Montag, 26. Juni 2017

25. Mai 2010 19:05 Uhr

6000er bestiegen

Andrea Szabadi-Heine: Die querschnittsgelähmte Profisportlerin

Die Allgäuer Sportlerin Andrea Szabadi-Heine hat 6000er bestiegen. Dann ist sie verunglückt. Jetzt ist sie querschnittsgelähmt. Trotzdem fährt sie wieder Ski und klettert Felsen hoch. Die Geschichte einer Frau, die nicht aufgibt. Von Ingrid Grohe

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Andrea Szabadi-Heine aus Eisenharz im Allgäu, querschnittsgelähmte Sportlerin und Outdoor-Trainerin, hier beim Wasserski. Bild: Martin Heine
Foto: Martin Heine
Wenn Andrea Szabadi-Heine auf der Terrasse ihres Hauses in Eisenharz bei Wangen sitzt, sieht sie über sanfte Hügel hinweg direkt in die Allgäuer Alpen. Die Berge sind ihre Sehnsucht - und Bewegung ist ihre Leidenschaft. Auf allen Kontinenten war sie unterwegs, hat 6000er bestiegen und mit Tourenski strapaziöse Routen begangen.

Als Outdoor-Trainerin führte sie andere Menschen an ihre Grenzen und darüber hinaus. Bis ein Unfall vor elf Jahren ihr selbst eine brutale Grenze setzte: Sie ist querschnittsgelähmt. Seither beschäftigt sich Andrea Szabadi-Heine mit der Definition ihrer eigenen Grenzen. Und weitet sie immer mal wieder um ein Stück. Der 42-Jährigen gelingt dabei Erstaunliches: Sie wurde im vergangenen Jahr Dritte bei der Wasserski-Weltmeisterschaft der Menschen mit Behinderung, sie arbeitet wieder als Erlebnispädagogin, und von Zeit zu Zeit fährt sie im Rollstuhl zu einem Felsen, stellt sich auf die Beine und klettert ihn hoch.

Es war ein dummer Unfall am 20. März 1999, während der Pause eines Trainingscamps in den Bergen. Spaßeshalber machte Andrea Szabadi mit einer Kollegin eine "Doppelrolle", bei der sich die Partner gegenseitig an den Füßen halten. "Der Hang war ziemlich steil", erzählt sie. Die beiden wurden immer schneller, plötzlich verlor sie die Spannung und schlug mit dem Kopf auf hartem Schnee auf. Die Folge: drei Wirbel zertrümmert, einer hat sich ins Rückenmark gebohrt. Dieser Unfall bremste die damals 31-Jährige in einer Lebensphase aus, die von Umtriebigkeit und Aktivität bestimmt war. Die sportliche junge Frau hatte Sozialpädagogik studiert und dabei ihren Mann Martin Heine kennen gelernt. Gemeinsam unternahmen sie Exkursionen, erlebten Abenteuer. Am Fels, im Schnee - in allen Winkeln der Erde.

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Das Paar hatte mit zwei Partnern 1994 den erlebnispädagogischen Verein "Roots" gegründet, der bis heute (inzwischen als Firma) Unternehmen und soziale Einrichtungen berät und - vor allem durch Outdoor-Aktivitäten - Kompetenzen vermittelt zur Konfliktlösung, Kommunikation, Teamarbeit. Aufträge gab es von Anfang an zuhauf. Andrea Szabadi-Heine leitete Gruppen beim Rafting, Höhlenerkunden, Klettern, Abseilen, Bergsteigen. Fünf Jahre lang lief sie auf Hochtouren. Bis zum 20. März 1999. "Der Düsenjet ist an eine Wand geknallt", formuliert sie drastisch.

Querschnittslähmung ab dem sechsten Brustwirbel, lautete die Diagnose. Ärzte deuteten die Aufnahme des Computertomografen so: "Mit großer Wahrscheinlichkeit kommt keine Beweglichkeit zurück." Diesen Satz hätte Andrea Szabadi-Heine als ihr Schicksal sehen und akzeptieren können. Doch sie hat sich anders entschieden: "Ich habe gedacht, jetzt probier ich erst mal aus, was drin ist - glauben kann ich das auch noch in zwei Jahren."

Andrea Szabadi-Heine und ihr Mann Martin Heine wissen inzwischen viel über verschiedene Formen von Querschnittslähmung, über Diagnosen, Theorien, Therapien. Sie legen sich nicht fest auf eine einzige Lehre, vertrauen mal auf die Schulmedizin, mal auf alternative Heilmethoden, denn sie wissen, dass auch in der Behinderung jeder Mensch anders ist. "Wer die Aussage glaubt, dass er keinerlei Beweglichkeit mehr erreicht, erfährt nie, dass es möglicherweise Restfunktionen gibt", sagt Martin Heine. Zehn bis 15 Prozent solcher Restfunktionen, so vermutet er, sind bei seiner Frau erhalten.

