Samstag, 17. Februar 2018

05. Februar 2018 20:21 Uhr

Katholische Kirche

Bistum Eichstätt wurde wohl um 60 Millionen US-Dollar betrogen

Zwei Beschuldigte sitzen in U-Haft. Sie sollen das Bistum mit Immobilien-Geschäften betrogen haben. Die Staatsanwaltschaft hat jetzt die Art und den Umfang der Vorwürfe bestätigt.

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Im Bistum Eichstätt spielt möglicherweise einer der größten Finanzskandale der katholischen Kirche in Deutschland: Nach Informationen unserer Redaktion könnte dem Bistum durch einen früheren Mitarbeiter und dessen Geschäftspartner ein Schaden von 60 Millionen US-Dollar, das sind umgerechnet etwa 48,2 Millionen Euro, entstanden sein. Bei dem früheren Bistumsmitarbeiter soll es sich dem Vernehmen nach um den früheren Finanzdirektor handeln.

Der Mann soll mit krimineller Energie vorgegangen sein und Kredite für Bauvorhaben in den USA vergeben haben, ohne diese, etwa durch eine Grundschuld, abzusichern. Das bestätigte eine Sprecherin der für Wirtschaftsstrafsachen zuständigen Schwerpunktstaatsanwaltschaft München II am Montag unserer Redaktion. Zudem soll er Geld in die eigene Tasche gewirtschaftet haben.

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Ex-Mitarbeiter soll Bistum Eichstätt um Millionen betrogen haben

In einer am Montag veröffentlichten Pressemitteilung ging das Bistum nicht konkret auf den Sachverhalt ein, teilte aber mit: „Der Vorwurf lautet auf Untreue, Bestechung und Bestechlichkeit im geschäftlichen Verkehr.“ Martin Swientek, Sprecher des Bistums Eichstätt, sagte auf Nachfrage: „Es wurden Darlehen in Höhe von 60 Millionen US-Dollar vermögensgefährdend und ohne Absicherung gewährt.“ Ähnlich äußerte sich die Sprecherin der Staatsanwaltschaft, Karin Jung: „Wir gehen davon aus, dass der mögliche Schaden für das Bistum Eichstätt 60 Millionen US-Dollar beträgt.“ Die tatsächliche Schadenshöhe könne aber noch nicht beziffert werden. Ob das Geld ganz weg ist oder teilweise in Form von eventuellen Rückzahlungen zurückfließt, lässt sich momentan nicht absehen.

Der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke hatte im vergangenen Jahr eine Münchner Anwaltskanzlei beauftragt, Anzeige gegen den früheren Mitarbeiter und eine „als Projektentwickler im Immobilienbereich tätige Person“ zu erstatten. Bei dieser Person soll es sich um einen Bekannten des früheren Mitarbeiters des Bistums handeln – einen in den USA tätigen früheren deutschen Spitzenbanker, wie der WDR am Montag berichtete. Dieser hatte demnach mit einem Geschäftspartner seine Firmenzentrale in Dallas und soll in Projektgesellschaften investiert haben. Dem WDR zufolge soll er mit dem früheren Mitarbeiter des Bistums Eichstätt „von März 2014 bis Mai 2016 mehr als 30 ungesicherte Darlehen aus Bistumsvermögen an Projektgesellschaften in den USA vergeben haben“. An einigen dieser Projektgesellschaften könnte der frühere Bistumsmitarbeiter selbst beteiligt (gewesen) sein, hieß es.

Staatsanwältin Jung bestätigte, dass Gegenstand der Ermittlungen die Vergabe von nicht abgesicherten Krediten für Bauvorhaben in den USA sei. Zur Zahl möglicher Fälle wollte sie keine Angaben machen. Jung erklärte auf Anfrage unserer Redaktion auch, dass das Bistum Eichstätt das Ermittlungsverfahren losgetreten habe. Es laufe seit Sommer 2017 und es handele sich um ein „umfangreiches Verfahren“. Alleine für den Straftatbestand Betrug ist vom Strafrahmen her eine Freiheitsstrafe von zehn Jahren im besonders schweren Fall vorgesehen.

