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Premiere: Der Körper ist der Feind

Premiere

Der Körper ist der Feind

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    Alles wird in „Fressen Lieben Kotzen“ dafür getan, um schlank zu sein. Aber Bewegung allein hilft nicht weiter, wenn im Kopf die Ideale verrutscht sind und der Wunsch nach dem perfekten Körper zum Zwang ausartet.
    Alles wird in „Fressen Lieben Kotzen“ dafür getan, um schlank zu sein. Aber Bewegung allein hilft nicht weiter, wenn im Kopf die Ideale verrutscht sind und der Wunsch nach dem perfekten Körper zum Zwang ausartet. Foto: Foto: Nik Schölzel/Theater Augsburg

    Barbie hört nicht auf zu lächeln. Diese Barbie aus Pappe auf der Bühne hat es auch leicht, weil sie nie Hunger bekommt und weil sie sich nie Gedanken darüber machen muss, was sie alles dafür unternehmen muss, um schön schlank für ihren Papp-Ken zu bleiben. Barbie muss sich nicht die Frage stellen, was sich besser kotzt: Lasagne oder Spaghetti? Die 14 Jugendlichen in weißer Unterwäsche, für die Ken und Barbie die unerreichbaren Ideale sind, mögen zwar auf den ersten Blick unschuldig erscheinen, aber im Gegensatz zu Barbie kennen sie die Antwort auf die Frage: Lasagne!

    Das jtt, der Jugendtheaterclub des Theaters Augsburg, hat Cornelia Gellrichs Monolog „Fressen Lieben Kotzen“ auf dem Dierig-Gelände packend inszeniert. Unter der Leitung der Theaterpädagogin Christina Geißler und mithilfe der Dramaturgin Geeske Otten haben die Jugendlichen aus dem Monolog verschiedene Rollen entwickelt. Alle Figuren haben ein und dasselbe Problem: Der Umgang mit dem Essen und damit auch das Verhältnis zum eigenen Körper sind zutiefst gestört. In einem Meer aus Stanniolpapier, in einem Ozean aus Bonbons (Bühne: Susanne Hiller) wird das Stillen des Hungers als elementares Versagen gewertet. Denn wohin man auch blickt, wie wenig man auch isst, immer läuft einem auf der Straße jemand über den Weg, der schlanker ist als man selbst, der die Blicke der anderen auf sich zieht, der deshalb auch geliebt wird.

    Auf der Waage muss die Vier vorne stehen

    Der einzige Wunsch, aus vielen Kehlen immer wieder geäußert, ist der, dass auf der Waage die Vier steht, dass es mit einer Vier beginnt, dahinter darf ruhig die Neun folgen, wenn es mit vier beginnt, ist alles gut. Aber der Jubelschrei stellt sich nicht ein, sooft man sich auch auf die Waage stellt.

    So weiß und unschuldig wie ihre Unterwäsche wären sie gerne, die Jugendlichen. Doch die Körper spielen nicht mit. Schlank wollen sie sein, und dann finden sie doch immer irgendwo Fett an sich: Pölsterchen, gegen die mit eisernem Willen antrainiert wird, Pölsterchen, deretwegen gehungert wird, Pölsterchen, die einen dazu treiben, nach der Fressattacke aufs Klo zu eilen, um sich leer und frei und schön zu kotzen.

    Je weiter dieses einstündige Stück voranschreitet, desto beklemmender wird es für den Zuschauer. Denn so etwas wie Zufriedenheit mit dem eigenen Körper stellt sich bei ihnen nicht ein. Vielmehr ist der Körper der Feind, der Widerstand, den es immer und immer wieder zu überwinden gilt, um wenigstens die Möglichkeit für Glück zu finden. Und so stark der Wille auch ist, den Körper zu überlisten, zu bändigen, in die perfekte Passform zu bringen, so schwach ist das Fleisch. Und dann wird gefressen, so lange, bis der Ekel sie überfällt, bis es sie auf die Toilette treibt, sie sich das Haar zurückbinden, das Klopapier bereitlegen und den Finger in den Hals stecken.

    Dankbar ist man als Zuschauer, dass die unappetitlichen Details der Essstörungen nur beschrieben und nicht vorgeführt werden. Die 14 Darsteller des Ensembles haben aus dem Monolog kein Ekelstück gemacht, sondern ein Drama, aus dem es kein Entrinnen gibt. Stark ist bei aller Unterschiedlichkeit in der Ausgestaltung die schauspielerische Leistung von Leoni Borimann, Sophia Brocker, Bernadette Lorenz, Melanie Messe, Eva Ries, Iris Schmidt, Julia Schmölzer, Saskia Stadler, Sanja Ude, Tobias Eber, Benedikt Klonowski, Simon Müller, Mario Passow und Sebastian Volk. Durch das konzentrierte, engagierte und immer überzeugende Spiel ließen sie fast vergessen, dass hier keine Profis auf der Bühne standen.

    Dazu trug auch die Weise bei, in der der Stoff entfaltet wurde. Das erinnerte an die Ursprünge des Theaters, als im alten Griechenland die ersten Figuren aus dem Chor heraustraten. Immer wieder werden die einzelnen Rollen, die sich im Verlauf herausschälen, vom Kollektiv geschluckt, um die nächste Facette des Themenkreises darzustellen. Langer lauter Applaus, davor aber sekundenlang Stille. Die Botschaft ist angekommen.

    Weitere Termine am heutigen Samstag um 19.30 Uhr, am morgigen Sonntag um 19 Uhr und am Montag, 27. Juni, um 19.30 Uhr auf dem Dierig-Gelände.

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