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30. Oktober 2011 09:58 Uhr

Polit-Show

Der Christian und der Hubert

Münchens Oberbürgermeister Ude (SPD) besucht Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger auf seinem Hof. Eine Begegnung der besonderen Art.

Eine herausragende Rolle in der Weltgeschichte hat Rahstorf bisher nicht gespielt. Nebenan in Inkofen, Kirchberg und Andermannsdorf haben zumindest die Schweden zwei Schlösser und zwei Pfarrhöfe niedergebrannt, als sie 1632 hier durchkamen. Aus Rahstorf ist nichts Derartiges überliefert. Früher gehörte das Dorf zur Gemeinde Inkofen, die 1978 der niederbayerischen Kleinstadt Rottenburg an der Laaber (7600 Einwohner) eingemeindet wurde. Rahstorf also ist nur ein Teil eines kleinen Ortsteils. Es gibt hier einen Gasthof, einige Bauernhöfe, jede Menge Sauen und meistens um diese Jahreszeit liegt das Dorf unter einer zähen Hochnebeldecke.

Doch Rahstorf hat einen Sohn, der es zumindest in Bayern schon zu einer gewissen Bekanntheit gebracht hat: Hubert Aiwanger, 40 Jahre alt, ledig, Diplom-Landwirt und Chef der Freien Wähler in Deutschland, in Bayern und im Bayerischen Landtag. „Der Hubert“, wie sie ihn im Dorf nennen, hat einen Plan wahrhaft historischen Ausmaßes: Er will der übermächtigen CSU nach fünf Jahrzehnten die Regierungsmacht in Bayern entreißen. Von Rahstorf aus will er Geschichte schreiben. Dazu braucht er Verbündete. Deshalb hat er „den Christian“ zu sich eingeladen. „Der Christian“ ist ungleich bekannter in Bayern und in Deutschland. Er heißt Ude mit Nachnamen, ist 64 Jahre alt, verheiratet, seit 45 Jahren Mitglied der SPD und seit 18 Jahren Oberbürgermeister in München.

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Christian Ude und Hubert Aiwanger: Eine Begegnung der besonderen Art

Es ist eine Begegnung der besonderen Art. Kamerateams, Radioreporter und alles in allem gut drei Dutzend Journalisten stehen an diesem Samstagmittag auf dem Hof und warten. Eine Polizeistreife ist da, hat aber nichts zu tun. Es gibt Kaffee und Getränke. Mutter Aiwanger hat Kuchen gebacken, kommt aber nicht raus. Vater Aiwanger ist vor dem Rummel auf die Jagd geflüchtet. Neugierige Rahstorfer mischen sich unter die Reporter. Sogar aus Inkofen sind einige rübergekommen. Die freche Frage eines Reporters, „Ja warum ist er denn noch nicht verheiratet, der Hubert?“, können auch sie nicht beantworten: „Ja, mei.“

Aiwanger versucht, die Journalisten auf das Zusammentreffen von Stadt und Land und auf die Ankunft Udes vorzubereiten. „Mir fahr’n bei dem Wetter ohne Licht, der kommt wahrscheinlich mit de’ Nebelscheinwerfer.“ Nebenbei erklärt er noch, wie es sich in Rahstorf mit dem schnellen Internet verhält. „Ich schalt’ ein, geh’ Brotzeit machen, dann komm’ i’ wieder, dann is’ da.“

Ude kommt etwas zu früh. Mit seinem Gastgeschenk – ein selbst geschriebenes Buch über Pinselohrschweine – will er bei diesem ersten Zusammentreffen eine Brücke schlagen von München mit seinem Tierpark zur Schweinemast nach Rahstorf. Die Herren kennen sich bisher nicht. Aber sie duzen sich. Udes Erklärung hinterher: „Ich habe festgestellt, dass ich ihm noch nie das Sie angeboten habe – dann bleibt man halt beim Du.“ Außerdem arbeite man schließlich auf derselben Baustelle. Da sei es üblich, sich von Anfang an zu duzen.

Die PR-Maschine von SPD und Freien Wählern läuft auf Hochtouren: Foto vorm Haus, gemeinsam mit Edith von Welser-Ude und Florian Streibl, dem Parlamentarischen Geschäftsführer der Freien Wähler im Landtag. Foto von Aiwanger und Ude mit Ferkel. Ude nimmt das Ferkel bereitwillig auf den Arm und erklärt hinterher seine Technik: „Die rechte Hand unter die Brust, damit es sicher ruht, und mit der linken Hand am rechten hinteren Haxen festhalten.“ Foto bei Aiwangers Kälbern. Fernsehinterviews auf freiem Feld. Ude will sein Interesse für die Probleme des ländlichen Raums dokumentieren. Aiwanger will zeigen, dass er ihm etwas zu sagen hat. Gäb’s einen echten Gockel auf dem Hof – in diesem Moment könnte er einpacken.

Hubert Aiwanger will an die Macht

Die politischen Botschaften freilich sind eindeutig: Aiwanger will zwar an die Macht, sich jedoch nicht vorab auf eine Dreierkoalition mit SPD und Grünen festlegen. Ude zeigt dafür Verständnis und lobt ausdrücklich die „Professionalität“ des Freie-Wähler-Chefs. Man ist sich einig, dass man sich über fast alles einig ist, außer über die dritte Startbahn am Münchner Flughafen. Aiwanger ist dagegen, Ude dafür. Eine 1000-Euro-Wette wird geschlossen. Beide betonen aber ausdrücklich, dass eine mögliche Koalition an der Startbahn-Frage nicht scheitern würde.

Zum Abschluss wird im Bürgersaal in Rottenburg auch noch richtig Politik gemacht. Aiwanger hat Stadträte eingeladen. Bürgermeister Alfred Holzner, der mit seinen Freien Wählern neun von 20 Sitzen im Stadtrat erobert hat, berichtet über die Nöte einer Kommune im ländlichen Raum: Schulen müssen schließen, Ärzte wandern ab, Bauland wird teurer, weil die Grundstückspreise durch die Energiewende steigen. Ude hört zu, fragt nach und weicht keiner Frage aus. Er spricht über „kommunalpolitische Solidarität“ und erntet Applaus. Aiwanger und Ude demonstrieren in dieser Runde, dass sie, wenn es ernst wird, vielleicht wirklich miteinander könnten. Und wenn tatsächlich etwas draus wird, soll hier schon mal festgehalten werden: Begonnen hat es in Rahstorf, anno 2011, unter herbstlichem Hochnebel.

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