Sonntag, 22. Oktober 2017

26. April 2016 00:37 Uhr

Serie

Womit Hausnummer 100 punktet

Die 1950er Jahre waren muffig? Nicht im Bauen, wie ein Juwel zeigt, das wenige kennen

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Das erste, was der Student Gregor Nagler sah, war ein Schild: „Vorsicht frisch gebohnert!“ Da war er also noch, der Geist der 1950er Jahre, in denen die Pädagogische Hochschule (PH) an der Schillstraße in Augsburg einst geplant und gebaut worden war … „Furchtbar muffig fand ich es anfangs hier“, sagt Nagler und lacht. Er war dann schnell „bekehrt“. Von wegen spießig! Und längst ist der Kunstpädagoge und Architekturhistoriker ein Kenner und Liebhaber des Baudenkmals – und einer, der für diesen Klassiker der 1950er Jahre berufen schwärmen kann. Hier hat er studiert, hier hatte er sein Büro, ein Atelier, hier lief er durch luftige Flure und Treppenhäuser.

Wir stehen auf dem verwaisten Campus-Gelände, Hausnummer 100. Ziegelornamente, Flachdächer, große Fenster, rechte Winkel und klare Linien, Eleganz der Einfachheit, Rhythmisierung in einem strengen Grundmuster. Transparenz statt erdenschwere Protzigkeit der Naziarchitektur.

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„Nichts wirkt nach einem halben Jahrhundert verbraucht, das ist faszinierend“, findet Gregor Nagler. Er lobt die zeitlose Gültigkeit, die ästhetische Qualität der Gebäude. Auch wenn die Zeiten sich seit der Eröffnung im Mai 1963 wahrhaftig geändert haben. Damals hieß es in der Festschrift: „An den Haupteingang ist das Foyer angegliedert. Es nimmt vor und nach den Vorlesungen die Studenten auf. Hut und Mantel werden seitlich im Untergeschoss abgelegt“.

Die PH ist längst ausgezogen, das benachbarte Bayernkolleg wird einmal hier einziehen – nach einer Generalsanierung, die bis 2018 abgeschlossen sein soll. Hinter den großen Fenstern sind akurate Reihen von Stockbetten zu erkennen. Derzeit dient die leer stehende Hochschule als nach Bedarf zu aktivierendes Notaufnahmelager für Flüchtlinge. Vor dem lang gezogenen Hauptgebäude stehen zwei rostige Container, voll mit altem Mobiliar. Dennoch gibt es im Inneren noch viele prägende Details und Einrichtungen aus dem Originalzustand zu sehen. Regale, Einbauschränke, Treppengeländer, Türgriffe, Fensterhebel...

Die 1958 bis 1962 gebaute Pädagogische Hochschule mit ihren vier Gebäudekomplexen plus zwei Wohnheimen und einer Kapelle war der erste Campus in Augsburg, anknüpfend an den Bauhaus-Geist. Damals stand er frei im Grünen am Rande von Feldern und Wiesen, eine parkartig lichte Umgebung. Inzwischen sind mehrgeschossige Wohnbauten ziemlich dicht an das Ensemble herangerückt.

Gleichwohl hat der Ort noch seinen eignen, offenen Campus-Charakter behalten. „Eine Enklave, eine Welt für sich!“, schwärmt Gregor Nagler. Viele Augsburger dürften dieses herausragende Baudenkmal gar nicht kennen – das von Ziegelverbünden und viel Glas geprägte Bauensemble liegt zurückgesetzt von der Schillstraße abseits der Laufwege und Straßen, nicht weit von der Kreuzung Hans-Böckler-Straße/ Schillstraße.

Geplant von den Architekten Wilhelm Hauenstein, Anton Recknagel und Sigismund Herdegen vom staatlichen Landbauamt, ist die PH für Gregor Nagler ein typisches Beispiel für die neue Transparenz und Offenheit, die durchdachte Zweckmäßigkeit des Bauens nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Ende der Nazidiktatur. Mitte der 1950er Jahre war die Zeit der Notbauten, des Ausflickens und des Pragmatismus’ in Trümmerlandschaften vorbei. Jetzt wurden bewusst Akzente der Moderne gesetzt und konzeptionell gebaut. Wichtig waren der Einsatz von hochwertigen Materialien und die Zusammenarbeit mit Künstlern.

„Kunst am Bau“ war hier noch umfassend verstanden worden – als Durchdringung der Architektur, nicht als Anhängsel. Als beispielhaft nennt Nagler die Ornamentziegel im großzügigen Treppenhaus (Reinhold Grübl), den Fensterfries im Kubus der Kapelle (Hilda Sandtner) oder Keramik-Elemente in der Mensa (Klaus Schulze-Paris).

Für den 1978 geborenen Kunstpädagogen, der in München ein Promotionsstudium der Architekturgeschichte anschloss, sind die 1950er Jahre in Augsburg nicht nur durch die PH, sondern auch durch weitere Baudenkmäler herausragend repräsentiert. Gregor Nagler nennt das Finanz- und Hauptzollamt (Architekten Luitpold Sittmann und Hans Ganselmann), das Stadttheater Augsburg (ein Beispiel für den Wiederaufbau im Geist der 1950er Jahre) und das Rosenaustadion. Ein Juwel der 1950er Jahre, dem nicht nur er besonders nachtrauert, ist das 2001 abgerissene Tivoli-Kino am Ernst-Reuter-Platz.

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Michael Schreiner

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