Nicht irgendwo, sondern gleich auf einem Unesco-Weltnaturerbe ließ sich der Augsburger Thomas Näcke für seine heiß ersehnte Auszeit nieder. Endlich mehr Zeit für Sport, Musik und Lektüre haben, das "richtige Japan" kennen lernen - das wünschte sich der 47-Jährige und bekam's. "Ich habe mich auf drei Reisen dorthin in die Insel verliebt", schwärmt er vom südjapanischen Yakushima.



Im September 2007 tauschten Thomas Näcke und seine taiwanesische Frau Dora Shu (39) ihre geräumige, westlich eingerichtete Diplomatenwohnung in der Millionen-Metropole Tokio gegen ein kleines Mietshäuschen mit Reisstrohmat-ten und Papierschiebetüren in der 500-Seelen-Gemeinde Nagata, "dem wohl traditionellsten Dorf auf der Insel". Es liegt an einer Flussmündung im Nordwesten Yakushimas. Davor ziehen sich kilometerlange Sandstrände die Küste entlang.
Einen Kulturschock gab es für Näcke nicht. Nach 15 Jahren auf Achse als EU-Diplomat findet er leicht Zugang zu anderen Kulturen: Neben Brüssel hat er bereits zwei Jahre in Peking und sechs Jahre in Tokio gelebt. Das Einzige, was er im Naturparadies Yakushima vermisse: "Deutsche Brotzeit, Spätzle, und das Bier König Ludwig Dunkel." Näcke genießt dennoch die Auszeit auf der Insel. Der Lebensrhythmus sei gemächlicher: "Hier haben die Leute Zeit. Jede Begegnung - ein Schwätzchen. Die Häuser sind nie abgeschlossen; in den Autos steckt häufig der Schlüssel."
Eine feste Anstellung auf Yakushima zu finden, sei selbst für Japaner schwer. Die meisten arbeiten als Fischer und Landwirte, bauen Möbel und Häuser oder führen Touristen. Das Preisniveau ist vergleichsweise niedrig: Für den Preis eines Mini-Zimmers in Tokio bekommt man auf Yakushima ein 60-Quadratmeter-Haus. Das Leben finanziert das Ehepaar über Ersparnisse. Gelegentlich nimmt Näcke kleine Jobs für 60 Euro am Tag an - sogenannte "arubaito" - zum Beispiel als Mandarinenpflücker, Bergführer oder Dolmetscher. Ab und zu leitet er Seekajaktouren, bei denen er auf seine Erfahrung beim Augsburger Kajak-Verein zurückgreift.
In seiner Freizeit erforscht Thomas Näcke die Insel mit ihren unzähligen Wanderwegen durch idyllische Täler, Hochmoore und die ältesten Zedernwälder der Welt, vorbei an Wasserfällen und heißen Quellen, in denen sich wunderbar baden lässt. Darüber hinaus engagiert er sich in der Dorfgemeinschaft. Das kulturelle Leben bereicherte er durch ausverkaufte Bossa-Nova-, Samba- und Jazz-Konzerte, die er mit Musikern aus Yakushima und Tokio organisierte. Der ehemalige Schüler des Augsburger Leopold-Mozart-Konservatoriums begeisterte die Konzertbesucher mit seinem Violinen- und Gitarrenspiel.
Schließlich packte Näcke auch der sportliche Ehrgeiz: Seit 2008 hat er an sechs Triathlon-Wettbewerben teilgenommen. Die 1,5 Kilometer Schwimmen, 40 Kilometer Radfahren und 10 Kilometer Laufen schafft er in unter drei Stunden.
Näcke hat sich schnell integriert. Er schätzt die Freundlichkeit und Großzügigkeit der Inselbewohner: "Fisch, Gemüse vom eigenen Feld, junge Bambussprossen und Pilze aus dem Wald, Muscheln, Rehfleisch ... die Leute teilen, und zwar von Herzen." Die Integration kenne jedoch Grenzen: Bevor die Einheimischen an Fremde - Japaner wie Ausländer - ein Haus verkauften, stünden erst mehrere Zechgelage mit dem Bürgermeister an, scherzte er.
Ende Juli steht nun der Umzug an. Es geht nach Bern in die Schweiz. Näcke hat dort eine neue Stelle bei der EU bekommen. Sein Traum: "Mit einer Segeljacht wieder nach Yakushima zu kommen."
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