Unter großem Polizeiaufgebot standen am Dienstag drei Tierschutz-Aktivisten vor dem Amtsgericht Augsburg. Für Richterin Gabi Holzer eine schwere Aufgabe, denn die Angeklagten waren auf sie alles andere als gut zu sprechen. Von Jörg Heinzle

Von Jörg Heinzle
Der Mann ist verwundert. "Was ist denn heute los?", fragt er laut. "Das sieht ja aus wie bei einem Mafia-Prozess." Fast täglich sitzt er morgens in der Straßenbahn nach Göggingen, fast täglich streift sein Blick den Bau des Justizzentrums. Doch das sieht er selten: Uniformierte Beamte patrouillieren um das Gebäude, Kleinbusse der Polizei stehen in den Seitenstraßen, ein Streifenwagen parkt vor dem Eingang.
Um die Mafia geht es nicht gestern Vormittag im Saal 141. Drei Tierschutz-Aktivisten aus München stehen vor dem Amtsgericht, weil sie bei einer Kundgebung im März 2006 mit Polizisten aneinandergerieten. Damals hatten gut zwei Dutzend Tierschützer vor einem Modehaus in der Bahnhofstraße gegen Verkauf von Pelzen protestiert. Die genehmigte Demonstration endete im Chaos: Vor dem Eingang des Geschäfts platzte ein Farbbeutel, zwei Polizisten wurden leicht verletzt, drei Tierschützer festgenommen.
Protest der Verteidiger: Richterin geht gern zum Jagen
Einige Tage nach der Demonstration hatte sich die Tierrechtsinitiative Augsburg zu Wort gemeldet und gegen das Vorgehen der Polizei protestiert. Es sei "nicht verhältnismäßig" gewesen, lautete der Vorwurf. Und vor der Verhandlung gestern war im Internet ein Aufruf kursiert, sich mit dem Aktivisten solidarisch zu zeigen und zum Prozess zu kommen. Richterin Gabi Holzer hat deshalb verschärfte Sicherheitsvorkehrungen angeordnet. Sie will verhindern, dass militante Aktivisten stören. Wer in den Gerichtssaal will, muss sich deshalb zwei Mal mit Metalldetektoren kontrollieren lassen, jeder Besucher wird mit seinem Namen erfasst, Handys sammelt die Polizei vor der Tür ein.
Auch der Prozess selbst beginnt zunächst holprig. Unter den Tierschützern herrscht Aufregung, weil zwei junge Männer im Publikum Notizen machen. "Das sind Nazis, die wollen an unsere Adressen", ereifert sich einer. Kurze Zeit später machen sich die Beiden freiwillig aus dem Staub. Die Verteidiger indes werfen der Richterin vor, sie könne nicht unvoreingenommen über die Aktionen der Tierschützer urteilen, weil sie in ihrer Freizeit gerne auf die Jagd gehe. "Sie hat sich gerühmt, die Füchse für ihre Pelzmäntel selbst geschossen zu haben", begründet der Münchner Rechtsanwalt Wolfgang Keuzer den Befangenheitsantrag. Richterin Holzer wischt den Einwand mit einem Lächeln zur Seite. Es scheint, als wolle sie das Verfahren durchziehen.
Nach fast fünf Stunden Verhandlung mit zahlreichen Unterbrechungen fällt das Urteil: Ein 29-jähriger Münchner wird zu einer Bewährungsstrafe von zehn Monaten verurteilt. Er hatte sich geweigert, nach Aufforderung durch die Polizei die Kundgebung zu verlassen und war danach im Gerangel mit zwei Streifenbeamten zu Boden gegangen. Seine Freundin (27) muss 1600 Euro Strafe zahlen, weil sie ihn aus dem Griff der Polizisten losreißen wollte und auf eine Beamtin einschlug. Dem dritten Angeklagten können keine Tätlichkeiten nachgewiesen werden, es bleibt bei 2700 Euro Strafe wegen Landfriedensbruch.
Was genau im "riesigen Tohuwabohu" - so beschreibt ein Polizist das Ende der Demonstration - geschah, lässt sich nach drei Jahren ohnehin nicht mehr abschließend klären. Und so endet der Prozess, der so aufgeheizt begann, ganz friedlich: Die Zuhörer aus der Tierschützer-Szene verlassen ruhig das Gericht. Zufrieden sind sie sowieso. Die Modehauskette verzichtet seit einiger Zeit auf Pelze. »Einblick Seite 36
Jetzt bestellen! Das neue iPad inkl. e-Paper.|
|
Artikel kommentieren
| Artikel bewerten: