Samstag, 18. November 2017

01. Februar 2009 20:25 Uhr

Revolution im Klassenzimmer

Das Ende der Kreidezeit in Bayern

Die Nachrufe sind verfasst: Aus Hamburg oder Berlin wird bereits das "Ende der Kreide-Zeit" vermeldet. Die Tafel in jedem Klassenzimmer einer jeden Schule - es gibt sie bald nicht mehr. Von Daniel Wirsching

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Von Daniel Wirsching

Augsburg. Die Nachrufe sind verfasst: Aus Hamburg oder Berlin wird bereits das "Ende der Kreide-Zeit" vermeldet. Die tannengrüne Tafel in jedem Klassenzimmer einer jeden Schule - es gibt sie bald nicht mehr. Tafel und Tafeldienst, Schwamm und Kreide. Ade!

Doch während in Hamburg bis 2010 alle Schulen mit digitalen Tafeln, sogenannten interaktiven Whiteboards, ausgerüstet sein sollen und in Berlin die erste staatliche Schule sämtliche Kreidetafeln aus den Klassenzimmern geräumt hat, hält der Fortschritt in Bayern nur zögerlich Einzug.

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Digitale Tafeln gelten unter vielen Lehrern im Freistaat als das Unterrichtsmittel der Zukunft. Angeschlossen an Computer und Beamer können sie mit Whiteboards im Internet surfen, Dokumente beliebig bearbeiten und abspeichern oder Fotos und Filme gemeinsam mit den Schülern ansehen. Seit Oktober 2008 hängt eine digitale Tafel im Maria-Ward-Gymnasium in Augsburg. Gestiftet hat sie der Elternbeirat, genutzt wird sie in der Ganztagsklasse. "Es ist ein Medium, das die Schüler reizt", sagt der stellvertretende Schulleiter Norbert Ruof. Er setzt das Whiteboard im Mathematikunterricht ein. Die Fünftklässler sind begeistert. Sie müssen mit einem elektronischen Stift nur in die Nähe der Tafel kommen, schon entstehen Linien, Kreise, Zahlen. Kreide vermisst hier keiner.

Eine flächendeckende digitale Revolution an Bayerns Schulen ist dennoch bislang ausgeblieben: Die Kosten für die Whiteboards müssen die Sachaufwandsträger (bei staatlichen oder kommunalen Schulen die Kommunen, bei privaten Schulen die jeweiligen Träger) übernehmen. Will ein Schulleiter ein Whiteboard anschaffen, muss er beispielsweise mit dem Kämmerer seiner Stadt verhandeln. So wie Franz Michael Schneider in Memmingen. Der Rektor der Lindenschule, einer Hauptschule, kämpft seit drei Jahren für eine digitale Tafel. Sie würde etwa 3 000 Euro kosten. "Wenn wir das in einer Schule anfangen, machen wir ein Fass auf, heißt es immer", sagt Schneider. Von ihrem EDV-Budget könnte sich die Schule zwar ein Whiteboard kaufen. "Aber dann fehlt uns das Geld für Beamer oder Computer."

Die Zuständigkeit der Schulträger birgt ein weiteres Problem: Niemand weiß, wie viele digitale Tafeln es in Bayern gibt, geschweige denn, ob ihr Einsatz im Unterricht wirklich sinnvoll ist - eine wissenschaftliche Auswertung ist nicht vorgesehen. Guido Reuter, Geschäftsführer der Firma MCR Informationssysteme bei München - er vertreibt digitale Tafeln seit 1995 - schätzt ihre Zahl auf 1 000 im Freistaat. Das verkündete "Ende der Kreide-Zeit" hält er für stark übertrieben.

"Durch Ignoranz haben viele Lehrer und Sachaufwandsträger mit den Zaubertafeln in der Vergangenheit Schiffbruch erlitten", sagt Reuter. Gerade ältere Lehrer hätten sich nicht auf die Neuerung eingelassen. Eine Mitschuld trage das Kultusministerium, das sich nicht um die Einführung der Technologie kümmere.

Von staatlicher Seite heißt es knapp: "Das Ministerium befürwortet grundsätzlich den Einsatz von interaktiven Whiteboards." Bei Fragen können sich Schulen an den "Beraterkreis für Schulrechner" wenden. Dessen Tipp: "Es empfiehlt sich, diese Systeme fest zu installieren, damit das anfängliche Justieren des Beamerbildes entfällt."

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Ein Artikel von
Daniel Wirsching

Augsburger Allgemeine
Ressort: Bayern und Welt


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