Stimme. Sie ist ausgebildete Mezzosopranistin und arbeitet auch als Profi-Sängerin.
"Dann strahlen die Patienten"
Wenn Andrea Geis mit demenziell erkrankten Menschen arbeitet, singt sie oft jene altvertrauten Lieder, die in früheren Jahren in der Familie, bei Festen oder in froher Runde gesungen wurden. "Mag es auch 50 Jahre her sein", weiß die Musiktherapeutin, den Senioren seien sowohl die Klänge als auch die Texte noch vertraut. Da das Langzeitgedächtnis von demenziell Erkrankten oft noch gut funktioniert, könne es sogar sein, dass ein Patient alle Strophen von "Am Brunnen vor dem Tore" auswendig mitsingen kann. "Dann strahlen die Patienten!" Die Musik rührt also an und weckt Erinnerungen. Die Senioren, die aufgrund ihrer Krankheit oft eine große Wertlosigkeit empfinden, ihren Ausdruck verlieren und starr werden können, sind plötzlich wieder wachsamer und freudiger. Mehr noch: Das Singen führt zu einer guten, regelmäßigen Atmung und macht präsenter. "Viele Senioren atmen zu flach", weiß Andrea Geis.
Wer mit Menschen umgeht, braucht immer ein hohes Maß an Feinfühligkeit. Andrea Geis muss spüren, wer eine gewisse Musik nicht ertragen kann. Trommeln, weiß sie, könnten an den Krieg erinnern, an die Aufmärsche, die Bomben. Umgekehrt kann es auch sein, dass ein älterer Mensch, dem zeitlebens gesagt wurde, dass er nicht singen kann, "plötzlich in der Gruppe wie ein Zeiserl singt".
"Es gibt keine unmusikalischen Menschen", ist Andrea Geis überzeugt, "es kann höchstens sein, dass diese Fähigkeit im Lauf des Lebens zugeschüttet wurde." Sie sieht es als ihre Aufgabe, insbesondere als Gesangslehrerin, die Musikalität, die Sing-Stimme wiederzuentdecken und zu "enthüllen".
Info Musiktherapeutin Andrea Geis zeigt sich auch von einer ganz anderen Seite: "Die Neuros'n" heißt ihr Chanson-Kabarett-Duo. Mit ihrem Debütprogramm "Es geht alles vorüber" tourt sie zusammen mit Ulla Meyer (Piano) durch die Lande.
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