Die Verwaltung der Kirchenfinanzen war teils unprofessionell

Einen ersten Verdacht hatte das Bistum nach eigenen Angaben im Mai 2017. Damals sei erstmals ein fälliges Darlehen nicht zurückgezahlt worden. In seiner Pressemitteilung führte es aus: „Im Rahmen der Umstellung der Finanz- und Vermögensverwaltung der Diözese Eichstätt sind die damit beauftragten externen Fachleute auf Vorgänge gestoßen, die den Verdacht rechtswidriger Praktiken bei der Anlage des Vermögens nahelegen.“ Die Indizien für ein strafrechtlich relevantes Verhalten seien im Zuge der von Bischof Gregor Maria Hanke initiierten Transparenzoffensive zutage gefördert worden.

Deren erstes Ziel ist es – einer Darstellung des Bistums zufolge –, das Vermögen der Diözese Eichstätt nach den Kriterien des Handelsgesetzbuches (HGB), also nach kaufmännischer Buchführung, zu erfassen. Diese Art der Buchführung, vergleichbar mit der in Wirtschaftsunternehmen, wird nach und nach in den deutschen Bistümern eingeführt. Sie ist eine Folge des Skandals um den früheren Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst, der die Baukosten seines künftigen Bischofssitzes verschleiert hatte. Bislang war das Kirchenvermögen, das auch aus Kirchensteuern oder Spenden von Gläubigen besteht, für die Öffentlichkeit kaum einsehbar.

Wie unprofessionell die Verwaltung der Kirchenfinanzen teilweise war, zeigt dabei das Bistum Eichstätt. Das strukturierte erst vor einem Jahr seine Finanz- und Vermögensverwaltung neu. Zum Ende des Jahres 2016 trat der Leitende Finanz- und Baudirektor, ein Domdekan, im Alter von 65 Jahren zurück. Er erklärte damals, dies sei ein Beitrag dazu, „dass die für die Zukunftssicherung der Diözese Eichstätt erforderlichen Schritte im Hinblick auf personelle Strukturen vollzogen werden können“. Zudem verwies er auf die „in den letzten Jahren stark veränderten fachlichen Anforderungen an das Amt des Leitenden Finanz- und Baudirektors“. In anderen Worten: Der Mann war offensichtlich überfordert. Hinzu kommt: Ende 2016 trennte sich das Bistum Eichstätt auch – „einvernehmlich“ – von seinem Finanzdirektor. Der unterstand zusammen mit dem Baudirektor dem Leitenden Finanz- und Baudirektor.

Verantwortlich sein sollen zwei Personen

Auf die Fragen, ob und warum der nun beschuldigte frühere Mitarbeiter des Bistums überhaupt über Millionensummen verfügen habe können und wer ihn kontrolliert habe, antwortete Bistumssprecher Martin Swientek im Gespräch mit unserer Redaktion: „Der Leitende Finanz- und Baudirektor wurde offensichtlich getäuscht.“

Was genau das Domkapitel, an dessen Spitze der Leitende Finanz- und Baudirektor stand, und der Diözesanvermögensverwaltungsrat als Kontrollinstanzen wussten, muss jetzt geklärt werden. Am 4. Dezember 2017 meldete das Bistum jedenfalls auch noch den Rückzug des ehemaligen Leitenden Finanz- und Baudirektors vom Amt des Domdekans in den Ruhestand – aus persönlichen, nicht zuletzt gesundheitlichen Gründen. Der Diözesanvermögensverwaltungsrat besteht seit 1. August 2017, in neuer Besetzung, aus nun „unabhängigen, nicht in einem Dienst- oder ähnlichen Verhältnis zu einem kirchlichen Rechtsträger stehenden Experten“.

Und die Zahl der Beschuldigten? „Alle Anzeichen deuten darauf hin, dass die beiden in unserer Presseerklärung Genannten den Schaden zu verantworten haben. Sonst niemand“, sagte Swientek.

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Ein Artikel von
Daniel Wirsching

Augsburger Allgemeine
Ressort: Bayern und Welt


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