Samstag, 25. Juni 2016

03. Mai 2013 08:07 Uhr

NSU-Prozess

Beate Zschäpe holt sich starkes Verteidiger-Team

Stahl, Heer und Sturm: Die Namen von Zschäpes Verteidigern sorgen für Aufsehen. Es besteht jedoch kein Bezug zur Neonaziszene - auch wenn es so klingt.

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Zschäpes Verteidiger (v. l.): Wolfgang Stahl, Wolfgang Heer und Anja Sturm.
Foto: Peter Kneffel, dpa

Man kommt um das Thema nicht herum: Wenn in einem Prozess um eine rechtsterroristische Mordserie die Verteidiger der Hauptangeklagten Stahl, Heer und Sturm heißen, was hat das zu bedeuten? In diesem Fall: nichts.

Denn auch wenn es so klingt, als habe die mutmaßliche Nazi-Terroristin Beate Zschäpe ihre Rechtsanwälte nach den Namen ausgesucht, ist der martialische Dreiklang reiner Zufall. Wolfgang Stahl, Wolfgang Heer und Anja Sturm sind völlig frei vom Verdacht, rechtsextremistische Szene-Anwälte zu sein. Eher schon könnten sie einer amerikanischen Anwaltsserie entstammen. Alle drei sind um die 40, sie sind smart, sie sind ehrgeizig. Ideologisches Arbeiten, wie es bei den RAF-Prozessen teils der Fall war, ist ihnen fremd.

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Die drei sind nicht auf Vermittlung alter Seilschaften zu dem Mandat gekommen, sondern durch die Vermittlung eines Kollegen. Als Beate Zschäpe sich nach dem Selbstmord ihrer Kameraden am 8. November 2011 stellte, ging sie in Begleitung eines ihr bekannten Anwalts zur Polizei in Jena. Der erkannte schnell, dass die Angelegenheit für ihn eine Nummer zu groß war und rief den Kölner Kollegen Wolfgang Heer an. Der wurde der erste Pflichtverteidiger der mutmaßlichen Terroristin.

Top-Verteidiger für NSU Zschäpe

Heer, 1973 geboren, ist ein echter Kölner, der dem Karneval zugeneigt ist und die liberale Atmosphäre der Domstadt mag. Er ist seit 2004 als Anwalt zugelassen. Seine ersten größeren Prozesse führte er im Bereich Wirtschaftskriminalität. Heer kann, so wird erzählt, völlig emotionslos Richter und Staatsanwälte zur Weißglut treiben.

„Er ist unser Kettenhund“, sagt sein Koblenzer Kollege Wolfgang Stahl über ihn. Die beiden kennen sich seit Jahren und haben schon öfter zusammengearbeitet. Stahl, 1972 geboren, verteidigte bislang vor allem Wirtschaftsmanager. Seine Spezialität ist das Revisionsrecht. Diese Fachkenntnis wird er aller Voraussicht am Ende des NSU-Prozesses brauchen können. Denn wie auch immer das Verfahren ausgeht, das am Montag starten soll – eine Revision ist höchst wahrscheinlich.

Anja Sturm, Jahrgang 1970, hat schon mutmaßliche Mörder, Islamisten und Mafiosi verteidigt, aber der NSU-Prozess ist auch ihre größte Herausforderung. Nach dem Jura-Studium arbeitete sie unter anderem beim EU-Ministerrat in Brüssel und eröffnete eine Kanzlei in Berlin. Nach der Geburt von Zwillingen war sie von 2004 bis 2012 in einer bekannten Münchner Kanzlei tätig. Heute arbeitet sie wieder in Berlin. 2010 wurde bei Anja Sturm Krebs diagnostiziert. Operation, Chemotherapie, das ganze Programm. Heute glaubt sie, dass die Krankheit überwunden ist.

Auch Neonazis haben Recht auf einen fairen Prozess

Wie können diese drei eine Frau vor Gericht vertreten, die als Inkarnation des Bösen gilt? Geld? Der Honorarsatz für eine Pflichtverteidigung liegt bei 435 Euro pro Sitzungstag plus Spesen. Es gehe ihnen um den Rechtsstaat, sagen die Verteidiger. Auch eine in der Öffentlichkeit vorverurteilte Neonazi-Terroristin wie Beate Zschäpe habe ein Recht auf einen fairen Prozess mit einer kompetenten Verteidigung. Die Anwälte wissen aber, dass sie mit dieser Argumentation nicht alle Menschen erreichen werden.

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Ein Artikel von
Holger Sabinsky-Wolf

Augsburger Allgemeine
Ressort: Bayern und Welt