Mittwoch, 29. Juni 2016

07. Dezember 2012 08:53 Uhr

Asylrecht

Abgeschoben, weil die Liebe schwer zu beweisen ist

In Uganda kann Homosexualität lebensgefährlich sein. Trotzdem sollen zwei Frauen, die sagen, sie seien lesbisch, dorthin abgeschoben werden. Der Richter glaubt ihnen nicht. Von Manuela Mayr

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Zwei Frauen aus Uganda sollen abgeschoben werden: Der Richter glaubt ihnen nicht, dass sie lesbisch sind.
Foto: dpa

Eben noch hat Fara* mit angespanntem Gesichtsausdruck von früher gesprochen. Von ihrer Angst, geschlagen und vergewaltigt zu werden und von ihrer Einsamkeit als Kind. „In Uganda ist es etwas Schlimmes, wenn man lesbisch ist“, sagt die junge schwarze Frau. Kontakt zu anderen, die so sind wie sie, habe sie erst mit 16 durch ihre damalige Freundin bekommen. So wurden „Homo-Hasser“ allerdings auch auf sie aufmerksam. Aus Angst vor ihnen sei sie geflohen.

Die 20-Jährige mit den sehr kurz geschnittenen Löckchen wirkt herb, fast männlich und eher verschlossen, als sie von nächtlichen Überfällen erzählt. Ihr Verhalten ändert sich, als nach einer Weile Hamida* neben ihr Platz nimmt, mit der sie bei „Tür an Tür“ in Augsburg an einem Deutschkurs teilnimmt. Die beiden Asylbewerberinnen haben sich in einer Gemeinschaftsunterkunft im Augsburger Umland kennengelernt. Sie teilen dort mit zwei anderen Frauen ein Zimmer. Faras Züge werden weicher und sie lächelt, als Hamida hereinkommt. Eine Hand wandert während des Gesprächs hinüber auf den Oberschenkel der Freundin, als wolle sie Schutz suchen. Hamida ist schon 34, ein mütterlicher Typ. Es klingt warmherzig und ganz natürlich, als sie sagt: „Wir lieben uns.“

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Die Aussagen seien "lebensfremd" und "nicht nachvollziehbar"

Auch dem Richter am Verwaltungsgericht Augsburg hat Hamida als Zeugin gesagt, dass sie ein Paar sind und zusammenbleiben wollen. Doch er glaubt den Frauen nicht, dass sie lesbisch sind. Ihre Angaben seien „lebensfremd“ und „nicht nachvollziehbar“. Sie wüssten um die Gefahr für Lesben und Schwule in Uganda aus den Medien und würden diese Tatsache benutzen, um als Flüchtlinge anerkannt zu werden.

Faras Asylantrag wird somit abgelehnt. Hamida wartet noch auf einen Gerichtstermin. „Absurd und menschenverachtend“ ist das Urteil gegen Fara in den Augen von Rita Braaz von der Lesbenberatungsstelle LeTRa in München: „Wir betreuen und unterstützen beide Lesben seit Monaten psychosozial und haben keinerlei Zweifel an der lesbischen Identität unserer Klientinnen, geschweige denn an ihrer Liebesgeschichte.“

Eine Liste von 100 „Top-Homos“ mit dem Aufruf: Hängt sie!

Auch der Bayerische Flüchtlingsrat reagiert empört auf das Urteil und erinnert daran, dass Lesben und Schwule in Uganda ähnlich wie im Iran in großer Gefahr sind. Noch im Dezember soll ein neues Gesetz verabschiedet werden, das zumindest höhere Haftstrafen vorsieht. Schon das ist bedrohlich genug: „Ins Gefängnis zu kommen, das bedeutet den Tod“, ist sich Fara sicher. Tatsächlich entlädt sich der Hass auf Homosexuelle in Uganda auch durch Lynchjustiz: 2011 ist David Kato ermordet worden, ein bekannter Aktivist für die Rechte Homosexueller in Uganda. Kurz zuvor hatte er gegen die ugandische Zeitung Rolling Stone (nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Musikzeitschrift) prozessiert, nachdem diese eine Liste von 100 „Top-Homos“ veröffentlicht hatte – mit der Aufforderung: „Hängt sie!“

„Warum urteilt ein Richter angesichts solcher Gefahren nicht im Zweifel für die Angeklagte?“, fragt Rita Braaz. Zumal die so oft unterstellten wirtschaftlichen Gründe für eine Flucht im Falle Ugandas nicht mehr naheliegen: Das Land zählt seit dem Ende des Terrorregimes von Idi Amin zu den aufstrebenden Staaten Ostafrikas. Laut Auswärtigem Amt ist es dort gelungen, die Armutsrate deutlich zu senken.

Der sofortigen Abschiebung entgeht Fara vorerst nur, weil in der schriftlichen Urteilsbegründung eine Schlamperei passiert ist. Statt von Uganda ist darin von „Nigeria“ die Rede, wo ihr keine staatlichen Repressionen drohten. Der Fehler gibt Rechtsanwältin Gisela Seidler die Möglichkeit, gegen das nicht anfechtbare Urteil einen Antrag auf Zulassung der Berufung zu stellen. * Die Namen der Frauen wurden zu ihrem Schutz geändert.

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