Freitag, 24. Mai 2013

25. März 2012 11:04 Uhr

Theater Augsburg

Kleines Wunder, großes Glück

Ein herausragender Ballettabend mit drei zeitgenössischen Choreografien brachte das Premierenpublikum zum Jubeln.

Kelly Tipton und Partick Howell tanzen den Pas de deux in William Forsythes "Herman Schmerman".
Foto: Nik Schölzel/Theater Augsburg

„Da war’s um ihn geschehn; halb zog sie ihn, halb sank er hin, und ward nicht mehr geseh’n.“ Ein kleines Wasserbecken, eingelassen in den linken Bühnenrand, wird einem Mann (Nathan Griswold) zum Verhängnis. Er erliegt den Verführungskünsten einer Frau (Kelly Tipton), die sich bei Sirenengesang im Wasser räkelt. Goethes Verse aus der Ballade „Der Fischer“ inspirierten den Choreografen Demis Volpi zur Schluss-Sequenz seines Balletts „Hypnotic Poison“, das am Samstag im Rahmen der neuen Ballettproduktion „Forsythe/Galili/Volpi“ am Theater Augsburg seine Uraufführung erlebte.

Der Argentinier, der noch Tänzer in der Compagnie des Stuttgarter Staatsballetts ist, aber bereits international als großes Choreografen-Talent gefeiert wird, hat mit diesem Stück eine anspruchsvolle Kreation geschaffen, die fließend vom neoklassischen Ballett ins experimentelle Tanztheater übergeht. In eindrücklichen Bildern setzt Volpi die Themen Verführung und Versuchung in Bewegung um. Schon der Titel „Hypnotic poison“ sagt es: Verführung ist für ihn nicht nur das leichte Spiel des Flirts, sie endet auch im Machtkampf. Suggestiv setzt Volpi dazu die tiefe Stimme der Sängerin Diamanda Galás ein, den schon erwähnten Sirenengesang, und entwickelt prägnante Schritte, etwa, wenn er ein Schlagzeugsolo im aufgeregten Stakkato-Schritt auf Spitze augenfällig werden lässt. Er findet eigenwillige Bewegungsfolgen, die die Tänzer auf einer Stelle vollführen, doch obwohl er die Tiefe des Bühnenraumes wenig nutzt, wirkt seine Choreografie in keiner Weise statisch.

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William Forsythe hat die Tanzwelt auf den Kopf gestellt

Ganz anders das Abendfinale: Als Meister der (An-)Ordnung im Raum gilt William Forsythe, der die Tanzwelt in den letzten Jahrzehnten auf den Kopf stellte. Ein kleines Wunder und ein großes Glück, ein Stück von ihm, „Herman Schmerman“, nun in Augsburg zu sehen. Als Türöffner für den berühmten Tanz-Revolutionär fungierte Maurice Causey, viel beachteter Choreograf und acht Jahre lang Tänzer in der Forsythe-Compagnie in Frankfurt. Er empfahl das Theater Augsburg für eine Aufführung und studierte das Stück, das er oft auch selbst getanzt hatte, mit der Augsburger Compagnie ein.

Entlang am Rhythmus von Thom Willems Klängen, die trotz ihrer Gleichförmigkeit eine große Dynamik entwickeln, entfalten die technisch exzellenten Augsburger Tänzer die exakte Formensprache Forsythes. Immer noch furios und modern (das Stück entstand 1992) empfindet man die Drehungen und Streckungen von Armen, Händen und Kopf, die in unterschiedliche Richtungen gleichzeitig weisen, dazu die strengen Körperbilder, die geometrischen Gesetzen zu folgen scheinen. Im ersten Teil lösen sich Gruppenformationen, die weitgehend auf Symmetrie verzichten, in virtuose Soli auf. Ana Dordevic, Janet Sartore, Ami Tkazakura, Riccardo De Negris und als Gast Theophilus Vesely stellen Bewegungs-Kunststücke aus, und es macht sprachlos, wie gut sie sind!

Im zweiten Teil dann ein Pas de deux (hervorragend: Kelly Tipton und Patrick Howell), der hohe klassische Schule mit Forsythes eigener Körpersprache verbindet. Wer mag, kann darin den ewigen Kampf des männlichen und weiblichen Prinzips erkennen, muss es aber nicht. Denn auch die reine Bewegung spricht für sich.

Forsythes Stück bildet den faszinierenden Abschluss dieser Ballettproduktion; an ihrem Beginn steht Itzik Galilis „Things I Told Nobody“ – eine elegante, weiche und fließende Choreografie, die im Zusammenspiel mit der Musik besticht. Galili, der in Augsburg unter anderem mit seiner stürmischen Choreografie mit Schreibmaschinengeklapper zu Gast war, wählte diesmal klassische und oft gehörte Werke von Händel, Vivaldi, Mozart und Satie und blieb in seinem Tanz-Vokabular selbst stark auf dem klassischen Fundament. Wunderschön anzusehen und aufregend in Szene gesetzt ist das durch ein Spiel mit Licht, Zwielicht und Schatten.

Elan, Sinnlichkeit, Präzision und Präsenz prägen diesen herausragenden Ballettabend, der das Premierenpublikum zum Jubeln brachte. Man kann nicht anders, man muss sich der Verführung hingeben.

Weitere Aufführungen am 27. März, dann am 7., 15., 21. April sowie am 3. Mai

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