Dieser Satz ist bemerkenswert: "Es ist Zeit, darüber nachzudenken, ob ein schlichtes ,Immer- mehr'-Denken die Zukunft gewinnen kann", sagt Bundespräsident Horst Köhler bei der Verleihung des Deutschen Umweltpreises. Von Winfried Züfle

Dieser Satz ist bemerkenswert: "Es ist Zeit, darüber nachzudenken, ob ein schlichtes ,Immer- mehr'-Denken die Zukunft gewinnen kann", sagt Bundespräsident Horst Köhler am Sonntag in Augsburg bei der Verleihung des Deutschen Umweltpreises.
Wie bitte? Redet nicht die gesamte Politik im Augenblick von nichts anderem als Wachstum? Soll nicht das "Immer-Mehr" die Finanzkrise, die Schuldenkrise, die Jobkrise lösen? Ist Wachstum nicht einer der zentralen Begriffe im Bündnispapier der neuen schwarz-gelben Koalition in Berlin? Das Publikum horcht jedenfalls auf - und bedenkt die Rede des Staatsoberhaupts am Ende mit viel Beifall.
Horst Köhler, der unabhängige Kopf im Präsidentenamt, grenzt sich zwar ab von "Verzichtsaposteln, Technikfeinden und Schwarzsehern". "In dieser Ecke", sagt er, habe die Umweltpolitik nichts verloren. Aber er lässt keinen Zweifel: Das "carbone Zeitalter", in dem die Kohlenstoff-haltigen Energieträger Öl, Kohle und Gas verfeuert werden, die das Weltklima ruinieren, muss überwunden werden.
Bei den Bürgern erkennt das Staatsoberhaupt bereits Anzeichen für ein Umdenken: "Es ist ,cool', mit dem Fahrrad durch die Stadt zu fahren, statt mit dem Geländewagen. Das Energiesparhaus wird zum neuen Statussymbol", stellt er fest. Und die Politik? Er fordert von ihr zum Beispiel "eine Steuerpolitik, die mehr ökologische Anreize setzt". Das gab es zuletzt bei Rot-Grün. Für Schwarz-Gelb hat dies im Augenblick nicht oberste Priorität.
Doch Köhler macht Mut, das ebenso schwierige wie notwendige Unterfangen anzupacken: "Die klimafreundliche Zukunft ist machbar - Deutschland hat alle Voraussetzungen, sie für sich zu gewinnen." Deutsche Umwelttechnik sei überall gefragt. "Das Potenzial für eine ökologische industrielle Revolution haben wir. Wir müssen es aber auch so schnell wie möglich erschließen."
Als hätte es eines Beweises für diese Aussage bedurft, wurden nach der Köhler-Rede zwei Unternehmer aus dem Sauerland präsentiert, die fortschrittlichste deutsche Umwelttechnik entwickelt haben. Petra Bültmann-Steffin und Carsten Bührer gelang es, den erst vor 20 Jahren entdeckten physikalischen Effekt der Hochtemperatur-Supraleitung zu nutzen, um das Aufheizen von Metallen mit 50 Prozent weniger Strom zu bewerkstelligen. Dafür erhielten sie ebenso wie der Meeresforscher Bo Barker Jrgensen und die ehemalige Vorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Angelika Zahrnt, aus der Hand des Bundespräsidenten den mit insgesamt 500 000 Euro dotierten Deutschen Umweltpreis 2009.
Zahrnt, die inzwischen Ehrenvorsitzende des BUND ist, hatte maßgeblich zwei umfangreiche Studien unter dem Titel "Zukunftsfähiges Deutschland" angestoßen. Jetzt plant sie die Herausgabe eines Buches, das sich mit Lebensformen in einer nicht mehr vom Wachstum geprägten Gesellschaft befasst. "Glück und Zufriedenheit der Menschen steigen nicht mit der Masse der Güter", erläutert die gelernte Volkswirtschaftlerin Zahrnt. Dem Bundespräsidenten, ebenfalls studierter Ökonom, gefällt das Vorhaben offenkundig. "Daran beteilige ich mich", sagte er spontan.
Nach der festlichen Preisverleihung in Augsburg widmet sich Köhler noch einer humorvollen Seite der Region. Im Kloster Roggenburg (Landkreis Neu-Ulm) besichtigt er die Ausstellung "Die Augenbraue", die Karikaturen zeigt, in deren Mittelpunkt der ehemalige CSU-Chef und Bundesfinanzminister Theo Waigel steht. Köhler und Waigel verbindet eine Freundschaft. Einst hatte Köhler als Staatssekretär für Waigel gearbeitet. Deswegen vergisst er auch nicht, Waigel als "Vater" der Deutschen Bundesstiftung Umwelt und damit des Umweltpreises zu würdigen. Der Ex-CSU-Chef hatte mit Privatisierungserlösen das Öko-Projekt ins Leben gerufen. (Winfried Züfle)
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