Andrea Szabadi-Heine hatte die Geduld, diese Restfunktionen zu entdecken, und die Beharrlichkeit, sie auszubauen. Ihr fester Vorsatz direkt nach dem Unfall: "Ich lauf aus der Klinik raus. Vorher will ich nicht entlassen werden." Neun Monate später ging sie auf den eigenen Beinen aus der Reha-Klinik. Wackelig, schleppend, mit Gehstützen ("das Wort Krücken benutze ich nicht so gerne") schaffte sie damals etwa 50 Meter. Heute legt sie an guten Tagen auch mehr zurück. "Ich muss gut auf meinen Körper achten. Wenn ich mich überfordere, geht gar nichts mehr", so Szabadi-Heine.

Auch wenn es sich wundersam anhört, hat es doch nichts mit einem Wunder zu tun, dass die gelähmte Frau wieder gehen kann. "Ich bin über die Spastik zum Laufen gekommen", erklärt sie. Spastiken sind unwillkürliche Bewegungen der Gliedmaßen. Meist werden sie medikamentös unterdrückt, weil sich Querschnittsgelähmte dadurch verletzen können. Auch hier hat die Allgäuerin anders entschieden, sie versuchte die Spastik für sich zu nutzen. Durch eine Streckspastik ist Andrea Szabadi-Heine aufgestanden - und durch Beugespastiken oft wieder zusammengeklappt.

Und so geht sie, unterstützt von ihrem Mann, seit elf Jahren ihren ganz eigenen Weg. Probiert alles nochmals aus, was früher selbstverständlich war. Die ersten beiden Jahre nach dem Unfall zog sie sich weitgehend zurück aus der Arbeit bei "Roots", um mit ihrem Körper zu arbeiten. Fünfmal die Woche Physiotherapie. Die Therapeuten sucht sie sich bis heute gut aus. "Die müssen zu mir passen, müssen mit mir glauben: Da geht noch was."

Den Vorschlag, sich umschulen zu lassen, lehnte die Outdoor-Trainerin ab. Sie übernahm zunächst die Arbeit im Büro, inzwischen ist sie wieder zu 70 Prozent berufstätig. Unter anderem im Freien. Sie vermittelt Menschen mit Behinderungen Sportarten, ermuntert andere Querschnittsgelähmte, den Rollstuhl mal für ein paar Stunden gegen ein Wildwasserboot zu tauschen.

Sport ist alles für Andrea Szabadi-Heine. "Beweg dich einfach" lautet ihr Leitspruch - und meint damit körperliche wie geistige Beweglichkeit. Die Allgäuer Landschaft erobert sie mit dem Handrad (einer Art Rollstuhl, der mit Handkurbeln angetrieben wird). Die Berge kann sie sich wieder erschließen, seit sie Monoski fährt - sie ist eine der wenigen Skilehrerinnen für Menschen mit Behinderung. Als Wasserskifahrerin feiert sie Erfolge, im September steht die Europameisterschaft in Italien an. Wonach sie sich am meisten sehnt? "Einfach mal losrennen können". Die dunkelblonde Frau sieht nicht wehmütig aus, wenn sie das sagt. Denn gleich fällt ihr ein: "Diesen Winter war ich das erste Mal mit dem Langlaufschlitten auf der Loipe. Das war ein Gefühl der Freiheit."

Mühsam sieht jeder Schritt aus, den die 42-Jährige geht in ihrer Wohnung, von der Spüle zum Tisch und später wieder zum Rollstuhl. "Jeder hat seine Baustelle im Leben - ich hab halt die Behinderung", sagt Andrea Szabadi-Heine. Sie wolle kein Mitleid erwecken, betont sie. Auch nicht als besonders zäh oder heldenhaft dastehen. "Man hält mich für einen Spezialfall", beschreibt sie die Einschätzung vieler Mediziner.

Die Sportlerin lebt heute die gleichen Grundsätze wie vor ihrem Unfall: Sie setzt sich Ziele, arbeitet mit klarem Kopf und Ausdauer an deren Umsetzung und hadert nicht, wenn nicht alles möglich ist. Vor allem hat sie Visionen. "Irgendwann werde ich wieder normal gehen", sagt Andrea Szabadi-Heine. "Und wenn es in einem anderen Leben ist." Von Ingrid Grohe

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