Dienstag, 27. Juni 2017

13. Juni 2017 00:03 Uhr

Tennis

Alles Handarbeit

Maria Schneider vom TC Schwaben versucht im internationalen Turnierzirkus Fuß zu fassen, ohne ihre Ausbildung als Zahntechnikerin zu vernachlässigen. Eine fast unlösbare Aufgabe

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Vorsichtig passt Maria Schneider den rosafarbenen Backenzahn in das künstliche Gebiss ein. Die 20-jährige Zahntechniker-Auszubildende bearbeitet konzentriert die Oberfläche mit einer schmalen Spachtel. Es kommt auf Zehntelmillimeter an, in ein paar Tagen soll ein Patient damit wieder kraftvoll zubeißen.

Dass Schneider kurz zuvor am frühen Morgen noch zwei Stunden lang in der Tennishalle des TC Schwaben immer wieder Schlagvarianten mit ihrer Vorhand, der Rückhand, Volleys, Überkopfbälle und Aufschläge geübt hat, macht ihr nichts aus. Die Umstellung von Power-Tennis auf Filigranarbeit sei kein Problem. „Wenn ich zuvor trainiere und danach arbeite, klappt es ganz gut. Wenn ich aber zuerst arbeite und danach trainiere, spiele ich richtig schlecht“, sagt Schneider.

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Seit gut einem Jahr versucht die Regionalliga-Spielerin des TC Schwaben, die Doppelbelastung Ausbildung und Beruf unter einen Hut zu bekommen. Jeder Wochentag ist bei ihr genau mit Training und Arbeit durchgetaktet. Ihr Konditionstrainer Dieter Gabriel hat den Plan mit Konditionstraining, Tennistraining, Reha, Arbeit und sogar Lernen erstellt. „Mein Tag beginnt um 5.30 Uhr und endet gegen 23.30 Uhr“, sagt sie. Um 6.30 Uhr steht oft schon die erste Trainingseinheit auf dem Programm.

Lohn der Plagerei: Schneider hat nach fünf Punktspielen eine persönliche 3:2-Bilanz, wird an Nummer 89 der deutschen Rangliste geführt und besitzt zwei Weltranglisten-Punkte. Zum Vergleich: Die Weltranglisten-Erste Angelique Kerber sammelte bisher 7035 Punkte. „Mein Ziel ist es, einen dritten Punkt zu holen, dann werde ich in der Weltrangliste geführt. Dann wird vieles leichter“, hofft Schneider. Würde Scheider dort aufgenommen, müsste sie sich bei den unterklassigen ITF-Turnieren nicht mehr durch alle Qualifikationsrunden quälen, sondern wäre dort schon mal gesetzt. Die nächste Möglichkeit bietet sich ihr ab Sonntag in Kaltenkirchen beim Hamburg. Schneider steht auf Platz 19 in der Qualifikation. Die Spitzenspielerin des TC Augsburg, Anastacia Detiuc, Nummer 1049 der Welt, ist dort topgesetzt.

Im Hauptfeld beträgt das Preisgeld 15000 Dollar, es ist in der internationalen Turnierserie eine der niedrigsten Kategorien. Schneider müsste das Achtelfinale erreichen, um einen Weltranglistenpunkt zu kommen. Sie will es probieren.

Dafür investiert sie einiges. So wird sie am Donnerstag zusammen mit ihrem Honorartrainer Gerhard Fahlke aus Frankfurt nach Hamburg fliegen. „Auf diesem Niveau brauchst du jemanden, der dich begleitet“, sagt sie. Je besser Maria Schneider spielt, desto höher wird die finanzielle Belastung. Flug Hotel, Trainer. „Da wird es teuer“, sagt Maria Schneider.

Seit dem bestandenen Abitur am Maria-Ward-Gymnasium im Sommer 2015 trainiert sie intensiv, will sie es in der Tennisprofiwelt wissen. Ihr Vater Hans Schneider versprach, ihren Traum mitzufinanzieren, wenn sie am Ende eine Eins vor dem Komma hat. Maria Schneider hat mit 1,7 bestanden. „Andere Kinder bekommen ein Auto“, sagt Schneider. Wie viel ihr Vater seitdem zuschießt, will sie nicht sagen.

