Freitag, 15. Dezember 2017

26. Januar 2013 08:09 Uhr

Schicksal

Das Abenteuer, ein deutsches Kind zu sein

Lordinas Mutter schaffte es als Bootsflüchtling nach Spanien. Dort wurde sie von einem Urlauber aus Augsburg schwanger. Jetzt ist das Baby in Schwaben. Und das Leben kompliziert.

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Die sechs Wochen alte Lordina schläft selig im Arm ihrer Mutter. Das Kind der Frau aus Ghana hat einen deutschen Vater. Eine komplizierte Angelegenheit. Foto: Mayr
Foto: Manuela Mayr

Augsburg Der Brief der Regierung von Schwaben beginnt ohne Anrede und endet ohne Grußformel. „Bescheid“ steht darüber, und dann heißt es: „Für die nachfolgend genannte Person... ergehen folgende Anordnungen: Sie sind ab dem 23.1. 2013 dem Landkreis Augsburg zugewiesen. Als künftiger Wohnsitz wird Ihnen zugewiesen: Gemeinschaftsunterkunft (Asyl) GU Gersthofen... Sie sind spätestens am 23.1. 2013 zum Einzug... verpflichtet.“

Das „Sehr geehrte Frau N.“ hat sich die Sachbearbeiterin gespart, ebenso das „Mit freundlichen Grüßen“. Die Frau aus Ghana mit dem sechs Wochen alten Baby kann noch kein Deutsch, sodass ihr die Unhöflichkeit verborgen bleibt. Doch falls sie den Bescheid aufbewahrt, wird sich ihre Tochter Lordina vielleicht eines Tages wundern.

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Dr. Rolf Peter Lindner regt sich heute schon darüber auf: „Allein dieser Ton!“, sagt er empört. Der Bescheid ist seiner Meinung nach „reine Schikane“. Frau N., die schwanger aus Spanien nach Augsburg kam, auf der Suche nach dem Vater ihres Kindes, ist einer seiner Schützlinge. Der Arzt leitet ehrenamtlich die Malteser-Migrantenmedizin und hatte die Afrikanerin in das Augsburger Frauenhaus vermittelt. In einer Reportage auf der Dritten Seite hatten wir darüber berichtet und dabei erwähnt, dass Lindner einen Paten oder eine Patin für das Baby sucht.

Mehrere Interessenten hatten sich daraufhin gemeldet. Sigrid G. aus Neusäss, die selbst eine siebenjährige Tochter hat, kümmert sich nun regelmäßig um Mutter und Kind – aus ihrem christlichen Glauben heraus, wie sie sagt, „und weil es unserer Familie so gut geht.“

So hatte sich alles wunderbar gefügt. Die 29-jährige Ghanaerin schien endlich zur Ruhe zu kommen, nachdem sie es unter dramatischen Umständen in einem Flüchtlingsboot nach Spanien geschafft hatte. Glücklich, die Strapazen überlebt zu haben, ließ sie sich dort mit einem deutschen Urlauber ein. Der ursprünglich aus Togo stammende Mann verschwieg ihr allerdings, dass er verheiratet ist und schon drei Kinder hat. Aber er verriet ihr, dass er in Augsburg lebt.

Als N. merkte, dass sie schwanger war, schlug sie sich nach Augsburg durch, irgendwie. Einmal – es war schon Oktober – habe sie in einer Bushaltestelle geschlafen. Ein richtiges Dach über dem Kopf bekam sie vorübergehend, weil sie sich durchfragte und so eine Familie kennenlernte, die ebenfalls aus Ghana stammt. Doch dort konnte sie wegen Platzmangels auf Dauer nicht bleiben. Ein Zusammenleben mit dem Vater ihres Kindes kam auch nicht infrage, weil dieser schon eine Familie hat. Noch unter dem Schock dieser Nachricht kam die Schwangere in die Migranten-Praxis von Dr. Lindner, der dann den Platz im Frauenhaus für sie fand.

Die Einreise war illegal, und das hat Folgen

Einziger Lichtblick: Der Augsburger erkennt die Vaterschaft an und bezahlt freiwillig 150 Euro im Monat. Der auf Ausländerrecht spezialisierte Anwalt Helmut Riedl beantragte deshalb für N. die Duldung, nicht Asyl. Dass die Frau jetzt doch in die Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber umziehen musste, und zwar von heute auf morgen, kritisiert der Anwalt nicht. Denn obwohl ihr Baby wohl bald einen deutschen Kinderpass bekommen wird, sei die Mutter illegal eingereist – ohne Pass und ohne Visum.

Die Ausländerbehörde sprach wegen der Schwangerschaft eine Duldung aus. „Dann“, so teilte die Regierung von Schwaben auf Anfrage mit, „gilt das Asylbewerberleistungsgesetz“. Deshalb sei Frau N. verpflichtet, in einer staatlichen Gemeinschaftsunterkunft zu wohnen.

Für das schwarze deutsche Mädchen Lordina beginnt das Leben abenteuerlich. Seine Mutter ist mit ihm vom Vierbettzimmer im Frauenhaus in Augsburg in die Flüchtlingsunterkunft in Gersthofen umgezogen. In dem unscheinbaren Haus im Industriegebiet haben die beiden ein Zimmerchen für sich allein. Die schwarze Frau beklagt sich nicht. Sie hat ja eine Perspektive.

Dass sie als Mutter eines deutschen Kindes ein Aufenthaltsrecht hat, ist keine Frage. Aber einige Hürden sind doch noch zu nehmen. N. wartet auf einen Pass aus Ghana. Das dauert. Zudem, so der Anwalt, sei mit einem Strafverfahren wegen der illegalen Einreise zu rechnen, das mit einer Geldstrafe enden dürfte. Sechs Wochen vergehen dann erfahrungsgemäß noch, bis die Aufenthaltserlaubnis vorliegt und ein Auszug aus der Unterkunft möglich ist. So lange gibt es für Lordina kein Kindergeld und für die Mutter gilt das Asylbewerberleistungsgesetz. Ob Lordinas Vater den vollen Unterhalt von 340 Euro zahlen kann, wird eine der nächsten Fragen sein.

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