Montag, 22. Januar 2018

14. Januar 2018 08:30 Uhr

Augsburg

Werbung für Tarifreform macht Ärger noch schlimmer

Die Tarifreform im Nahverkehr sorgt für Ärger. Die Werbung hat das eher noch angeheizt. Was ist daran fairer und einfacher, wenn ich jetzt mehr zahlen muss?

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Werbung neigt zur Übertreibung und ist oft auch provokant. Doch es gibt eine Grundregel. Man sollte nichts versprechen, was man so nicht einhalten kann. Anders formuliert: Wenn der Waschmittel-Spot im Fernsehen blendend reines Weiß verspricht, sollte die weiße Bluse nicht rot aus der Maschine kommen. Bei der Werbekampagne für die neuen Tarife des Augsburger Verkehrsbunds (AVV) ist aber genau das passiert.

Schlimmer noch: Verschlechterungen für die Kunden wurden ganz allgemein als Verbesserungen verkauft. Wer Ticketpreise teils um bis zu 100 Prozent erhöht und gleichzeitig damit wirbt, dass jetzt alles „einfacher und fairer“ werde, muss sich nicht wundern, wenn die Wut der betroffenen Kunden dadurch angeheizt wird. Man fühlt sich – hier noch druckreif formuliert – hinters Licht geführt. Ein Augsburger, der jetzt für das Einzelticket doppelt so viel zahlen muss als bisher, fragt sich zurecht, was daran fairer sein soll. Zumal diese drastische Preiserhöhung nur für dass Stadtgebiet von Augsburg gilt.

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Kurzstrecke fahren ist in Augsburg jetzt teuer

In den weiter außen liegenden Zonen kann man weiter zu alten Tarifen fahren. Das gilt im Übrigen auch für die Nachbarstädte Gersthofen, Neusäß, Stadtbergen und Friedberg, die erfolgreich verhandelt und sich so einen Sonderstatus gesichert haben. Sie gehören zum Innenraum wie die Augsburger, zahlen in ihren Gebieten aber weiter nur 1,45 Euro statt 2,90 Euro für das Einzelticket. Die Stadt Königsbrunn hat keinen solchen Status, obwohl sie auch direkt an Augsburger grenzt. Das bedeutet: Wer vom Gersthofer Norden ins Augsburger Zentrum fährt, zahlt für die Einzelfahrt 2,90 Euro. Für die etwa gleich weite Strecke vom Königsbrunner ins Augsburger Zentrum muss man dagegen 4,35 Euro hinblättern. Für jeden dieser Fälle, die von Kunden nun angeprangert werden, mag es gute Gründe geben. Aber soll man den Kunden dabei noch erzählen, wie fair das alles jetzt ist? Ist es auch fairer und einfacher, dass die Wochenkarte gestrichen wurde? Oder dass es kein Seniorenabo mehr gibt?

Ein anderes Beispiel: Bisher wurden in den Straßenbahnen Einzeltickets sowohl für eine Zone wie auch für zwei Zonen verkauft. Durch den Wegfall der Zonengrenze im Stadtgebiet gibt es beim Fahrer jetzt nur noch das teurere Ticket für zwei Zonen. Das neue Kurzstreckenticket – von AVV und Stadtwerken als günstige Alternative beworben – kann man nur am Automaten kaufen. Dabei wird es in der Realität wohl genau dieses Ticktet sein, welches intensiv von Spontanfahrern genutzt wird. Das Argument der Stadtwerke lautet: Je weniger Tickets der Fahrer verkaufen muss, umso pünktlicher kommen Straßenbahnen. Doch ist das wirklich einfacher und fairer als bisher? Oder wäre es nicht eine echte Verbesserung, auch in den Straßenbahnen Ticketautomaten aufzustellen? Es gibt viele Städte, die das schon lange so lösen. (Lesen Sie dazu: Umstrittene Tarifreform: Stadtwerke-Chef verteidigt das Kurzticket)

Ein Argument, das von AVV und Stadtwerken für die Tarifreform angeführt wird, lautet: Einzelfahrten sind zwar teurer, dafür sind die Abos attraktiver. Kunden sollen so dauerhaft gebunden werden. Beworben wird das mit Schlagworten wie „immer günstig mobil“ und „Ticket-Highlights“. Was stimmt: Vor allem für jene, die weite Strecken vom Umland nach Augsburg zurücklegen, ist es teils günstiger geworden. Ansonsten fällt auch bei den Abos die Bilanz eher durchwachsen aus. Ein Beispiel: Augsburger, die bisher ein Abo für die Zonen 1 und 2 hatten, zahlen – je nach Abo-Variante – entweder nahezu gleich viel bisher oder sogar mehr. Preisaufschläge werden in Kundeninformationen als „Anpassungen“ schöngeredet und mit dem Argument versehen, dass es verbesserte Mitnahmemöglichkeiten gibt. Doch was, wenn man diese gar nicht wollte – und lieber gleich viel bezahlen würde wie bisher?

Besonders intensiv werben AVV und Stadtwerke mit dem Neun–Uhr-Abo. Das gab es bisher schon, ist nun aber günstiger. Im Augsburger Stadtgebiet fährt man damit für umgerechnet 99 Cent pro Tag. Doch auch hier ist nicht alles so toll, wie es das Marketing verkauft. Bisher gab es das Neun-Uhr-Abo auch für eine Zone – für 26,60 Euro. Das ist weggefallen. Der günstiges Tarif liegt jetzt bei 30 Euro monatlich. Wer außerhalb der Zonen 1 und 2 wohnt, muss mindestens 35 Euro zahlen. Egal, wie weit er damit fahren will.

Stadtwerke-Kunden fühlen sich verhöhnt

Dann kommt noch die Werbung dafür hinzu. Im Radio war der Spot Ende des Jahres ständig zu hören. Ausschlafen und Geld sparen – so lautete der Slogan, mit dem das Neun-Uhr-Abo angepriesen wurde. Schön und gut. Doch für all jene, die morgens früh raus müssen, um zur Arbeit zu kommen, klingt das wie Hohn. Erst recht, wenn sie sich diese Werbung frühmorgens beim Frühstück anhören müssen.

Das Vertrauen der Kunden ist für Unternehmen ein wichtiges Gut. Es geht beim Nahverkehr um einen Grundpfeiler der öffentlichen Infrastruktur und nicht um irgendeine Schlankheitspille. Im Idealfall unterstützen Werbung und Marketing das Gefühl, einem Unternehmen vertrauen zu können. Im Fall der Tarifreform ist das Gegenteil geschehen. Das durch die Veränderungen angekratzte Vertrauen vieler Kunden hat erst recht gelitten. Dass die Reform wirklich auch Vorteile hat und Kunden profitieren – man mag das angesichts der durchschaubaren Schönrednerei schon fast nicht mehr glauben.

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Ein Artikel von
Jörg Heinzle

Augsburger Allgemeine
Ressort: Lokalnachrichten Augsburg


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