Doch warum ordnet eine 20-Jährige alles ihrem Sport unter, obwohl sie nicht annähernd an das Top–Level ihrer Sportart herankommen wird? „Tennis ist meine Leidenschaft. Es ist für mich mehr als nur ein Hobby.“ Ihr sportliche Heimat war eigentlich der TCA, dort trainiert sie immer noch mit ihrem Trainer Gerhard Schruff. Doch ihren Wechsel zum TC Schwaben vor ein paar Jahren hat sie nicht bereut. „Das ist hier alles wie in einer großen Familie.“ Schwaben-Vorstand Anton Huber gewährt ihr kostenlose Hallenstunden, sorgt für Trainingspartner, hilft, wo es geht.

Dafür würde sie sich gerne mit dem Titel bedanken. Der TC Schwaben führt die Regionalliga-Tabelle derzeit an. Nach der Pfingstpause endet die Liga am 24. und 25. Juni mit einem Doppelspieltag. „Nach zwei zweiten Plätzen wollen wir einfach Meister werden. Toni Huber hätte es verdient“, sagt Schneider. Dass der TC Schwaben auch in die 2. Liga aufsteigen würde, ist unwahrscheinlich. Zweitliga-Tennis ist für den TC Schwaben kaum zu finanzieren. Nicht nur bei Schneider setzt das Geld Grenzen.

Auch im elterlichen Betrieb wird Schneider nichts geschenkt. Sie hat sie keinen Sonderstatus, muss ihr wöchentliches Arbeitspensum genauso erledigen wie alle anderen Mitarbeiter auch. „Wir bekommen unsere Aufträge in Schalen und die müssen abgearbeitet werden. Wie ich das schaffe, ist mein Problem.“ Darum arbeitet sie oft am Samstagabend an Prothesen, Inlays oder Implantaten. Normalerweise dauert die Ausbildung dreieinhalb Jahre, doch wenn alles optimal verläuft, kann Maria Schneider mit der Lehrzeitverkürzung im Februar ihre Prüfung ablegen. Danach will sie Zahnmedizin studieren. Spätestens, wenn sie einen Studienplatz ergattert, wird ihr Ausflug in die große Tenniswelt zu Ende gehen. „Irgendwann geht es nicht mehr. Ich müsste mich nur aufs Tennis fokussieren, aber das ist nicht möglich.“

Die Konkurrenz aus allen Teilen der Welt ist übermächtig. Gerade aus Osteuropa drängen zu Hunderten Spielerinnen auf den Markt, für die nur Tennis zählt. Schon in der Regionalliga spielt Schneider, bei Schwaben an Nummer drei gesetzt, fast ausschließlich gegen ausländische Spielerinnen. Die, die mit Ligaspielen und Turnieren ihren Lebensunterhalt verdienen.

Nur auf das Standbein Tennis zu setzen, kam für Schneider aber nie infrage. Selbst in Deutschland ist Schneider auf diesem Niveau fast eine Exotin. „Ich bin eine der wenigen, die an einer normalen Schule ihren Abschluss gemacht hat“, sagt Schneider. Für sie ist ihre Tenniskarriere ein Abenteuer, aber mit einem sicheren Fangnetz. Allerdings ein Abenteuer, das sie derzeit mit allem Ernst und Ehrgeiz verfolgt.

Sie will unbedingt herausfinden, wie weit sie mit Disziplin, Ausdauer und Willen kommen kann. „Mein persönliches Ziel ist es, in so einem ITF-Turnier stabil ins Hauptfeld zu kommen. Mich nicht mehr durch die Qualifikation kämpfen zu müssen und das erste Hauptrundenspiel mal frisch bestreiten zu können.“

Grand-Slam-Turniere wie die French Open, die am Wochenende die ungesetzte Lettin Jelena Ostapenko gewann, werden für Schneider unerreichbar bleiben. Die Augsburgerin hat die Fernsehübertragungen aus Paris aufgezeichnet und dann am Abend nach der Arbeit und dem Training angesehen.

Partys oder Weggehen haben keinen Platz in ihrem Stundenplan. „Ich muss am nächsten Tag fit sein“, sagt sie. Für das Tennis und die filigrane Arbeit am Zahnersatz.

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