Dienstag, 12. Dezember 2017

02. November 2015 00:46 Uhr

Lab30

Wie es klingt, wenn Menschen glauben

Das Festival kürt seinen Sieger und präsentiert ein Konzert mit etwas anderen Klängen: das Knarren der Sitzbänke, das Quietschen der Türen und das Husten der Kirchenbesucher Von Eric Zwang-Eriksson

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400 Meter Kupferdraht hat der südkoreanische Künstler Wonbaek Shin (*1982) in wochenlanger Fleißarbeit zu einem sich scheinbar ewig wiederholenden, fraktalen Muster gelegt. „Expandierende Einfachheit“ heißt die Installation, mit der er den Preis des gestern zu Ende gegangenen Medienkunst-Festivals Lab30 gewonnen hat. Das Kupfer erzeugt, als Widerstand eingesetzt, ohne zusätzliche elektrische Bauteile genug Strom, um damit eine 6V-Glühbirne zum Leuchten zu bringen.

Doch nicht nur für den mittlerweile in Köln lebenden Shin war das viertägige Festival im Kulturhaus Abraxas ein Erfolg. Die neue Leiterin Barbara Friedrichs berichtete von einem „gleichbleibend hohen Besucherandrang“. Der war erstmals auch an anderen Orten der Stadt sichtbar. Zum Beispiel in der Kirche St. Thaddäus. Dort kam am Samstagabend die „Missa abstracta“ des tschechischen Komponisten Michal Rataj zur Aufführung. Zu Füßen einer Marienstatue bot sich ein seltsam anmutendes Bild: Klavier, Laptop, Glasstangen und vier Lautsprecher, die für einen quadrophonischen Sound sorgten.

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Fast zehn Jahre lang hat Rataj Kirchen und spirituelle Orte in Tschechien, Österreich, Rumänien, Polen, USA, Deutschland und Portugal aufgesucht, um deren Klänge festzuhalten. Während der Auswertung des gesammelten Materials jedoch hatte der Komponist feststellen müssen, dass ihn weniger die vordergründigen Klänge, als vielmehr jene außerhalb der religiösen Handlungen interessierten. So wurden das Knarren der Sitzbänke, das Quietschen der Türen oder das Husten der Kirchenbesucher zum Basismaterial für seine „Missa abstracta“. „Mir wurde klar, dass diese Klänge mich mehr ansprechen und wichtiger für den spirituellen Kontext scheinen als die „eigentlichen“ Klänge der Rituale. Mit einer Ausnahme: den Predigten“, erklärte der 1975 im tschechischen Pisek geborene Komponist, Radioproduzent und Musikwissenschaftler. Und weiter: „Die Aufnahmen der geistlichen Ansprachen in verschiedenen Sprachen schaffen eine wunderbare Polyphonie der kulturellen, emotionalen und religiösen Haltungen.“

Um das spärlich eingesetzte Klavier und die zerbrechlich klingenden, farbigen Glasröhren erweitert, schuf Rataj eine abstrakte elektroakustische Reise in eine anmutige Welt der Spiritualität. Für 40 Minuten durchfluteten die minimalistische Klänge das klerikale Terrain und hinterließen einen noch lange anhaltenden, ergreifenden Eindruck. Ein Höhepunkt des Lab30 – und ein Ereignis, das sich hoffentlich wiederholt.

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